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Chemiker mit Schutzanzug und Proben

WHO: Glyphosat wahrscheinlich krebserregend

Das weit verbreitete Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat ist nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) wahrscheinlich krebserregend. Zu diesem Schluss kam die Behörde der Weltgesundheitsagentur (WHO) nach Auswertung zahlreicher Studien, berichtet die Austria Presse Agentur (APA).

 

Damit widerspricht der am Mittwoch, 29. Juli 2015, veröffentlichte offizielle Bericht der Einschätzung des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Umweltorganisationen forderten, in Deutschland sofort Konsequenzen aus dem Bericht zu ziehen.

 

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Unkrautvernichter umgehend aussetzen

„Alle Anwendungen, bei denen es sehr wahrscheinlich ist, dass Menschen mit Glyphosat in direkten Kontakt kommen, müssen umgehend ausgesetzt werden“, erklärte Greenpeace-Agrarexpertin Christiane Huxdorff. Das BfR kündigte am Donnerstag an, den Bericht zu prüfen. Die EU-Kommission hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) nach Angaben eines Sprechers bereits aufgefordert, die Ergebnisse bei der laufenden Überprüfung der Zulassung für Glyphosat zu berücksichtigen. 

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Industrie: Keine praktische Relevanz

Die Industrie erwartet jedoch keine Kehrtwende: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich dabei zeigen: Die Klassifizierung hat wenig bis keine praktische Relevanz für die Bewertung möglicher Risiken, die mit dem Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft verbunden sind“, teilte die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat mit.

Glyphosat ist einer der weltweit am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Der Stoff ist unter anderem im gebräuchlichen, vom amerikanischen Agrar-Multi Monsanto hergestellten Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ enthalten. Das BfR war in seiner jüngsten Bewertung zu dem Schluss gekommen, bei richtiger Anwendung sei kein Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten ist. Das deutsche Institut hat die Federführung beim EU-Zulassungsverfahren für Glyphosat.

 

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WHO Lyon widerspricht dem BfR

Die WHO-Krebsforschungsagentur in Lyon gelangte dagegen zu einer anderen Einschätzung. Dies hatte sie bereits im März angekündigt, im nun veröffentlichten Bericht lieferten die Wissenschaftler die Begründung nach. Sie sehen in Studien bei Menschen eingeschränkte Belege dafür, dass Glyphosat Krebs erzeugen könne. Bei Tierversuchen gebe es ausreichende Belege für einen solchen Effekt. Insgesamt stuften sie Glyphosat in die zweithöchste Risikokategorie ein („wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“).

Die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat bemängelte, Auftrag der IARC sei nicht die Risikobewertung, sondern allein die Identifikation möglicher Gefahren – unabhängig vom tatsächlichen Risiko bei bestimmten Anwendungen. Deshalb würden von der Agentur sogar Stoffe wie Alkohol in die höchste Kategorie eingestuft, die wir in geringen Mengen als Genussmittel zu uns nehmen.

 

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Grüne Politiker und Umweltaktivisten einig

Deutsche Umweltschützer und Grünen-Politiker kritisierten dagegen die Haltung des Bundesinstituts. „Was das BfR vorgelegt hat, taugt nicht als Grundlage für ein Wiederzulassungsverfahren“, kommentierte der agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Agrartechniker Martin Häusling. Er forderte eine Neubewertung. „Es ist unverantwortlich, Glyphosat weiter als unbedenklich einzustufen“, meinte auch der Pestizidexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Tomas Brückmann.

Der agrarpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Veterinärmediziner Dr. Wilhelm Priesmeier, betonte, man nehme das Resultat mit Besorgnis zur Kenntnis. „Das darf nicht unberücksichtigt bleiben. Jetzt muss Klarheit geschaffen werden“, erklärte er. Der Bundestag werde sich mit dem Thema am 28. September in seiner Anhörung befassen.

 

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BfR vertröstet auf später Stellungnahmen

Das BfR wies darauf hin, dass auch ein WHO-Gremium zu einer anderen Einschätzung gelangt sei als die Krebsforschungsagentur und eine WHO-Task Force zurzeit nach den Gründen dafür suche. Inhaltlich werde das Institut erst nach Prüfung des IARC-Berichts Stellung nehmen.

 

Mag. Christian Boukal / APA

September 2015

 

Foto: APA (dpa)


Zuletzt aktualisiert am 09. September 2015