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Madentherapie: Natur pur

Madentherapie: Natur pur Ein gefräßiger Putztrupp sorgt für saubere Verhältnisse. Komplizierte offene Wunden wie Dekubitus, Unterschenkelgeschwüre, Diabetische Gangrän, schlecht heilende Amputationswunden – solche medizinischen Problemfälle tauchen immer häufiger auf.


Bakterienstämme, die gegen Antibiotika immun geworden sind, verschärfen die Lage. Die Patienten haben oft einen jahrelangen, schmerzhaften Leidensweg hinter sich. In den zerklüfteten Wundrändern sammeln sich immer wieder übelriechende, schmierige Beläge von abgestorbenem Gewebe – Mitverursacher der Wundheilungsstörung. Die Beseitigung dieser sogenannten Nekrosen und die penible Wundreinigung – das ist der erste Schritt zur Heilung.

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Sanfter als Schere und Pinzette

Für die grobe mechanische Wundreinigung sorgen die Chirurgen. Doch die Entfernung feinster Verunreinigungen in den Tiefen der Wunde mit chirurgischen Instrumenten, ist für den Patienten belastend und oft nicht ausreichend. Bei der schonenden und gründlichen Wundreinigung sind die Maden unschlagbar. Die Vorstellung, Fliegenlarven zu verwenden, erweckt auf den ersten Blick Schaudern und Ekel. Doch die leidgeprüften Patienten sind der Methode gegenüber erstaunlich aufgeschlossen.

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Echte Mikrochirurgen

Zur Vorbereitung der Madentherapie wird die Wunde mit Kochsalzlösung von Salbenresten und Desinfektionsmitteln gereinigt. Die sterilen Maden – fünf bis zehn Stück pro cm2 Wundfläche – werden aus ihrem Reisegefäß auf ein engmaschiges Nylonnetz gespült und so auf die Wunde aufgebracht. Ein doppelseitiges Klebeband am Wundrand und ein darüberliegender Verband aus Mullkompressen hindern die quicklebendigen Larven am Auswandern. Auch die nötige Feuchtigkeit und die Sauerstoffzufuhr sind so gesichert. zwei bis vier Tage bleiben die Maden an Ort und Stelle und verrichten Tag und Nacht ihr vollkommenes Werk. Die nimmersatten Larven verputzen die abgestorbenen Gewebsteile regelrecht, ohne jedoch gesunde Bereiche anzugreifen und neue Wunden zu setzen. Dazu sondern sie ein Verdauungssekret ab, das die faulenden Zellen zu einer Nährlösung verflüssigt. Gleichzeitig wirkt dieses Sekret entzündungsbeseitigend und wundheilungsfördernd.

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Heilsames Kribbeln

Die nimmermüden Minichirurgen sind für den Patienten außer einem leichten Brennen, Kribbeln oder Fremdkörpergefühl kaum spürbar. Besondere Wundpflegemaßnahmen oder aufwendige Verbandswechsel während der Madentherapie erübrigen sich. Wenn die Maden nach maximal vier Tagen entfernt werden, haben sie sich zu einer stattlichen Größe von bis zu 1,5 cm herangefressen und werden entsorgt. Bei großflächigen Wunden kann ein weiterer Behandlungszyklus mit einer neuen Madengeneration folgen.

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Saubere Arbeit

Eine frische rosafarbene Wunde, frei von ekelhaften Gerüchen und Belägen, umgeben mit jungen Blutgefäßen, die neues gesundes Gewebe wachsen lassen – das ist das Ergebnis der Madentherapie. Noch ist damit der Heilungsprozess nicht abgeschlossen. Aber der Weg ist geebnet für weitere erfolgversprechende Behandlungsmaßnahmen wie moderne Spezialverbände oder Hauttransplantationen. Und das ist der Beweis, dass die Madentherapie kein fauler Zauber ist.

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Uraltes Wissen wieder entdeckt

Hinweise auf die Madentherapie gab es schon im Altertum. In den beiden Weltkriegen machten viele verletzte Frontsoldaten Bekanntschaft ihrer heilungsfördernden Wirkung. In den 30er Jahren wurde die Madentherapie oder „Maggottherapy” erstmals wissenschaftlich beschrieben. In Großbritannien und in den USA ist sie inzwischen medizinischer Standard. In Deutschland wurde die Uni-Klinik Heidelberg zum Vorreiter, wo seit 1996 zahlreiche Patienten erfolgreich behandelt wurden. In deutschen Arztpraxen wird sie sogar ambulant angeboten. Als erste Institution in Österreich hat das LKH Steyr die Madentherapie eingesetzt. Nun sammeln damit auch schon weitere österreichische Spitäler Erfahrungen in der Wundbehandlung.


Klaus Stecher

September 2010

Foto: pivat, © Thomas Max Müller /
pixelio.de


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Kommentar:

Kommentarbild von Prim. Dr. Fred Pessl zum Printartikel „Mit Maden besetzte Geschwüre – das gehört zu den schlimmsten Erlebnissen in der ärztlichen Tätigkeit. Die Idee, Fliegenlarven medizinisch bewusst einzusetzen, war für mich lange Zeit nicht vorstellbar. Das damit befasste Ärzte- und Pflege-Personal braucht bei der Anwendung tatsächlich Nervenstärke, aber die großartigen Erfolge sind der Lohn dafür. Heute möchte ich bei der Behandlung komplizierter Wunden auf die ‘Biochirurgen’ nicht mehr verzichten”.
Prim. Dr. Fred Pressl
Leiter der Chirugischen Abteilung am LKh Steyr

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015