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Zahnbehandlung

Angst vor dem Zahnarzt

Schöne weiße Zähne sind ein Statussymbol unserer Zeit. Doch viele Menschen bringen sich um die Chance auf gesunde und schöne Zähne, denn sie haben entsetzliche Angst, zu einem Zahnarzt zu gehen. Viele Zahnärzte haben mittlerweile gelernt, mit solchen Patienten einfühlsam umzugehen und können Ängste jedenfalls reduzieren. 

Steht ein Zahnarzttermin bevor, werden viele Menschen unruhig und ängstlich. Die Ausprägung der Angst reicht von Nervosität bis hin zu einer echten Zahnbehandlungsphobie (Dentophobie), sogar Panikattacken sind möglich. „Manche haben Schweißausbrüche, einmal hat sich jemand sogar übergeben, bevor die Behandlung überhaupt losgegangen ist. Das ist glücklicherweise die absolute Ausnahme, im Allgemeinen meistern die Patienten mit mir gemeinsam die Situation sehr gut“, sagt Dr. Carina Mandl, Zahnärztin mit Praxen in Linz und Wien. 

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Vermeidungsstrategie geht nach hinten los 

Laut einer Gallup Umfrage von 2015 haben zirka 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung Angst vorm Zahnarzt. Angstpatienten schieben einen Zahnarztbesuch so lange auf, wie nur möglich. Oft bleiben Sie einer Zahnarztpraxis für viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte fern, solange, bis sie die Schmerzen nicht mehr aushalten und in größter Not einen Arzt aufsuchen.  

Durch diese Vermeidungshaltung beschwört man jedoch genau die Situation herauf, die man vermeiden möchte: Dass der Zahnarzt nämlich jede Menge zu bohren hat. Die Schmerzen, die man stets gefürchtet hat, hat man durch sein Verhalten erst recht erzeugt. Würde man dagegen regelmäßig zur Untersuchung gehen, würden die Zähne frühzeitig und damit deutlich schmerzärmer saniert werden können. 

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Verschiedene Ängste 

Warum viele einen großen Bogen um eine Zahnarztpraxis machen, hat verschiedene Gründe:

Die Hauptangst ist die Angst vor dem Ausgeliefertsein. Das Kopf-Kino versetzt einen in der Vorstellung immer wieder in die Situation, die man vermeiden will: Man sieht sich in der umgelegten Zahnarztliege, riecht den eigentümlichen Geruch einer solchen Praxis, sieht das blendend weiße Licht über sich, weiß, jetzt muss man den Mund weit öffnen, fühlt den Bohrer im Mund, hört sein kreischendes Geräusch und glaubt keine Möglichkeit zu haben, der Situation entfliehen oder zumindest in das Geschehen eingreifen zu können. „Diese vermeintlich wehrlose Situation macht vielen zu schaffen. Oft geht dieses Gefühl auf Erlebnisse in der Kindheit zurück. Wenn man als Kind zu einer Behandlung gezwungen, manchmal sogar im Stuhl festgehalten wurde, wenn man versucht hat, sich zu wehren und das nicht gelungen ist, dann prägt sich diese Erinnerung ein und ist so leicht nicht mehr loszuwerden. Nur neue, positive Erfahrungen können diese Erinnerungen mit der Zeit verdrängen und ersetzen“, erklärt Mandl. 

Eine weitere primäre Angst ist die Angst vor Schmerzen. Eine Zahnbehandlung geht nun einmal nicht völlig schmerzlos vonstatten. Bei größeren Eingriffen wird meist eine Spritze angeboten, doch viele fürchten sich auch vor dem kurzen Schmerz der Nadel im Zahnfleisch. 

Menschen, die jahrelang einer Behandlung ferngeblieben sind, befürchten oft, dass das Gebiss mittlerweile „eine Katastrophe“ sei. „Manchmal ist es tatsächlich so, manchmal ist die Vorstellung aber viel schlimmer als die Wirklichkeit und die Situation ist eigentlich ganz in Ordnung“, sagt die Zahnärztin. 

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Einfühlsamen Zahnarzt suchen 

Wichtig ist es, sich einen Zahnarzt suchen, der einfühlsam auf die Situation und Ängste eingeht und der menschlich zu einem passt. Das Vertrauen zu dem Arzt ist enorm wichtig. Es beeinflusst die Erwartungshaltung und damit die Ängste. „Seit einigen Jahren spezialisieren sich immer mehr Kollegen auf Angstpatienten und bieten verschiede Hilfen wie etwa Hypnose oder Lachgas an. Der psychologische Aspekt bei einer Behandlung rückt mehr und mehr in den Vordergrund“, sagt Mandl. 

