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Borderline bei Jugendlichen

Borderline bei Jugendlichen Eben ist noch alles in Ordnung, doch im nächsten Moment liegt die Welt in Scherben. Starke Stimmungseinbrüche sind typisch für Menschen mit einer Borderline-Erkrankung.

Mindestens jeder 20. Jugendliche dürfte von Borderline betroffen sein. „Die Häufigkeitsangaben in Österreich und Deutschland schwanken zwischen fünf und elf Prozent“, sagt Dr. Judith Steininger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz.

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Symptome

Menschen mit Borderlinestörung haben Probleme, ihre Gefühle zu steuern, die Regulation ihrer Emotionen ist gestört. Sie leiden an starken Gefühlsschwankungen, an schweren Störungen des Selbstwerts und lehnen sich und den eigenen Körper ab. Betroffene können nur schwer Beziehungen eingehen, leiden aber auch am Alleinsein. „Sie können ihre Emotionen oft nicht mitteilen und explodieren gleichsam, da sie kein wirkliches Regulativ haben, um den Gefühlsausdruck zu dosieren“, so Steininger.
Menschen mit einer schweren Borderline-Symptomatik verletzten sich häufig selbst, denken an Suizid oder betäuben sich mit Drogen. „Zu betonen ist allerdings, dass Selbstmordgedanken, Drogenkonsum und selbstverletzendes Verhalten auch im Rahmen anderer Störungen vorkommen, etwa bei Depression, bei Suchterkrankungen oder bei posttraumatischen Störungen. Man darf also nicht automatisch auf eine Borderlineentwicklung schließen“, erklärt die Fachärztin.
Impulsives und selbst schädigendes Verhalten (darunter fällt auch abnormes Essverhalten) ist meist ein misslungener Versuch, mit der plötzlich auftretenden, intensiven und oft schwer zuordenbaren inneren Anspannung umzugehen.
Borderline zählt zu den Persönlichkeitsstörungen und beginnt oft in der Kindheit und Jugend. Die Störung führt zu starken persönlichen Leiden und ist meist mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden.

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Ursachen

Es gibt zwei Gruppen von ursächlichen Faktoren: zum einen biologische, zum anderen soziale. Das Zusammenwirken beider Faktoren führt zur borderline-typischen Anfälligkeit für eine Störung der Gefühlsregulation. „Biologischer Faktor bedeutet, dass Menschen mit Borderlinestörung angeborenerweise sensibler auf gefühlsmäßige Reize reagieren, sodass besonders unangenehme Emotionen anhaltender und intensiver erlebt werden, also in Summe unerträglicher sind“, erklärt Steiniger. „Sozialer Faktor“ bedeutet, dass vom sozialen Umfeld (meist sind es die primären Bezugspersonen, also die Eltern) abwertende Einflüsse ausgehen. „Zwischen den biologischen Einflussfaktoren einerseits und unangemessenen Verhaltensmustern der sozialen Umwelt andererseits entwickelt sich eine Art von Teufelskreis, das heißt die Problematik schaukelt sich auf und wird immer schlimmer“, so die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Als dritte häufige Ursache sind Traumatisierungen zu nennen. Nicht immer, aber doch überdurchschnittlich häufig finden sich auch traumatisierende Erlebnisse. „65 Prozent der Betroffenen haben Erfahrungen von sexueller Gewalt, körperlicher Gewalt, oder anhaltende und grobe Vernachlässigung erfahren müssen“, so Steiniger.

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Diagnose

Eine strenge Grenzziehung, zwischen dem was noch als gesund gilt und einer krankheitswertigen Borderlinestörung ist schwer möglich. „Die Diagnose Borderline wird umso wahrscheinlicher, je länger – gefordert ist mindestens ein Jahr – anhaltend und gehäuft möglichst viele Symptome gemeinsam in mehreren Lebenskontexten (Eltern, Freunde, Ausbildung) auftreten. Die Grenzen zur so genannten Pubertätskrise – als isolierter und vorübergehender Problemstau – sind fließend.

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Erkennungshilfen für Eltern

Eltern erkennen an folgenden Verhalten, ob ihr Kind betroffen oder gefährdet ist:

  • Sehr starke Gefühlsschwankungen
  • Intensive „Auszucker“, also wütendes, aufbrausendes Verhalten und emotionale Ausbrüche. Die Kinder sind oft unfähig, ihr impulshaftes Verhalten zu kontrollieren und leben diese Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen aus
  • Selbstmorddrohungen oder tatsächliche Suizidversuche
  • Selbstverletzendes Verhalten
  • Konsum von Alkohol und Drogen, der weit über das Maß eines Probierkonsums hinausgeht
  • Leistungsabfall in Schule oder Lehre

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Verhalten gegenüber Betroffenen

Der Verlust der Impuls-Kontrolle ist für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen ein großes Problem. Ihr Verhalten wird oft fälschlicherweise als pubertäre Triebhaftigkeit und Charakterschwäche angesehen. Man sollte betroffene Jugendliche möglichst mit Verständnis („ich weiß, du kannst momentan nicht anders…“) begegnen. Jedenfalls brauchen Jugendliche und Eltern fachliche Hilfe. Es empfiehlt sich, einen mit jugendpsychiatrischen Störungen erfahrenen Arzt oder Psychologen aufsuchen. Eltern empfinden ihre Kinder als extrem schwierig und fühlen sich machtlos. Sie sind erzieherisch überfordert, manchmal auch „ausgebrannt“.

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Gestörte Innenwelt

Menschen mit Borderlinestörung leiden häufig an folgenden Zuständen:

  • Sie haben Angst, verlassen zu werden.
  • Sie gehen intensive, aber instabile zwischenmenschliche Beziehungen ein.
  • Sie sind sich ihrer Persönlichkeit unsicher, sie wissen nicht, was sie wollen, können sich keine verbindlichen Ziele setzen und fühlen sich innerlich „einfach nur leer“.
  • Es fällt ihnen schwer, Vorhaben auszuführen (in Schule oder in Beziehungen) oder Vereinbarungen einzuhalten. Dies führt zu Misserfolg und Minderwertigkeitsgefühlen.

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Therapie

Die Störung an sich lässt sich medikamentös nicht beeinflussen, man kann mit Medikamenten nur in bescheidenem Ausmaß die Symptome lindern. Die Borderlinestörung lässt sich am besten mit einer Mischung aus Psychotherapie und Training der sozialen Fertigkeiten behandeln. Man muss als Betroffener lernen, mit seinen schmerzhaften Gefühlen anders als bisher umzugehen. Es ist auch wichtig, die Eltern in die Therapie mit einzubeziehen, damit sie die Störung nicht noch zusätzlich durch falsche Reaktionen verstärken und dass sie sich andererseits nicht völlig erschöpfen.
Wie lange eine Therapie sinnvoll und nötig ist, entscheidet sich im Einzelfall. Steiniger: „Kurzzeittherapien eignen sich nicht, weil Persönlichkeitsstörungen per definitionem lang anhaltende, tief greifende Muster sind, die sich auch in der Therapie nicht so schnell umlernen lassen. Auch ist die Gestaltung der therapeutischen Beziehung bei Borderlinestörungen nicht einfach, weshalb es häufig zu Abbrüchen nach kurzer Zeit kommt. Langer Therapiebedarf bei kurzem Durchhaltevermögen schmälert die Chance auf Heilung deutlich. Wenn aber alles klappt, kann man nach einem Jahr Einzeltherapie plus Training seiner Fertigkeiten sicher eine deutlich Stabilisierung und Lebensqualitätsverbesserung erreichen.“

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2010

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015