DRUCKEN
Mann mit Schulterschmerzen

Neuropathische Schmerzen: Wissen steigt, Versorgung mangelhaft

Nervenschmerzen sind stechend scharfe Schmerzen, die unterschiedlichste Ursachen haben können. Während das Wissen um diese Schmerzform steigt, hinkt die Versorgung der Patienten hinterher.

 

Bei neuropathischen Schmerzen (auch Nervenschmerzen genannt) sind eine oder mehrere Nervenbahnen im Körper geschädigt oder zerstört. Da der Nerv aufgrund der Schädigung oder Funktionsstörung diesen Schaden nicht wie üblich über die Nervenbahn dem Gehirn melden kann, schickt er eine Art Stromschlag aus, um aufzuzeigen, dass etwas nicht stimmt. Diese „Meldung“ empfindet der Patient dann als messerscharfen Schmerz.

 

up

Symptome

Die Schmerzen werden als scharf, brennend, einschießend, elektrisierend, attackenförmig beschrieben. Auch extreme Berührungsempfindlichkeiten und Missempfindungen wie Taubheit und Kribbeln können auftreten.

 

up

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen von Nervenschmerzen sind breit gestreut und vielfältig. Die häufigsten Ursachen sind:

  • Anhaltender brennender Schmerz nach Operationen
  • Eingeklemmter Nerv in der Wirbelsäule
  • Phantomschmerzen nach Amputationen
  • Diabetes (diabetische Neuropathie. Symptom: „Brennende Füße“)
  • Engpasssyndrome (z.B. Karpaltunnelsyndrom)
  • Infektionen (z.B. Borrelien-Infektion), Gürtelrose, HIV
  • Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerzen)
  • Polyneuropathien aufgrund von Medikamenten wie Chemotherapie
  • Alkohol-bedingte Polyneuropathie
  • Zentrale Neuropathien bei Menschen mit Multipler Sklerose, nach Schlaganfall oder bei Morbus Parkinson.

Es existieren keine verlässlichen Zahlen, wie viele Menschen in Österreich an neuropathischen Schmerzen leiden. „Verschiedentlich werden fünf bis sieben Prozent genannt. Solche Schätzungen können aber nur stimmen, wenn man die gemischten Schmerzen mit einrechnet, also wenn jemand an anderen Schmerzen wie z.B. Bewegungsschmerzen und zusätzlich an neuropathischen Schmerzen leidet. Patienten mit ausschließlich neuropathischen Schmerzen dürften etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung ausmachen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Burkhard Gustorff, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin am Wilhelminenspital Wien.

 

up

Versorgung verbessern

Neuropathische Schmerzen sind oft unterdiagnostiziert, unterbehandelt und belasten nicht nur die Patienten, sondern wegen ihrer Folgekosten auch das gesamte Gesundheitssystem. Es existieren in ganz Österreich keine medizinischen Einrichtungen, die speziell für die Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingerichtet sind. Oft wird in diesem Zusammenhang von einer erforderlichen „multimodalen Therapie“ gesprochen. Das bedeutet, dass Experten aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen arbeiten sollten, z.B. ein Chirurg, ein Ergotherapeut und ein Psychotherapeut. Eine solche multimodale Schmerztherapie ist in Österreich in der Praxis bisher nicht vorhanden. „Wir brauchen eine bessere Versorgung für Patienten mit neuropathischen Schmerzen. Es gibt zwar fertige Konzepte, sie werden mangels Finanzierung aber nicht umgesetzt“, so Gustorff.

 

up

Begleiterkrankungen

Ein großes Problem ist auch der hohe Anteil an Begleiterkrankungen. Eine österreichische Untersuchung zeigt, dass 60 Prozent der Schmerzpatienten auch an Schlafstörungen, ein Drittel an Depressionen und ein Viertel an Angststörungen leiden. Dieses Auftreten zusätzlicher Erkrankungen im Rahmen neuropathischer Schmerzerkrankungen wird häufig unzureichend diagnostiziert. Auch ihre Bedeutung bezüglich Lebensqualität des Patienten wird unterschätzt. Wer ständig an Schmerzen und zusätzlich an Schlaflosigkeit, Ängsten und Depressionen leidet, der büßt seine Lebensqualität völlig ein. „In vielen Fällen wäre eine Psychotherapie nötig und hilfreich, sie wird mangels Psychotherapeuten in Schmerzambulanzen jedoch viel zu wenig in Anspruch genommen. Auch hier herrscht eine deutliche Unterversorgung“, so der Schmerzexperte.

