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Weihnachtsbaum

So gelingt das Fest

Jetzt ist sie wieder da, die „stillste“ Zeit im Jahr. Damit verbunden Kindheitserinnerungen, Erwartungen, Enttäuschungen. Unbeschadet durch den Advent und über die Feiertage zu kommen, ist mitunter gar nicht so einfach. Doch es kann gelingen, sagen Experten. 

Sabine liebt den Advent, den Kitsch, Christkindlmärkte, Geschenke auszusuchen, Kekse zu backen. Weihnachten ist ihre Zeit. Damit ist sie allerdings eine große Ausnahme. Denn die meisten assoziieren mit Weihnachten zwar Harmonie, Familienfeier und Frieden – der Alltag schaut aber anders aus. 42 Prozent der Frauen sagen laut einer britischen Studie, dass die Organisation der Feiertage die stressigste Herausforderung des Jahres ist. Ganz zu schweigen von der Adventzeit. Und Paartherapeuten und Scheidungsanwälte berichten, dass sich nach Weihnachten die Trennungen häufen. Warum tun wir uns das alles eigentlich an? 

„Weihnachten ist traditionell als Familienfest verankert, das ‚Wir‘, das Miteinander stehen im Mittelpunkt. Es hat eine archaische Komponente, man geht nach innen, wir ziehen uns zurück, suchen nach Entschleunigung. Damit kollidiert aber unser Lebensstil“, erklärt die Psychologin Mag. Romi Sedlacek. Weihnachten mit all seinen Ritualen ist eine Zeit, in der wir vieles intensiver erleben – ob wir wollen oder nicht: Friedenslicht, Spendenaktionen, leuchtende Kinderaugen berühren unser Innerstes und bringen unsere Sehnsucht nach einer guten Welt zutage. In der Werbung wird uns eine heile Welt suggeriert und was machen wir? Wir hetzen zwischen Punschhütte und Shoppingcenter, stehen Schlange an der Kassa des Spielzeuggeschäfts und jonglieren zwischen Familienfeier und Vanillekipferln. Schein und Sein, Wunsch und Wirklichkeit – zwei entgegengesetzte Kräfte wirken zu Weihnachten auf uns ein, ein Kompromiss scheint fast nicht möglich. Ist er aber doch! Mag. Sedlacek: „Wenn man das Gefühl der Atemlosigkeit spürt, sollte man bewusst in sich hineinhören. Wie komme ich zur Ruhe? Wie hätte ich es gerne? Wie schauen die Erwartungen aus?“ Das ist es, was Feste oft so schwierig macht. Kinder, Eltern, Partner, man selber, alle haben Erwartungen: an den Ablauf des Festes, Geschenke, Gefühle. Wenn sich diese aber nicht decken, kommt es zum Konflikt. 

Der Horror zu Weihnachten ist ein Streit unterm Baum. Warum es ausgerechnet in der „stillsten Zeit des Jahres“ zu Konflikten kommt, ist leicht erklärt. „Zu Weihnachten sind wir sehr sensibel. Streit hat meist viele Gründe. Manchmal entladen sich alte unaufgearbeitete Geschichten und Kränkungen oder es entstehen Konflikte zwischen Menschen, die man zum Christfest eingeladen hat oder zwischen Eltern und Kindern. Und obendrein spielt auch Alkohol eine große Rolle und ‚begünstigt‘ Streitereien“, so die Psychologin.  

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Konflikte 

Ihr Tipp: Wenn man Personen einlädt, die sich eventuell nicht verstehen, sollte man den Konflikt ansprechen und fragen, ob es für diejenigen möglich ist, friedlich zu feiern. Das nimmt schon einmal die Schärfe weg. Streit vorzubeugen hilft auch, die Erwartungen der Beteiligten auf den Tisch zu legen. Wollen pubertierende Kinder nach der Bescherung noch mit Freunden abhängen? Ist für die Eltern die Mette ein Muss? „Es macht Sinn, sich lange vor dem Weihnachtsfest zusammenzusetzen und über die Erwartungen jedes Einzelnen zu sprechen“, empfiehlt Mag. Sedlacek. Schwelende (Paar)Konflikte aber tunlichst zu Weihnachten vermeiden und auf später vertagen. Wobei die Psychologin Streit an sich nicht negativ sieht. „Alles, was Energie entlädt, ist gesund. Streit heißt ja auch, ich möchte gehört werden.“ Und wenn man draufkommt, dass man es ganz anders machen möchte als die Jahre davor, sollte man sich genau überlegen, wie denn dieses „Anders-machen“ sein

