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Mann und Kind beim Einkaufen in der Gemüseabteilung

Natürlich gesund

Die Nachfrage nach Biolebensmitteln steigt stetig, auch wenn sich Experten über den tatsächlichen Wert und die Bedeutung natürlicher Produktionsweisen streiten. Eine EU-Studie attestiert ihnen jedoch zahlreiche Vorteile.

In der EU-Öko-Verordnung ist festgelegt, wie Biolebensmittel produziert, kontrolliert, nach einem Import in die EU zertifiziert und gekennzeichnet werden müssen. Das gilt für pflanzliche und tierische Lebens- und Futtermittel aus ökologischer Landwirtschaft und ökologischer Verarbeitung. Außerdem haben viele Länder und Verbände eigene, freiwillige Kennzeichnungen und Regelungen, die häufig über die EU-Bestimmungen hinausgehen. Dazu zählen unter anderem BIO AUSTRIA oder Demeter sowie die Bio-Eigenmarken der verschiedenen Lebensmittelketten.

„Österreich war in der Entwicklung eines staatlichen Rechtsrahmens für den Biolandbau führend“, erklärt Johann Kreschischnig, Kärnten-Obmann des Verbandes BIO AUSTRIA. Bereits 1978 habe man begonnen, ein Reglement zu entwickeln, das seit Anfang 1980 im österreichischen Lebensmittelcodex festgeschrieben sei. So ist genau festgelegt, welcher (nicht wasserlösliche) Dünger, welche Biofuttermittel verwendet werden dürfen und wie Tiere zu halten sind. Prophylaktische Antibiotikagaben und Wachstumshormone sind verboten. Die Weiterverarbeitung muss ohne chemische Farb- und Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker oder gentechnisch veränderte Rohstoffe erfolgen.

Ein wichtiger Aspekt für Konsumenten von Biofleisch ist das Tierwohl. Das bedeutet Mindeststallflächen, regelmäßiger Weidegang oder ausreichender Auslauf im Freien, Kontakt zu Artgenossen und intensive Betreuung. Beim Honig beispielsweise werden zwar biologisch bewirtschaftete Flächen als Standplätze empfohlen. Doch viel wichtiger ist, wie der Imker die Bienenstöcke behandelt. So dürfen für Stöcke und Rahmen nur natürliche Materialien verwendet werden. Nach der Entnahme des Honigs darf als Winterfutter ausschließlich Biozucker zugegeben werden. Zur Bekämpfung von Schädlingen sind nur natürliche organische Säuren erlaubt.

Ein starker Trend ist Biowein. Rund 15 Prozent der österreichischen Weingärten werden bereits nach Bioregeln geführt. „Obwohl nicht jede Flasche, die das verdienen würde, auch so gekennzeichnet wird. Manche Winzer machen das, damit die hochwertigen Bioweine auch von nicht so bio-begeisterten Konsumenten vorurteilsfrei gekauft werden“, weiß Kreschischnig.

2015 wurden weltweit 50 Millionen Hektar biologisch bewirtschaftet. Das ist nur ein Prozent der gesamten Agrarfläche. Österreich ist mit 24,3 Prozent aller landwirtschaftlichen Nutzflächen Spitzenreiter. In Europa hat Spanien in Summe die meisten Bioflächen, global gesehen ist es Australien. Weltweit gibt es fast 2,4 Millionen Biobetriebe, die meisten als Kleinstbetriebe in Indien, Äthiopien und Mexiko.

Kontrollen schaffen Sicherheit für die Konsumenten. „Einmal im Jahr tauchen auf jedem unserer Mitgliedsbetriebe unangekündigt Kontrolleure auf. Darüber hinaus gibt es bei zehn Prozent der bereits Kontrollierten nach dem Zufallsprinzip eine zusätzliche Prüfung“, sagt Kreschischnig. Das staatlich akkreditierte Kontrollsystem dafür besteht seit 1993. Für die weltweiten Kontrollen von Importprodukten nach Europa gibt es eigene Agenturen, die von Händlern und Ketten engagiert werden. „Wie überall wo Menschen arbeiten, könnte einmal etwas übersehen werden. Doch bei biozertifizierten Lebensmitteln kann man auf Grund des einzigartigen Kontrollsystems sicher sein, dass signifikant weniger Rückstände von Schadstoffen aller Art drin sind“, versichert Kreschischnig.

