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Tabletten, Spritzen und Beipacktext für Antibiotika

Antibiotika: Bei Virusinfektionen unwirksam

Antibiotika sind wertvolle Medikamente zur Behandlung bakterieller Infektionen und retten seit vielen Jahren Menschenleben. Werden Antibiotika bei viralen Infektionen eingenommen, so nützen sie nichts, können jedoch Neben- und Wechselwirkungen verursachen und Resistenzen hervorrufen.

 

Antibiotika bekämpfen Krankheitserreger und verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten. Sie wirken nur auf Bakterien, nicht aber auf Viren und sind daher nur bei bakteriellen Infektionen (wie z.B. Blaseninfektion und Lungenentzündung) sinnvoll einsetzbar.

Bei einer Virusinfektion – wie etwa Grippe (Influenza) oder grippalen Infekt – ist es unnötig und sinnlos, ein Antibiotikum einzunehmen, denn Antibiotika sind hier völlig wirkungslos. Antibiotika können in diesen Fällen den Genesungsprozess auch nicht beschleunigen, eine Virusinfektion dauert mit Antibiotika genauso lange wie ohne Antibiotika und auch die Beschwerden vergehen nicht schneller.

 

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Antibiotika falsch eingesetzt

Dennoch werden Antibiotika häufig missbräuchlich eingesetzt, vor allem in der kalten Jahreszeit bei Infekten der oberen und unteren Atemwege. Solche Infekte sind jedoch nur ganz selten auf eine bakterielle Ursache zurückzuführen. „Vier- bis fünfmal pro Jahr erkranken Erwachsene im Durchschnitt an einem fieberhaften viralen Infekt, in etwa der Hälfte der Fälle fordern die Erkrankten Antibiotika ein. Ihnen muss bewusst gemacht werden, dass ein Schnupfen, Halsweh und Husten keine bakterielle Infektion ist“, sagt Hygienefacharzt Dr. Oskar Janata vom Donauspital in Wien.

 

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Patienten unter Stress

Viele Patienten glauben mit Antibiotika schnell wieder gesund zu sein. „Obwohl jeder Infekt zumindest eine Woche dauert, glauben viele sich nicht die Zeit für das nötige Auskurieren nehmen zu können oder zu dürfen“, sagt Janata. Ärzte bekommen häufig folgende Argumente zu hören: „Ich muss morgen gesund sein. Ein Krankenstand ist nicht möglich; ich kann nicht zuhause bleiben, ich könnte sonst meine Arbeit verlieren.“ Frauen nehmen Antibiotika noch häufiger ein als Männer. Ein gängiges Argument neben der Pflicht zur Arbeit gehen zu müssen: „Ich muss fit sein, um mich um die Kinder zu kümmern.“ Manche Patientengruppen meinen auch, dass nur Antibiotika „richtige“ Medikamente seien und fordern diese prinzipiell ein. „Vor allem Menschen mit entsprechendem kulturellem Hintergrund sind es aus ihrer alten Heimat gewohnt, dass sie beim Arzt automatisch Antibiotika bekommen. Sie glauben, dass nur diese Medikamente sie gesund machen können. Es ist oft schwierig, sie vom Gegenteil zu überzeugen“, sagt Janata.

 

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Ärzte unter Stress

Es ist für Ärzte oft schwierig, Patienten klar zu machen, dass Antibiotika bei ihnen gar nichts nützen können, eben weil sie an einer viralen Infektion leiden. Manchmal geben Ärzte dem Drängen nach (unnötigen) Antibiotika auch nach. Den Grund dafür veranschaulicht Janata: „Wenn ich einem Patienten der unbedingt Antibiotika will, ein anderes Medikament verschreibe, kommt er oft schon am nächsten Tag wieder, weil er noch nicht gesund ist. Wenn ich ihm jetzt wieder kein Antibiotikum verschreibe, dann geht er in der Nacht in eine Spitalsambulanz und fordert es dort ein. Es ist daher verständlich, dass ein Arzt, der oft unter Zeitdruck und Stress steht, bei solchen Patienten manchmal den einfacheren Weg geht und ein Antibiotikum verschreibt auch im Wissen, dass es nichts nützt.“

 

