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Fibromyalgie: Aus für Tender Points

Fibromyalgie – Aus für Tender Points Das Fibromyalgie-Syndrom ist eine häufige und für die Betroffenen sehr belastende Erkrankung. Durch ein Abgehen der bisherigen Diagnosekriterien werden künftig noch mehr Menschen als Fibromyalgie-Patienten klassifiziert werden.

Das Leiden am Fibromyalgie-Syndrom ist durch generalisierte Schmerzen der Muskulatur, des Bindegewebes und der Knochen geprägt. Häufig treten die Schmerzen über den ganzen Körper verteilt auf.

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Art der Erkrankung ungeklärt

Welche Art der Erkrankung überhaupt vorliegt, ist weiterhin nicht geklärt. Von der Klassifizierung als rheumatische Erkrankung ist man mittlerweile einheitlich abgerückt. „Es ist jedenfalls keine entzündliche Erkrankung und auch keine rheumatische Erkrankung. Möglicherweise liegt eine Schmerzverarbeitungsstörung vor, man weiß es einfach nicht“, sagt Dr. Andrea Studnicka-Benke, Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie am Landeskrankenhaus Salzburg.

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Schwierige Diagnose

Beim Fibromyalgie-Syndrom zeigen sich keine auffälligen Befunde. Die Laborwerte sind normal, auch Leber- und Nierenparameter sowie Blutbild zeigen keine Abweichungen von der Norm. Um eine Fibromyalgie-Diagnose zu stellen, muss man zuerst andere Schmerzerkrankungen ausschließen. So scheiden Schmerzen aus, die durch eine entzündliche oder degenerative Krankheit erklärt werden können. „Es liegen dauerhafte und unerklärliche Schmerzen vor, deren Ursachen wir nicht kennen. Und zwar in allen Körperregionen. Schmerzen nur einzelne isolierte Bereiche, wie etwa Nacken und Schultern, dann wird das Fibromyalgie-Syndrom nach wie vor ausgeschlossen“, so die Rheumatologin.

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Abgehen von den Tender Points

Aufgrund neuer Erkenntnisse geht man in letzter Zeit von einem bisher zentralen Erkennungsmerkmal des Syndroms, den so genannten Tender Points, ab. Das bisherige Konzept: Drückt man bestimmte Körperpunkte mit bestimmter Intensität und empfindet der Betroffene dabei Schmerzen, dann sprach dies für das Vorliegen einer Fibromyalgie. So die bisherige und nunmehr veraltete Annahme. „Für die Diagnose brauchen wir die Tender Points nun nicht mehr. Das führt auch dazu, dass viel mehr Menschen als Fibromyalgie-Patienten diagnostiziert werden, vor allem Männer fallen nun viel häufiger darunter. Bisher galt es als fast reine Frauenerkrankung. Momentan fallen rund vier Prozent der Frauen darunter, dieser Wert dürfte noch steigen“, so Studnicka-Benke.

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Symptome

Laut der aktualisierten Leitlinie der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften sind Kernsymptome des Fibromyalgie-Syndroms:

  • chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen,
  • Schlafstörungen oder nicht erholsamer Schlaf,
  • Müdigkeit bzw. Erschöpfungsneigung (körperlich und/oder geistig).
Während für manche Patienten vor allem die Schmerzen im Vordergrund stehen, klagen andere hauptsächlich über Müdigkeit, Verspannungen und Kraftlosigkeit. Typisch sind auch Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Allerdings darf Fibromyalgie nicht mit einer Depression verwechselt werden.

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Auswirkungen

Das Fibromyalgie-Syndrom bringt häufig eine prägnante Einbuße an Lebensqualität mit sich. Unbestritten ist, dass die betroffenen Personen unter großem Leidensdruck stehen. Neben den ständigen Schmerzen, kann eine bleierne Kraftlosigkeit selbst alltägliche Dinge wie Zähneputzen oder Kleidung anziehen zur schwer überwindbaren Hürde machen. Eine geregelte Arbeit sollte zwar weiterhin angestrebt werden, wird oft aber unmöglich – soziale Isolation droht.
Die Auswirkungen der Erkrankung greifen in Berufsalltag, Familienleben und Freizeit ein und führen zu psychischen Problemen. Es entwickelt sich ein Teufelskreis aus Schmerz, Inaktivität, Schlafstörungen und oft auch depressiver Verstimmung. Die Erkrankung führt zwar zu keiner direkten erhöhten Sterblichkeit, allerdings ist die Suizidrate höher als in der gesunden Bevölkerung.

