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Grafik Hirn

Belohnungszentrum im Gehirn: Triebfeder menschlichen Verhaltens

Warum handelt der Mensch so, wie er es tut? Warum ist er gierig oder fair, warum ist er auf der Jagd nach Geld, Erfolgen oder Schnäppchen? Warum geht er Risiken ein und verhält sich häufig irrational? Fragen wie diese gehen Forscher im Rahmen der Neuroökonomie nach. 

„Die Annahme, dass wirtschaftliche Entscheidungen ein Ergebnis rationalen Denkens sind, stimmt bei weitem nicht immer. Der Blick ins Gehirn verrät etwas Anderes“, sagt Prof. Dr. Christian E. Elger, von der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn. Der Epileptologe (es handelt sich hierbei um ein Teilgebiet der Neurologie) forscht an der Schnittstelle von Neurologie und Ökonomie und bedient sich dabei der Neuroökonomie. 

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Experimente und Bildgebung 

Geforscht wird auf zwei Ebenen, die sich einander ergänzen und die miteinander verbunden werden: Erstens werden Verhaltensexperimente an Personengruppen durchgeführt und zweitens kommt die medizinische Bildgebung des Kernspintomografen zum Einsatz (Die Kernspintomografie ist ein bildgebendes Verfahren und wird auch als Magnetresonanztomografie, kurz MRT, bezeichnet.). Das Verhalten, das sich im Experiment zeigt, soll mittels Bildgebung, die die Vorgänge im Gehirn zeigt, erkannt und erklärt werden. „Im Idealfall wissen wir dann, warum etwas genau so und nicht anders passiert und warum wir uns wie verhalten. Freilich ist vieles noch Interpretationssache, aber bereits jetzt gibt die Neuroökonomie zusätzliche Einblicke in das Verhalten des Menschen“, sagt Elger. 

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Belohnungszentrum im Gehirn 

Elger sieht das Belohnungszentrum im Gehirn als zentralen Impulsgeber des menschlichen Handelns. „Aktivität in diesem neuronalen Netzwerk löst sowohl Verhaltensweisen aus, die wir als negativ bewerten, als auch solche, die uns willkommen sind. So kann Aktivität in diesem Bereich des Gehirns leichtsinnig und gierig machen. Sie fördert andererseits aber auch unser soziales Verhalten.“

Das Belohnungszentrum ist ein kleiner Teil im Gehirn, dessen Aktivität jedoch große Wirkung zeigt. Es bereitet uns ein derartiges Wohlgefühl, dass wir danach streben und das wir immer wieder haben möchten. Alle bisher untersuchten Säugetiere besitzen dieses Netzwerk im Gehirn. 

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Schokolade, Kokain und ein Sportwagen 

Was haben Schokolade, Kokain und ein Sportwagen gemeinsam? Sie alle können das Belohnungssystem aktivieren. Untersuchungen mittels Kernspintomographie zeigen, dass das Belohnungssystem für diese und viele andere Dinge (etwa Musik, gute Gespräche und alles ästhetisch Schöne) sehr empfänglich ist.

„Das Belohnungssystem hat Suchtcharakter, wenn es auch nicht zwangsweise zu einer Sucht wird. Es kann uns süchtig und gierig nach Wiederholung machen, weil wir dieses Gefühl sofort wiederhaben möchten. Hat man dieses Gefühl bereits erlebt, wird es immer schwieriger, der Versuchung zu widerstehen, alles zu tun, um es wieder zu bekommen. Selbst wenn man dabei riskant, gefährlich oder unklug handeln muss, lässt man sich nicht abhalten“, sagt Elger. 