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Optik ist wichtig 

Neben akuten Schmerzen gibt es einen weiteren gewichtigen Grund, warum Angstpatienten letztendlich doch den Gang in die Zahnarztpraxis antreten. Dieser Grund ist optischer Natur. Haben sich die Zähne bereits deutlich sichtbar verschlechtert, sehen sich manche gezwungen, tätig zu werden. Etwa aus Angst vor einem Jobverlust, oder weil der Partner, Familie oder Freunde bereits auf das Problem aufmerksam gemacht haben. „Das öffentliche Auftreten und das Erscheinungsbild ist nun einmal wichtig und es bringt private und berufliche Nachteile mit sich, wenn die Zahnsituation wirklich schlimm ist“, so Mandl. 

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Wie der Zahnarzt helfen kann 

Einfühlungsvermögen seitens des Zahnarztes ist unbedingt nötig. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei erwachsenen Angstpatienten: Das bedeutet:

 

  • Vorab in aller Ruhe dem Patienten erklären, wie die Zahnsituation ist, welche Maßnahmen sinnvoll wären. Einen Behandlungsplan gemeinsam erstellen. Wenn der Patient den Umfang der nötigen Maßnahmen kennt, wenn er sich die Endsituation vorstellen kann, dann ist er motiviert, die nötige Gebisssanierung nun auch wirklich anzugehen.
  • Klarmachen, dass der Patient Herr der Behandlung ist. Es wird nur gemacht, was er will.
  • Den Patienten langsam an die Behandlung heranführen. Nicht sofort mit einer schmerzhaften Behandlung beginnen, sondern sich Schritt für Schritt an die Probleme herantasten.
  • Auf Schmerzsignale während der Behandlung eingehen, das heißt, z.B. ein Zucken, oder einen gequälten Gesichtsausdruck nicht ignorieren. Nachfragen, wie es dem Patienten geht und erforderlichenfalls Pausen machen.
  • Während der Behandlung Musik über Kopfhörer anbieten. Auch ein TV-Bildschirm kann Ablenkung bringen.
  • Dem Patienten die Möglichkeit geben, die Behandlung jederzeit abzubrechen. Dazu vereinbart man ein Handzeichen, das signalisiert, dass der Patient eine Pause braucht oder eine Frage hat. „Bei Kindern kann z.B. ein Zauberstab das Handzeichen ersetzten. Macht das Kind ein Zeichen, hört der Arzt sofort auf. Man kann das vor der Behandlung üben, den Kindern macht das Spaß und es gibt ihnen das Wissen, dass sie selbst die Kontrolle haben“, sagt die Ärztin.

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Hypnose & Co 

Zahnärzte erlernen immer mehr Methoden, um mit ängstlichen Patienten umzugehen. Beispiele: Lachgas und Hypnose. „Diese Methoden zeigen gute Erfolge, doch sie kommen in der Regel kaum zur Anwendung, weil diese Methoden sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Eine lange Behandlungszeit ist aber sehr schwierig mit dem Praxisalltag in Einklang zu bringen, wenn im Wartezimmer andere Patienten auf ihre Behandlung warten. Ich selbst und natürlich auch meine Patienten kommen in mehr 95 Prozent der Fälle aber auch ohne Hypnose etc. sehr gut aus“, erklärt Mandl. 

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Erleichterung und Stolz 

Viele Angstpatienten erleben während der Behandlung, dass die Angst bzw. Vorstellung von der Zahnbehandlung viel schlimmer war als die Wirklichkeit. Sind die Zähne weitgehend in Ordnung, sind sie sehr erleichtert, dass die Zahnsanierung gering ausfallen wird. Mandl: „Werden Zähne behandelt und war man mutig genug, dies endlich durchführen zu lassen, sind die Patienten danach meist sehr stolz auf sich und viele können gar nicht mehr verstehen, warum sie sich so gefürchtet haben. Viele wollen nach der ersten Behandlung das gesamte Gebiss in Ordnung bringen lassen und keine halbe Sachen mehr machen.“

 

Dr. Thomas Hartl

November 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 17. November 2016