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Cybersexsucht: Sexdroge Internet?

Cybersexsucht: Sexdroge Internetsucht Das Internet dient vielen Menschen als Quelle für sexuelle Befriedigung und Erregung. Kein Wunder: Pornografisches Material ist leicht, kostengünstig und anonym zugänglich. Entzieht sich das Anschauen sexueller Inhalte im Internet allmählich der Kontrolle, droht die Gefahr der Abhängigkeit. Rund 40.000 Österreicher sind bereits betroffen, schätzt Universitätsdozent DDr. Raphael Bonelli.

„Die Internetsexsucht zählt man einerseits zur Sexsucht, bei der die Sexualität in Form von pornografischem Material aus dem Internet bezogen wird. Andererseits wird sie auch unter der Internetsucht subsumiert, wo sie neben der Sucht nach sozialen Netzwerken wie Facebook und den Online-Rollenspielen wie ‚World of Warcraft’ die dritte Untergruppe ausmacht“, erklärt Universitätsdozent DDr. Raphael Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und Leiter der Forschungsgruppe Neuropsychiatrie der Sigmund-Freud Universität Wien. Schätzungen zufolge sind rund 40.000 Österreicher abhängig von pornografischen Angeboten im Internet. Der Großteil davon sind Männer.

Raphael Bonelli: „Die zwanghafte, ichhafte Sexualität ruiniert die Beziehungsfähigkeit und macht die Betroffenen nur noch frustrierter. Boden dieser Sucht ist eine falsch verstanden Sexualität: Sie ist nicht in erster Linie für die eigene Befriedigung da, sondern eine intime Kommunikationsform, um eine bestehende Liebesbeziehung zu stärken. Viele Sexualstörungen haben diesen Irrtum verinnerlicht.“

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Kennzeichen der Sucht

Warum Sexsüchtige das Internet bevorzugen, lässt sich einfach erklären: Es ist vom Computer oder Mobiltelefon jederzeit zugänglich. Die Kosten für pornografisches Material sind vergleichsweise gering. Das Angebot hingegen ist groß und weltweit verfügbar. Und der Konsum von Websites mit sexuellem Inhalt erfolgt häufig anonym.

Kennzeichnet für die Abhängigkeit vom Internet im Allgemeinen und der Internetsexsucht im Speziellen sind folgende Kriterien:

  • Exzessiver Gebrauch des Internets verbunden mit einem Verlust des Zeitgefühls.
  • Besteht keine Möglichkeit, im Internet zu surfen, stellen sich Entzugserscheinungen wie Ärger oder Depressionen ein.
  • Die „Dosis“, das heißt der Gebrauch des Internets, wird ständig gesteigert.
  • Negative Auswirkungen des exzessiven Internetkonsums auf das Leben der Betroffenen. Es droht eine soziale Isolation.


„Die wesentlichen Kriterien sind der subjektive Leidensdruck und der Kontrollverlust. Das heißt, der Patient tut, was er eigentlich nicht mehr will. Er hat den Umgang mit dem Medium – und in der späteren Folge auch mit seinem Leben – nicht mehr im Griff“, so der Mediziner.

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Meidung realer sexueller Kontakte

Betroffene haben Schwierigkeiten, ihre sexuellen Fantasien zu kontrollieren. Sie stimulieren sich mehrere Stunden pro Woche im Internet; das Anschauen pornografischer Inhalte wird zum einzigen Lebensinhalt. Die Folge kann eine Meidung von realen sexuellen Kontakten sein. Es kann aber auch zur Fixierung auf spezielle sexuelle Praktiken und zu einer Unzufriedenheit mit dem realen Sexualleben kommen. Die Sucht ist zudem von starken Scham- und Schuldgefühlen begleitet: Viele Betroffene versuchen tunlichst, ihre Abhängigkeit geheim zu halten, was eine große Anstrengung erfordert.

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Die Partnerschaft leidet unter der Sucht

Die Internetsexsucht hat Auswirkungen auf die Beziehung: Das wiederholte Lügen und Verheimlichen kann zum Vertrauensverlust bis hin zur Trennung führen. „Fast notwendigerweise kommt es in weiterer Folge zu einer Flucht in den virtuellen Raum, weil das ‚real life’ zunehmend bedrohlicher erlebt wird“, erklärt der Universitätsdozent. Die Vernachlässigung des Berufslebens, von Freunden und Bekannten, kann schließlich im Verlust des Arbeitsplatzes und einer völligen Vereinsamung enden.

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Therapie: Versöhnung mit der Wirklichkeit

Zunächst gilt es herauszufinden, welche Ursachen hinter der verstärkten Zuwendung zu pornografischen Angeboten im Internet stehen. „Meist ist tief drinnen eine Liebessehnsucht vorhanden“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie. Betroffene sind mit dem Hier und Jetzt wie etwa der eigenen Ehe unzufrieden und flüchten sich deshalb in die virtuelle Welt der Pornografie. Die Therapie besteht nach Raphael Bonelli im „Zurückholen in die Wirklichkeit und der Versöhnung mit ihr. Dies führt zu einer höheren Zufriedenheit und vermindert den Druck, in eine Traumwelt flüchten zu müssen.“

MMag. Birgit Koxeder

März 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 20. Juli 2015