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Evolution und Risiko 

Die Aktivierung des Belohnungssystems führt zu einer Verminderung von hirneigenen Kontrollinstanzen im Stirnhirn. Das bedeutet, dass das Belohnungssystem die Evolution vorantreibt, da es Risiken ausblendet. Der Mensch wagt also gefährliche Dinge und probiert Neues aus. Elger: „Evolutionär ist das natürlich hervorragend, weil wir wagen mehr und fühlen uns dabei auch noch gut. Was für die Menschheit als Ganzes gut und notwendig ist, ist für den Einzelnen natürlich weniger gut, denn er sieht die Risiken nicht oder ignoriert die Gefahren.“ 

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Menschen handeln irrational 

Das Belohnungssystem lässt uns zudem irrational handeln. Ein Beispiel: Wir sind ein Volk von Schnäppchenjägern. Bei Sonderangeboten und Rabatten kaufen wir Dinge, die wir gar nicht brauchen. Das Belohnungssystem lässt uns dabei als Sieger fühlen. Wir glauben, einen guten Deal gemacht zu haben. Ein anderes Bespiel: Bietet man Menschen an, ihnen Geld zu schenken und haben sie die Wahl, entweder jetzt gleich 40 Euro oder später 80 Euro zu bekommen, so nehmen 80 Prozent die 40 Euro. „Die Aktivierung des Belohnungssystems durch schnelle und unmittelbare Gewinne ist so groß, dass die Kontrollinstanzen im Gehirn außer Kraft gesetzt sind“, sagt Elger. 

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Die menschliche Gier 

Die Gier ist ein natürlicher Vorgang, der in früheren Zeiten für das Überleben der Menschen dienlich war. „Die Gier, möglichst viel zu haben, ist noch in uns. In unserem System des Überflusses besteht aber keine Notwendigkeit mehr, sie auszuagieren. Dennoch schlägt sie immer noch durch, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist“, sagt der Epileptologe.

Zwei Beispiele für noch nicht überwundene Gier:

  • Banker, die übertrieben riskante Geschäfte eingehen.
  • Einkommen: Bekommen wir bei gleicher Leistung mehr Lohn als ein Kollege, verschafft uns das Belohnungssystem einen Kick, der uns Lohngerechtigkeit vergessen lässt.

Das Belohnungssystem ist jedoch nicht derart dominierend, als dass gieriges Verhalten nicht überwunden werden könnte. Durch Sozialisation lässt sie sich bis zu einem gewissen Grad zurückdrängen – durch Kultur, Werte und Bildung. Die anerzogenen Werte spielen quasi gegen die einprogrammierte Gier an. 

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Fairness versus Gier 

Das Belohnungssystem aktiviert nicht nur die Gier, sondern auch die dazu konträr wirkende soziale Fairness. „Im so genannten Ultimatumspiel, das ist ein klassischer ökonomischer Versuch im Rahmen der Spieletheorie, zeigt sich, dass das Belohnungssystem auch auf der Ebene der Fairness zum Tragen kommt. Das Spiel zeigt, dass wir lieber leer ausgehen, als einen unfairen Anteil zu akzeptieren“, so Elger.

Handelt man fair, fühlen sich viele Menschen durch das eigene faire Verhalten belohnt. Im Gehirn findet sozusagen ein Kampf zwischen der Gier und einem sozialen Miteinander statt. „Will man, dass Menschen fair handeln, sollte man bei ihnen diesen Begriff verankern. Hier kann Erziehung und Bildung wertvolle Dienste leisten“, sagt Elger.

Wird man dagegen selbst unfair behandelt, gefällt das dem Belohnungssystem überhaupt nicht und man wehrt sich. „Auch hier springen Männer stärker an als Frauen. Das führt zum Beispiel dazu, dass sich Frauen weniger gegen Lohnungerechtigkeiten wehren als Männer“, hält Elger fest. 

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Erkenntnisse für das Gesundheitssystem nutzbar 

Im Gesundheitssystem werden die Erkenntnisse der Neuroökonomie noch wenig beachtet und genützt. „Nehmen wir zum Beispiel die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen her. Will man einen maximal abschreckenden Effekt, sollte man sich die Mühe machen und herausfinden, welche Bilder wirken und welche nicht, denn inzwischen weiß man, dass manche Fotos überhaupt keine Wirkung haben, andere dagegen eine sehr starke“, sagt Elger. Weitere Beispiele: Möchte man, dass die Menschen mehr sporteln, haben Bilder von sportlichen Menschen, die dabei auch jede Menge Spaß haben, eine starke Wirkung. Oder will man, dass alte Menschen gesund leben, helfen keine Fotos von Menschen mit Krankheiten, sondern Bilder von gesunden, alten Menschen, die sich wohl fühlen und Freude am Leben haben.

 

Dr. Thomas Hartl

November 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 23. November 2016