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Frau mit Ärztin im Gespräch

Früherkennungsuntersuchung: Was ist das?

Werden Untersuchungen normalerweise gemacht, um bestimmte Beschwerden abzuklären, so richten sich Früherkennungsuntersuchungen an Menschen, die sich nicht krank fühlen.

Krankheiten sollen vielmehr in einem Stadium entdeckt werden, in dem sie noch keine Beschwerden verursachen. Eine frühzeitige Behandlung ist aber nur sinnvoll, wenn sie zu besseren Ergebnissen führt als eine später einsetzende Behandlung, so das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Früherkennungsuntersuchungen werden oft als „Screening“ (Durchsiebung) bezeichnet.

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Screenings

Es werden verschiedene Arten von Screenings unterschieden: Als Früherkennung gilt beispielsweise ein Hör-Screening für Neugeborene. Wird Personen, die aus einem bestimmten Grund eine Arztpraxis aufsuchen, bei dieser Gelegenheit eine zusätzliche Untersuchung angeboten – etwa eine Blutdruckmessung – sprechen Experten von einem opportunistischen Screening. Werden gesamte Bevölkerungsgruppen zu einer freiwilligen Untersuchung eingeladen – zum Beispiel zur Mammographie – spricht man von einem bevölkerungsweiten Screening.

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Krankheiten verhindern?

Auch wenn Früherkennungsuntersuchungen mit Sätzen wie „Vorbeugen ist besser als Heilen“ beworben werden, können sie die Entstehung einer Krankheit nicht beeinflussen.
Das IQWiG weist darauf hin, dass ein Screening nur dann als „Vorsorge“ bezeichnet werden kann, wenn sein Ziel das Erkennen und die Beeinflussung von Risikofaktoren oder die Entdeckung und die Behandlung von Vorstufen einer Erkrankung ist: Etwa Zellveränderungen am Gebärmutterhals oder Polypen im Darm.
Allerdings weist das Institut auch auf Nachteile hin: So lassen sich viele Menschen behandeln, bei denen sich keine Krankheit entwickelt hätte. Viele Erkrankungsvorstufen entwickeln sich nicht unbedingt weiter oder können sich sogar von selbst wieder zurückbilden, ohne Probleme zu verursachen.

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Belastende Untersuchungen

Früherkennungsuntersuchung und Vorsorgeuntersuchung können den Organismus auch belasten: Eine Röntgenuntersuchung setzt dem Körper einer Strahlung aus, eine Darmspiegelung kann den Darm verletzen. Deshalb wird vor der Einführung von flächendeckenden Untersuchungen auch sichergestellt, dass der Nutzen eines Screenings größer als sein möglicher Schaden ist. Ist sein Nutzen nicht belegt oder die möglichen Schäden groß, so wird im Allgemeinen das Screening von Gesetz wegen weder angeboten noch bezahlt.

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Vor- und Nachteile

Das IQWiG zitiert zur Illustration ein von einer Wissenschaftlergruppe unter Führung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin entwickeltes Beispiel.
Die Grafiken zeigen zwei Gruppen von Krebserkrankten, von denen angenommen wird, dass beide Gruppen im Alter von 70 Jahren an Krebs gestorben sind: Bei der Gruppe ohne Früherkennung wurde der Krebs mit 67 Jahren – drei Jahre vor deren Tod – diagnostiziert, in der „gescreenten“ Gruppe wurde die Erkrankung schon mit 60 Jahren entdeckt.
Betrachtet man nur, wie viele Teilnehmer fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch am Leben waren, entsteht der Eindruck, als wäre das Screening hochwirksam. In Wirklichkeit sind aber alle im Alter von 70 Jahren verstorben. Früherkennung hat hier nicht das Leben verlängert, sondern nur die Diagnose nach vorne verlegt.

Früherkennungsuntersuchung: Nicht immer sinnvoll Grafik 1

Früherkennungs-untersuchung: Nicht immer sinnvoll



Wäre das Screening wirksam und würden die Teilnehmer davon profitieren, würden sie länger als 70 Jahre leben.

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Arzt hilft bei der Entscheidung

Bei manchen Untersuchungen fällt die Entscheidung leicht, bei anderen können nur Fachleute dabei helfen, die Vor- und Nachteile einer bestimmten Untersuchung persönlich abzuwägen.
Das IQWiG listet einige Fragen auf, die Sie stellen können, wenn Sie sich mit dem Thema Früherkennung beschäftigen:

  • Ist die Wahrscheinlichkeit, in meinem Alter unbemerkt diese Erkrankung zu haben, so groß, dass ein Screening sinnvoll erscheint?
  • Hätte ich langfristig gesundheitliche Vorteile davon, dass eine bestimmte Krankheit frühzeitig bei mir entdeckt wird? Gibt es zum Beispiel Belege, dass ich länger leben könnte?
  • Welche unerwünschten Wirkungen können mit der Screening-Untersuchung, möglichen Folgeuntersuchungen und der Behandlung verbunden sein und wie oft treten diese auf?
  • Wie häufig sind „falsch positive“ Testergebnisse (falscher Alarm) und „falsch negative“ (übersehene Erkrankungen)? Kommen weitere Untersuchungen auf mich zu, wenn ich ein „positives“ Testergebnis habe?
  • Welche anderen Entscheidungen kommen auf mich zu, wenn ich das Testergebnis erhalte?
  • Wie lange muss ich auf das Testergebnis warten und mit wem kann ich sprechen, wenn ich Fragen oder Sorgen habe?
  • Wie oft muss ich zur Früherkennung gehen, um davon zu profitieren?


Das Institut weist darauf hin, dass Beschwerden, die Sorgen bereiten, ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden sollten. Auch die beste Früherkennungsuntersuchung garantiert keine Gesundheit. Und auch ein negatives Screening-Ergebnis kann nicht verhindern, dass eine Krankheit später auftritt.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie nächste Woche an dieser Stelle und

linkhier

Mag. Christian Boukal
November 2019


Bild: shutterstock

Grafik: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Zuletzt aktualisiert am 05. Dezember 2019