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Gendermedizin: Das Geschlecht macht den Unterschied

Gendermedizin: Das Geschlecht macht den Unterschied Männer und Frauen unterscheidet so einiges – auch in der Medizin. Und das hat Auswirkungen auf Diagnosen und Therapien. Warum es wichtig ist, auf die Geschlechter Bezug zu nehmen, und welche Erkenntnisse die Gender Medizin bereits geliefert hat, erklärt Dr. Alexandra Kautzky-Willer.

Die Wissenschaft zur geschlechtsspezifischen Medizin ist noch jung. Welche Bedeutung sie aber hat, zeigt folgender Umstand: Nicht nur Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen zum Teil unterschiedlich, sondern auch die Verträglichkeit von Medikamenten variiert zwischen den Geschlechtern. „Ziel der Gender Medizin ist es, eine bestmögliche medizinische Versorgung für Männer und Frauen aller Altersstufen hinweg zu erreichen. Lange Zeit wurden Frauen, ebenso wie Kinder, als ‚kleine Männer‘ abgetan, obwohl die Unterschiede auf der Hand liegen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer vom Lehrstuhl für Gender Medicine der Medizinischen Universität Wien. Um die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, aufzudecken, ist eine intensive Forschung notwendig. Langfristiges Ziel ist dabei eine personalisierte Medizin. Diese orientiert sich am einzelnen Individuum und berücksichtigt nicht nur das Geschlecht, sondern auch andere Faktoren wie Alter oder Gewicht sowie körperliche Besonderheiten und Lebensumstände.

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Männlich orientierte Medizin

Zwischen Männern und Frauen gibt es nicht nur biologische – also hormonelle, anatomische oder genetische Unterschiede –, sondern auch psychosoziale. „Das betrifft etwa das Gesundheitsbewusstsein oder den Lebensstil sowie das unterschiedliche Kommunikationsverhalten. Frauen gehen eher zum Arzt und kümmern sich um die Gesundheit der ganzen Familie. Sie sind auch offener und berichten bereitwilliger über psychische Probleme. Das führt allerdings auch dazu, dass Beschwerden oft eher einer psychischen Erkrankung zugeschrieben werden“, so Kautzky-Willer.

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Geschlechtsspezifische Symptome

Aber auch die Wahrnehmung und der Umgang mit Krankheiten differiert zwischen den Geschlechtern. Stichwort Herz-Kreislauf-System: Frauen spüren und beschreiben die Symptome bei einem Herzinfarkt oft anders als Männer. Anstelle der männlich typischen Druckschmerzen in der Brust, klagen Frauen über Schmerzen im Bauchraum oder Rücken sowie Abgeschlagenheit. Das führt dazu, dass sie in einigen Fällen erst verspätet eine Behandlung erhalten. Das Thema Herztod war somit lange Zeit männlich besetzt. Das Gegenteil ist scheinbar bei Osteoporose (Knochenschwund) der Fall – eine Erkrankung, die hauptsächlich in Verbindung mit Frauen gebracht wird. Und was das Thema Darmkrebs betrifft, so weiß man mittlerweile, dass Männer schon ab 45 Jahren einen deutlichen Risikoanstieg haben. Vorsorgeuntersuchungen wären bereits ab dann sinnvoll. Frauen hingegen erkranken eher erst ab 55 Jahren. Drei Beispiele von vielen, wie die erste Professorin für Gender Medizin in Österreich weiß: „Es gibt in jedem einzelnen Fachbereich wichtige Unterschiede. Auch wenn es noch nicht so viele Zentren gibt, die sich mit Gender Medizin befassen, nimmt die wissenschaftliche Literatur und das allgemeine Interesse zu.“

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„Es besteht Hoffnung“

Trotz dieser Unterschiede war die Medizin lange Zeit männlich dominiert. Symptome, Diagnose und Therapien richteten sich nach einer männlichen Norm. So war es auch lange gängige Praxis, Medikamente primär an Männern zu testen. „Die meisten Studien wurden so durchgeführt“, bestätigt die Medizinerin und ergänzt: „Mittlerweile gehen die Erkenntnisse der Gender Medizin langsam ins Bewusstsein über und bei Studien werden auch Frauen vermehrt eingeschlossen.“ Die Gesetzeslage dazu bezeichnet die Fachärztin für Innere Medizin als „weich“: „Es gibt Empfehlungen von der Europäischen Union und mittlerweile sind Medikamente nur dann für Frauen zulässig, wenn sie in den Studien auch miteinbezogen wurden. Leider aber ist bei einigen Studien der Anteil noch sehr gering oder die Ergebnisse werden nicht getrennt nach Geschlechtern analysiert, sodass mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede verdeckt bleiben können. Die Topzeitschriften bekennen sich aber bereits dazu, nur noch Studien zu publizieren, die derart analysiert wurden. Es besteht also Hoffnung“, sagt Kautzky-Willer. An der Medizinischen Universität Wien gibt es mittlerweile einen Gender Medicine Lehrgang. Zudem ist geplant, ein eigenes Ärztekammer-Diplom anzubieten.

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Selbstbewusste Patienten

Bleibt noch die Frage zu klären, was die Erkenntnisse der Gender Medizin für Patienten bedeuten. Kautzky-Willer rät zu mehr Selbstbewusstsein. „Man kann und soll den Arzt ruhig mit Fragen konfrontieren wie: Ist dieses Medikament für mich geeignet? Passt es zu meinem Alter, Gewicht oder zu den anderen Medikamenten, die ich nehme? Sind bei der Einnahme, bei möglichen Nebenwirkungen oder der Verträglichkeit Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu beachten? Außerdem ist es wichtig, die Beschwerden genau zu beobachten und diese detailliert zu schildern. Es darf nicht sein, dass Ärzte bei Frauen gleich auf die Psyche schließen und körperliche Ursachen vernachlässigen oder umgekehrt.“

MMag. Birgit Koxeder
März 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015