sollte. „Aber bitte vorher den Angehörigen wertschätzend erklären, warum man heuer Weihnachten verweigert.“ Ob sich dann am 24. Dezember in der Karibik, am Kreuzfahrtschiff oder im Lokal ums Eck die gewünschte Zufriedenheit einstellt, sei dahingestellt. Mag. Sedlacek: „Weihnachtsverweigerer sind nach dem dritten Bier oft nicht mehr so glücklich, weil es doch nicht so einfach ist, wie sie geglaubt haben.“  

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Geschenke – ja oder nein 

Mehr als 1,5 Milliarden Euro sind im vergangenen Jahr zu Weihnachten umgesetzt worden. Geld, das für Geschenke ausgegeben wurde, die nicht immer gern gekauft wurden und nicht immer erwünscht waren. „Wir schenken uns nichts“, heißt es immer öfter. Dabei ist Schenken ganz wichtig, meint die Expertin: „Geschenke definieren ein Stück Beziehung. Wir sollten uns fragen: Was möchte ich mit dem Geschenk mitteilen? Und nicht: Was braucht/will er oder sie?“ In dieselbe Kerbe schlägt auch Mag. Silvia Breitwieser, Leiterin der „Telefon-Seelsorge OÖ“. „Geschenke sollen keine Belastung sein, sie drücken Zuneigung, Freundschaft und Liebe aus. Das kann etwas Selbstgemachtes oder Zeit sein. Nehmen wir uns ein Beispiel an Kindern – sie zeigen etwa in einer Zeichnung ihre Zuneigung. Und darum geht es.“ Für die Theologin und Psychotherapeutin ist mit ihrem Team die Zeit um Weihnachten, aber besonders auch danach, eine berufliche „Hoch-Zeit“. Die Mitarbeiter haben rund um die Uhr kostenlos und vertraulich unter der Telefonnummer 142 oder online (www.onlineberatung-telefonseelsorge. at) ein offenes Ohr: Für einsame Menschen, die sich ihre Sorgen von der Seele reden möchten, für Eltern, die sich im Xmas-Trubel nicht mehr zurechtfinden, für Menschen, die um einen Geliebten trauern. 

Weihnachtspackerl wird übergeben

Gutes tun, das möchten viele Menschen zu Weihnachten – ob in Form von Spenden oder als konkrete Tat. „Öffnen Sie ihren Blick in Richtung Nachbarschaft. Gibt es jemanden, der alleine ist? Es muss ja nicht gleich die Einladung zur Weihnachtsfeier sein, aber vielleicht zu einem Spaziergang oder Kaffee“, rät die Expertin. Es sollte niemand überfordert werden und man sollte sich selber auch nicht überfordern. Weihnachten – die Geburt Jesu – ein möglicher Anstoß zur Selbstreflexion, zur Vertiefung der eigenen Spiritualität, aber auch eine heikle Zeit, in der Sehnsüchte und tiefliegende Konflikte aufbrechen können. Mit Besonnenheit und dem Blick auf die eigenen Erwartungen und die der anderen kann es aber eine wunderbare, friedliche Zeit sein. Und weil es gar so kitschig klingt: Das Singen von Weihnachtsliedern löst laut Studien sowohl körperliches als auch seelisches Wohlbefinden aus. Ein Halleluja gegen den Weihnachtsstress!

 

Mag. Lisa Ahammer

Dezember 2019 

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Kommentar

So gelingt das Fest Kommentarbild Mag. Romi Sedlacek „Damit keiner zu Weihnachten enttäuscht ist, sollten die Erwartungen der Familienmitglieder im Vorhinein besprochen werden. Wie und mit wem will man feiern. Das beugt oft auch Streitereien vor.“

Mag. Romi Sedlacek

Gesundheits- und Klinische Psychologin

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 02. Dezember 2019