 

up

Aufklärung wirkt

Es gibt aber auch eine positive Entwicklung zu verzeichnen. In den letzten Jahren hat sich der Wissensstand bezüglich Nervenschmerzen sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung deutlich verbessert. „Das Wissen, was neuropathische Schmerzen überhaupt sind, ist durch mediale Aufklärung sprunghaft gestiegen. Immer mehr Patienten kommen mit diesem konkreten Verdacht zum Arzt. Und weil auch die Hausärzte sich mittlerweile sehr gut damit auskennen, werden die Fälle, in denen Patienten über Jahre hinweg ohne korrekte Diagnose von einem Arzt zum anderen pilgern, deutlich weniger“, so Gustorff.

 

up

Frühe Diagnose wichtig

Um eine Chronifizierung zu vermeiden, sollten Nervenschmerzen so früh und konsequent wie möglich behandelt werden. Eine eindeutige Diagnose ist dafür Voraussetzung, sie ist jedoch nicht leicht zu stellen, weil die vielen Arten neuropathischer Schmerzen nicht miteinander vergleichbar sind. Die konkreten Diagnoseverfahren richten sich jeweils nach der vermuteten Schmerursache.

 

up

Therapiemöglichkeiten

Eine rasche Behandlung sichert nicht nur die Lebensqualität, sie verhindert auch, dass sich die Schmerzen zu einer chronischen Schmerzkrankheit entwickeln. Werden die Schmerzen nicht als Nervenschmerzen erkannt, erfolgt häufig eine Medikation mit den üblichen Schmerzmitteln, welche jedoch bei neuropathischen Schmerzen wirkungslos sind.

Wichtig ist es, die Ursache für den Nervenschmerz herauszufinden und zu behandeln. Liegt etwa eine Nervenkompression vor, muss der Nerv von der Kompression befreit werden. Lässt sich die Ursache nicht finden und/oder beheben, werden die Symptome mittels Medikamenten therapiert. Diese geschieht mit Antiepileptika und Antidepressiva. Häufig kommt auch eine Kombination beider Mittel zum Einsatz. Auch Schmerzmittel, die eine Mischung von Opiaten und dem Botenstoff Noradrenalin beinhalten, sind wirkungsvoll.

In den letzten Jahren haben sich auch Capsaicin-Pflaster (Chilli-Wirkstoff) in der Behandlung etabliert, sie werden bei lokalen, gut abgrenzbaren Schmerzen eingesetzt. „Wir waren europaweit die Ersten, die diese Pflaster bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt haben und haben damit sehr gute Erfolge erzielt. Auch Lidocain-Pflaster wirken sehr gut, deren Kosten werden aber nur im Einzelfall von den Kassen erstattet. Auch neue Opioide könnten bei neuropathischem Schmerz verwendet werden, sie sind zurzeit aber von den Patienten selbst zu bezahlen“, so Gustorff.

Bleiben Medikamente erfolglos, stehen je nach Ursache verschiedene invasive Therapien zur Verfügung. Beispiele: Eine Sympathikusblockade bei der Trigeminusneuralgie; eine Nervenwurzelblockade, wenn der Schmerz von den Nerven der Wirbelsäule ausgeht.

 

up

Anlaufstellen

Wer meint, dass er an neuropathischen Schmerzen leidet, der sollte einen praktischen Arzt, der über ein Schmerzdiplom verfügt, aufsuchen. „Leidet der Patient schon länger als drei Monate an Schmerzen, wäre es sinnvoll, sich gleich an eine Schmerzambulanz zu wenden“, rät Gustorff.

 

Dr. Thomas Hartl
April 2015
 

Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 14. April 2015