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Altern in Würde

  Altern_in_Wuerde_G_GF_137346_151x131.jpg In einer Gesellschaft, in der Jugendlichkeit ein wichtiger Wert ist, bereitet der natürliche Alterungsprozess vielen Menschen Probleme. Wie man die Vorzüge des Älterwerdens dennoch genießen kann, erklären drei Klinische Psychologinnen.

 

Die Haut wird schlaffer, diverse Wehwehchen erschweren den Alltag oder das Seh- und Hörvermögen lässt nach: Das sind nur einige harmlosere Erscheinungen des Alterns, dennoch verbinden viele Menschen vorwiegend negative Erfahrungen wie diese mit dem Prozess des Altwerdens. Kein Wunder, immerhin nimmt Jugendlichkeit in der heutigen Gesellschaft einen enorm wichtigen Stellenwert ein. Und das, obwohl die Lebenserwartung ständig steigt – sie liegt bei zirka 80 Jahren in Österreich. Mittlerweile sind 18 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Bis 2030 sollen es laut Statistik Austria sogar mehr als 25 Prozent sein.

 

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In der Anti-Aging-Falle

Dennoch wollen zwar viele Menschen lange leben, aber nicht alt werden. Das Altern wird daher bekämpft oder verleugnet. Doch warum? „Jungsein wird in unserer Leistungsgesellschaft mit Dynamik, Schönheit, Flexibilität und Selbstständigkeit assoziiert. Dabei werden aber Leistung und das Perfekte oft überbewertet und der Mensch dahinter übersehen. Diese hohe Latte ist besonders für Ältere – aber nicht nur für sie – schwer zu erreichen und sorgt oft für Frust und Versagensgefühle“, erklärt Mag. Ulrike Mayerhofer, Klinische Psychologin an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

 

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Innere Vorzüge vs. äußeres Erscheinungsbild

Nicht nur das Äußere verändert sich also. Ältere Menschen sind auch weniger selbstständig als in jungen Jahren, was sich mit dem vorherrschenden Leistungsdiktat schwer vereinbaren lässt: „Man bekommt vielleicht das Gefühl, dass man in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat, da man ja oft Werte wie Schönheit und Ästhetik sowie Fitness und Leistung als vordergründig vorfindet und von Werbeplakaten junge, schöne Menschen lachen. Die inneren Vorzüge treten dabei gesellschaftlich oft in den Hintergrund“, sagt Kollegin Mag. Karin Gillesberger.

 

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Aber auch der Tod findet immer weniger Platz in unserer Gesellschaft, was für ältere Menschen Unsicherheiten verursacht. Mayerhofer hält dazu fest: „Früher konnte man sich im Rahmen eines ‚Generationenvertrags‘ eher sicher sein, in der Stammfamilie und durch die Nachkommen versorgt zu werden und in einem angenehmen und vertrauten Umfeld zu altern und zu sterben. Durch die jetzige Individualisierung entstehen hier oft Versorgungsängste.“

 

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Zukunfts- und Verlustängste

Weil sich viele Dinge im Alter ändern, kann das also Ängste verursachen. Mag. Johanna Böck, ebenfalls Klinische Psychologin an der Landes-Nervenklinik, erklärt: „Es entsteht oftmals ein Gefühl der Hilflosigkeit, da man manches nicht so steuern, planen und kontrollieren kann, wie man es möchte. Zudem können auch Zukunfts- und Verlustängste entstehen. Man ist vielleicht nicht mehr so leistungsfähig, fühlt sich nicht mehr so gebraucht und muss sich beispielsweise durch die Veränderung vom Beruf zur Pension vieles neu aufbauen.“

 

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Vorzüge genießen lernen

So schwierig das Altern vielen Menschen auch fällt, so positiv könnte man es erleben. Immerhin hat jede Lebensphase ihre Vorzüge. Das Alter ist demnach ebenso wertvoll wie andere Lebensabschnitte, wobei es darum geht, die Potenziale – wie etwa Weisheit und Erfahrung – verstärkt in den Vordergrund zu rücken. „Ältere Menschen haben viel mehr Zeit und eine freie Zeiteinteilung. Sie können die beruflichen Verpflichtungen abgeben und sich mehr und besser den persönlich wichtigen Dingen widmen. Zudem kann man aus den Erfahrungen der vorangegangenen Lebensabschnitte lernen und auf vieles freudig zurückblicken. Besonders in unserer schnelllebigen Zeit sind die Gelassenheit im Alter und die Lebenserfahrung wichtige Vorzüge“, so Gillesberger.

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Akzeptanz statt Ablehnung

Das Altern lässt sich nicht verhindern. Es geht also darum, den Prozess anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Wie aber gelingt das und was braucht es dafür? Böck: „Jeder muss für sich selbst seine Zufriedenheitsfaktoren finden und nicht auf der Jagd nach der Jugend das Wichtige im Leben vergessen. Auf persönlicher Ebene braucht es ein gutes, liebendes Umfeld, das Wertschätzung und Geduld aufbringt. Auf gesellschaftlicher Ebene hingegen sind Plattformen und Angebote gegen die Vereinsamung notwendig. Zudem könnten mehr oder verbesserte Angebote für den Bereich zwischen der Selbstständigkeit zu Hause und dem Altersheim, Stichwort betreutes Wohnen, das Gefühl, in Würde altern zu können, beeinflussen.“ Aber auch Sozialkontakte sind im Alter wichtig, um die Zeit sinnvoll zu verbringen, wie etwa durch Teilnahme in Vereinen, an Ausflügen und Reisen, in Seniorencafés oder Tageszentren.

 

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger

Februar 2014

 

Foto: BilderBox.com

Zuletzt aktualisiert am 12. März 2015