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Ärztliche Zuständigkeiten

Da sich die Wissenschaft nicht einmal über die Art der Erkrankung einig ist, ist auch unklar, welche Fachärzte am ehesten zuständig sind. Am häufigsten werden Rheumatologen, aber auch psychiatrische Ärzte herangezogen. In der Diagnose, im Erkennen der Krankheit und im Ausschluss entzündlicher Gelenkserkrankungen sind Rheumatologen gut geeignet. In der Therapie stoßen sie aber rasch an ihre Grenzen. Oft können Psychiater besser helfen als Rheumatologen – Verhaltenstherapie und Antidepressiva helfen oft gut. Schmerzpatienten, die den Verdacht auf Fibromyalgie hegen, sollten sich einen Arzt suchen, der in diesem Bereich ausreichend Erfahrung hat. Für die Diagnose eignen sich Rheumatologen, Psychosomatische Kliniken, spezialisierte Psychotherapeuten und erfahrene Sportmediziner.

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Schmerzursachen

Klar umrissene Ursachen für das Fibromyalgie-Syndom sind unbekannt. Mögliche Gründe für die Schmerzen gibt es viele. „Ein Teil ist psychosomatisch bedingt, hier findet sich die Ursache oft in Missbrauch und Abhängigkeitsverhältnissen. Ein Teil dagegen scheint rein körperlich bedingt zu sein, also ohne jede psychischen Probleme und ein Teil der Betroffenen hat es seit Kindheit an“, so Studnicka-Benke. Allgemein liegt bei Patienten eine Schmerzüberempfindlichkeit vor.

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Therapie

Die Behandlung des Fibromyalgie-Syndroms ist bisher nicht von großem Erfolg gekrönt. Etwa ein Drittel der Behandelten erfährt eine erkennbare Besserung. Die Behandlung besteht sowohl aus medikamentösen als auch nicht-medikamentösen Maßnahmen. Bei Personen mit nur leicht ausgeprägter Erkrankung kann bereits regelmäßige Bewegung hilfreich sein, während bei schweren Symptomen eine ganze Palette von Behandlungen in Anspruch genommen werden muss.
„Bewegung, Bewegung, Bewegung. Das ist die Therapie erster Wahl. Sich bewegen trotz der Schmerzen, das ist entscheidend und gleichzeitig so schwer, denn es braucht Motivation dazu und Fachleute, die einem dabei begleiten, motivieren und schulen. Für Patienten ist das oft eine scheinbar unüberwindliche Hürde. Sie haben durch Erfahrung gelernt, dass Bewegung weh tut und nun müssen sie dieses Muster überwinden. Das widerspricht der menschlichen Erfahrung und ist dennoch notwendig“, sagt die Fachärztin.
Der Ratschlag, sich zu bewegen, wird von Betroffenen oft als abwertend empfunden. Sie fühlen sich dann nicht ernst genommen und es fehlt oft die Bereitschaft dazu. „Denn viele sind auf der Suche nach dem magischen Medikament, das es aber nicht gibt. Sie hoffen auf eine Tablette, die hilft und verabsäumen es, ihren Körper funktionsfähig zu halten. Man muss sich aber bewegen, die Muskeln und Sehnen etc. trainieren. Auch Krafttraining kann helfen, denn es hebt die Schmerzschwelle. Ausdauertraining wiederum wirkt oft wie ein Antidepressivum“, so Studnicka-Benke.
Man sollte auf einem Fahrradergometer eine Leistungsbestimmung durchführen und sich dann langsam und stetig steigern. Die Begleitung, die Ratschläge und Tipps eines Fachmannes können helfen, Fehler zu vermeiden. „Auch meditative Bewegungsübungen wie Tai-Chi oder Qui Gong können hilfreich sein, aber auch hier fehlt oft die Bereitschaft, es wirklich umzusetzen“, bedauert die Rheumatologin.
Im Sinne einer multimodalen Therapie benötigt es meist weitere Bausteine. Psychotherapie ist ein solcher Baustein. Medikamentös wurden bisher Antidepressiva eine wichtige Rolle zuerkannt, sie wurden jedoch in den neuen Leitlinien in ihrer Wichtigkeit herabgestuft. Soll heißen, dass sie nur bei schweren Verläufen nötig sind. „Vor allem dann, wenn die Schmerzen extrem ins Leben eingreifen, der Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann oder ein Dauerkrankenstand droht“, so Studnicka-Benke.

Dr. Thomas Hartl
August 2012


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015