Laut einer Analyse der Agrarmarkt Austria Marketing GesmbH (AMA) sind rund zehn Prozent aller Lebensmittel in den Supermärkten Österreichs biozertifiziert. Und der Anteil wächst kontinuierlich. Kreschischnig sieht die Ursachen dafür in einem wachsenden Bewusstsein für Ernährung und dem Ansteigen von gesundheitlichen Problemen, die schulmedizinisch oft nicht gelöst werden können.


Milch und Fleisch







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EU-Studie

Aber sind Biolebensmittel tatsächlich gesünder? Darüber streiten sich die Experten. Die Verteidiger des konventionellen Landbaus argumentieren, dass für sogenannte Schadstoffe sehr niedrige Grenzwerte vorgeschrieben seien, die gesundheitlich ohnehin unbedenklich seien und dass die Lebensmittel die gleichen Nährstoffe enthalten wie jene aus dem Biolandbau. Die andere Seite argumentiert, dass nur jene Rückstände gemessen würden, die bekannt seien und man immer erst Jahre bis Jahrzehnte später feststellen kann, was noch so alles drin sei.

Mit der Frage, ob Bioprodukte gesünder seien, hat sich auch der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments befasst und 2016 eine Studie dazu veröffentlicht. Forscher aus europäischen Ländern sowie den USA werteten dafür wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Biolebensmitteln auf die Gesundheit aus. Was die Zusammensetzung anbelangt, stellten die Wissenschaftler ähnliche Werte für Vitamine und Mineralien in konventionell und ökologisch erzeugten Lebensmitteln fest. Doch Bioprodukte verzeichneten aufgrund des anderen Umgangs mit dem Boden unter anderem einen geringeren Cadmiumgehalt. Zudem wiesen Biomilch und Biofleisch mehr gesundheitsfördernde Omega-3-Fettsäuren auf.

Negative Folgen, die bestimmte Insektizide auf die kognitive Entwicklung bei Kindern haben, könnten mit ökologisch erzeugten Produkten, vor allem während der Schwangerschaft und im Kleinkindalter, minimiert werden. Darüber hinaus sollen Bioprodukte bei Kindern das Risiko für Allergien, Übergewicht und Fettleibigkeit sowie für Non-Hodgkin-Lymphome senken. Hier sei jedoch noch nicht klar, ob dies nicht auch darauf zurückzuführen sei, dass sich Biokonsumenten generell gesünder und bewusster ernähren, meinten die Forscher. Als weiterer Vorteil wird ein geringeres Risiko von Antibiotikaresistenzen bei Tieren in Biobetrieben genannt, „mit beträchtlichen Vorteilen für die öffentliche Gesundheit“, lautet das Fazit der Autoren.

Für Kreschischnig sind aber die Nebeneffekte des Biolandbaus, wie das Emittieren von weniger klimaschädigenden Gasen, die Schonung der Umwelt, mehr Artenvielfalt und mehr Tierwohl sowie die Tatsache, dass im biologischen Landbau arbeitende Menschen nicht der direkten Wirkung von Pestiziden ausgesetzt sind und häufig auch gerechter entlohnt werden, ebenso wichtig. „Und wenn mir immer wieder die Frage gestellt wird, ob wir mit natürlichem Landbau die steigende Weltbevölkerung ernähren können, kann ich darauf nur antworten: Nur so werden wir es schaffen. Denn mit dem Einsatz von synthetisch erzeugtem Stickstoff machen wir auf Dauer die Böden kaputt.“


Monika Unegg

November 2019

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Kommentar

Johann Kreschischnig

"Nur mit Biolandbau und dessen Weiterentwicklung kann die Menschheit langfristig überleben.“

Johann Kreschischnig

Obmann von BIO AUSTRIA Kärnten



Bilder: shutterstock; privat

Zuletzt aktualisiert am 22. November 2019