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Kommunikation zwischen Arzt und Patient

Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist nötig, um Patienten aufzuklären und ihnen klar zu machen, wann der Einsatz von Antibiotika sinnvoll ist und wann nicht. „Diese Aufklärung mit der anschließenden Unterlassung einer Antibiotikum-Verschreibung ist eine aktive ärztliche Leistung, die auch honoriert werden sollte. Der Ist-Zustand ist jedoch häufig der, dass es Ärzten oft an Zeit und/oder Energie fehlt, die Patienten im Gespräch davon zu überzeugen. Und so ist es auch zu erklären, dass praktische Ärzte Antibiotika am häufigsten freitags verschreiben. Sie gehen auf Nummer sicher, damit die Patienten am Wochenende das Medikament zuhause haben, falls sich ihr Zustand nicht bessern sollte“, so Janata.

 

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Resistenzen

Jedes Antibiotikum wirkt im ganzen Körper und jedes Antibiotikum kann eine Resistenz hervorrufen. Resistenz bedeutet, dass die zu bekämpfenden Bakterien nicht mehr am Wachstum gehindert werden. Durch eine häufige und falsche Einnahme von Antibiotika (d.h. bei viralen Erkrankungen) werden Resistenzen gefördert. Tritt eine Resistenz auf, dann führt dies zu einer längeren Behandlungszeit und die Therapie wird teurer. Wenn die Behandlung sehr rasch erfolgen muss (z.B. bei einer Sepsis), kann eine Resistenz auch schnell zu einem bedrohlichen Zustand führen. „Zum Glück ist das aber nur die Ausnahme, denn wenn ein Medikament nicht greift, dann passt in 90 Prozent der Fälle ein Alternativmedikament“, sagt Janata.

Österreich liegt bei der Häufigkeit von Antibiotika-Resistenzen im europäischen Mittelfeld. „Meldungen, wonach pro Jahr tausende Österreicher infolge von Resistenzen sterben würden, kann man so nicht bestätigen, denn man weiß es nicht. Das sind oft Übertreibungen und Panikmache. Es gibt keine gesicherten Zahlen und es wird bei der Nennung von Zahlen meist auch nicht unterschieden, ob der Tod infolge einer Resistenz oder infolge der Erkrankung oder wegen beidem eingetreten ist. Es ist aber richtig, dass die Situation in den letzten 15 Jahren auch in Österreich schlimmer geworden ist. So gab etwa vor dem Jahr 2000 keinerlei Probleme bei der Behandlung von Harnwegsinfektionen, heute dagegen schon“, erklärt der Mediziner.

 

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Neben- und Wechselwirkungen

Der Missbrauch von Antibiotika facht nicht nur Resistenzen an, sondern hat noch weitere negative Wirkungen. Man sollte sich bewusst sein, dass bei Virusinfektionen Antibiotika nicht nur nichts nützen, sondern zudem Nebenwirkungen auftreten können und das biologische Gleichgewicht im Körper gestört wird. Denn Antibiotika bekämpfen nicht nur Krankheitserreger, sondern auch jene Bakterien, die unseren Körper gesund erhalten. Diese nützlichen Bakterien sind zum Beispiel verantwortlich für eine gesunde Haut oder eine intakte Darmflora. Werden diese angegriffen, können Nebenwirkungen wie etwa Magen-Darm-Störungen entstehen. Durch die gestörte Darmflora kann auch das Immunsystem geschwächt werden. Zudem kann es vorkommen, dass Patienten allergisch auf Antibiotika reagieren.

Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich und nicht immer ungefährlich. „Bei Wechselwirkungen mit Herzmedikamenten zum Beispiel kann es zu ernsthaften Problemen kommen bis hin zur Lebensgefahr“, so Janata. Bei Einnahme einiger Antibiotika ist die empfängnisverhütende Wirkung der Pille nicht mehr gewährleistet. Achtung bei der Einnahme: Milch, Antazida (Mittel, die Magensäure binden) und Nahrungsergänzungsmittel (wie Magnesium und Kalzium) können die Wirkung einiger Antibiotika beeinträchtigen. Unbedingt den Beipackzettel der Medikamente beachten!

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2015

 

Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 01. Oktober 2015