DRUCKEN

Nach wie vor ein Tabu: Analphabetismus in Österreich

Nach wie vor ein Tabu: Analphabetismus in Österreich Sie können keine Verträge lesen und keine Formulare ausfüllen. Aber auch der Inhalt von Beipackzetteln, Gebrauchsanleitungen, des Kinoprogramms oder der Tageszeitung bleibt Analphabeten verborgen. Nicht Lesen und Schreiben zu können, ist in einer auf Schriftlichkeit fixierten Gesellschaft nach wie vor ein großes Tabu.

Wie viele Analphabeten es in Österreich tatsächlich gibt, ist nicht ganz klar, da keine offiziellen Erhebungen existieren. Die UNESCO geht jedoch davon aus, dass in Österreich 300.000 bis 600.000 Menschen Probleme beim Lesen und/oder Schreiben haben.

up

Familiäre und schulische Ursachen

Warum Menschen Analphabeten sind, hängt mit individuellen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Faktoren zusammen und hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun – wie fälschlicherweise oft angenommen wird. „Viele Personen mit Lese- und Schreibdefiziten berichten, dass sie aus einem familiären Umfeld stammen, in dem die Schriftlichkeit eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Oft konnten die Eltern selbst nicht oder nur unzureichend Lesen und Schreiben. Die Folge war, das alles Schriftliche in der Familie vermieden wurde“, erklärt Mag. Sonja Muckenhuber, Erwachsenenbildnerin an der Volkshochschule (VHS) Linz, und fügt hinzu: „Aufgrund der eigenen, negativen Erfahrungen bewerteten die Eltern die Schule, und was damit zu tun hatte, gering und vermieden auch jeglichen Kontakt mit Lehrern. Betroffene Kinder entwickelten deshalb selbst nicht den Wunsch, Lesen und Schreiben zu lernen und erhielten von zuhause auch wenig Unterstützung.“

up

Formen des Analphabetismus

Man unterscheidet drei Stufen des Analphabetismus. Beim primären Analphabetismus haben die Betroffenen nie Lesen und Schreiben gelernt. Beim sekundären Analphabetismus hingegen haben sie zwar Lesen und Schreiben gelernt, diese Fähigkeit aber weitgehend wieder verlernt oder vergessen. Der tertiäre Analphabetismus wird auch als funktionaler Analphabetismus bezeichnet. Betroffene können nur unzureichend lesen und beispielsweise keine Informationen einem Text entnehmen. Aber auch das Schreiben schafft Probleme. So können sie oft zwar ihren Namen schreiben, aber keine selbstständigen Texte verfassen oder Formulare ausfüllen. Funktionale Analphabeten können somit ihre Kenntnisse der Schriftsprache nicht im Alltag nutzen.

up

Große Scham, entdeckt zu werden

Analphabetismus ist nach wie vor ein Tabuthema. Dementsprechend ist die Scham der Betroffenen groß. „Wenn es normal wäre, Lesen und Schreiben in der Schule nicht zwingend zu erlernen, wie es bei anderen Inhalten auch oft der Fall ist, wäre Analphabetismus kein Tabu. Leider aber wird nach wie vor angenommen, dass man Lesen und Schreiben einfach können muss. Ist das nun nicht der Fall, wird man nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert“, so die Vertreterin der VHS Linz als Gründungsmitglied des Netzwerks www.alphabetisierung.at.

up

Geringes Selbstwertgefühl und geringes Einkommen

Das Leben der Betroffenen wird von der Angst bestimmt, „entdeckt“ zu werden. Sie meiden deshalb Situationen, in denen die Schriftsprachenkompetenz verlangt wird. In einer Zeit, in der die Schriftlichkeit stark den Alltag bestimmt, ist das aber mit erheblichen Einschränkungen verbunden. So wundert es nicht, dass viele Betroffene ein geringes Selbstwertgefühl haben und weniger in der Lage sind, ihre Rechte wahrzunehmen, weil sie am Rande der Gesellschaft stehen. Aber auch am Arbeitsmarkt hat Analphabetismus Auswirkungen: Betroffene haben meist ein geringeres Einkommen und eine höhere Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden und in weiterer Folge keine neue Arbeitsstelle mehr zu finden.

up

Kurse ohne „schulische Inszenierungen“

Viele Analphabeten haben negative Schul- und Lernerfahrungen gemacht. In den Kursen für Erwachsene geht es deshalb darum, jegliche schulische Inszenierung zu vermeiden. „Es gibt viele bewährte Methoden, wie man als Erwachsener Lesen und Schreiben lernen kann. Wichtig ist ein vielfältiges pädagogisch-didaktisches Angebot. Die Teilnehmer sollen jene Angebote erhalten, die sie individuell brauchen. Menschen mit Lese- und Schreibdefiziten werden bei uns ernst genommen und müssen sich nicht verstecken. Mir ist folgende Botschaft besonders wichtig: Man kann Lesen und Schreiben lernen – auch als Erwachsener“, hält Mag. Sonja Muckenhuber fest.

up

Anonymes „Alfatelefon“

Informationen zu Kursangeboten oder Förderungen erhält man beim anonymen „Alfatelefon“ unter 0812 20 0812.

MMag. Birgit Koxeder
Mai 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015