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Mann trainiert mit Faszienrolle

Hype um Faszienrollen entbehrt wissenschaftlicher Evidenz

Viel Lärm um Hartschaumrollen - Das Hin- und Herwälzen auf Faszienrollen soll Breiten- und Leistungssportlern zu größerer Beweglichkeit, Leistungsfähigkeit, schnellerer Regeneration, besserer Durchblutung, dem Lösen von Muskelverspannungen etc. verhelfen. Nicht alle Experten teilen diesen Hype. Die Studienlage zur Wirkung ist (noch) sehr dünn. 

Bekannt wurde die Faszienforschung durch den deutschen Psychologen und Humanbiologen Dr. Robert Schleip, dem Mitinitiator des ersten internationalen Faszien-Kongresses im Jahr 2007. Seit damals ist das Bindegewebsnetz und seine Funktionen samt dem Training der Faszien Mittelpunkt gesteigerter Aufmerksamkeit. 

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Größtes Sinnesorgan 

Heute anerkennen Forscher die Faszien als größtes Sinnesorgan, sogar größer als die Haut. Manche sprechen vom sechsten Sinn des Menschen, weil sehr viele Nerven und Rezeptoren in den Faszien liegen. Unser Körper ist durchzogen von einem faszialen Bindegewebe. Die bis zu drei Millimeter dicken Faszien umschließen Organe, Muskeln, Nerven, Knochen und Gelenke und verbinden alle Bestandteile des Körpers miteinander. Lange Zeit wurde dieses Gewebe aus Zellen, Kollagenfasern und Wasser als reines Hüllgewebe angesehen.

Nun weiß man, dass Faszien Schmerz auslösen können und auch die Bewegung und Lage von Gliedmaßen registrieren. Außerdem wird Lymphflüssigkeit, die Abbauprodukte aus und Aufbaustoffe zu den Zellen bringt, zwischen den Faszien abgeleitet. Muskelbewegungen unterstützen den Fluss der Lymphe. Wenn es zu einem Lymphstau kommt, können Faszien verkleben. Die vielen Nervenenden im Bindegewebe wirken auf unser vegetatives Nervensystem ein. Bei Stress steigt die Spannung in der Muskulatur und es wird klebriges Fibrin erzeugt, das die Faszien „verfilzen“ lässt. Es gibt Studien, die zeigen, dass zwei Wochen Dauerstress dem Körper mehr schaden als wenig Bewegung und ungesunde Ernährung in derselben Zeitspanne.

Da alle Faszien untereinander verbunden sind, können Verklebungen an einem Ort zu Schmerzen in einer anderen Körperregion führen. Eine verklebte Wadenfaszie kann dementsprechend etwa einen Zug auf den unteren Rücken ausüben.

Jeder, der schon einmal Tierfleisch verarbeitet hat, weiß wie Faszien aussehen. Es sind die weißen, dünnen Häute, die das rohes Fleisch umgeben und die sich oftmals nur mühsam ablösen lassen. 

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Verschieden groß und fest 

Heute entkommt kaum ein Fitnessstudio dem Hype um das Faszientraining. Angeboten wird zum Beispiel Faszien-Yoga oder Faszien-Pilates. Auch wenn hinter dem Dehnen, Biegen und Hüpfen viele altbekannte Gymnastikübungen stecken, findet die „neue“ Trainingsform großen Zuspruch. Ein Fixbestandteil des Trainings ist das Rollen von bestimmten Körperteilen wie etwa Rücken, Oberschenkel und Wade über eine Schaumstoffrolle (Faszienrolle), die es in verschiedenen Härtegraden, Oberflächen und Größen gibt. Je nach Zielsetzung, wie etwa Aktivierung oder Regeneration, wählt man bestimmte Rollen. Dieses Hin- und Herwalzen – so wird marketingmäßig versprochen – soll zum Beispiel verklebte und verdickte Faszien geschmeidiger machen, Verspannungen lösen und somit Schmerzen lindern, den Flüssigkeitsaustausch des Bindegewebes sowie Kraft, Beweglichkeit und Durchblutung verbessern. 

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Dünne Faktenlage 

Eine Metaanalyse von 15 Studien bestätigt keines dieser Versprechen, sondern zeigt nur, dass das Training mit der Faszienrolle beweglicher macht. Eine andere Untersuchung meint, dass sich durch das Ausrollen das subjektive Empfinden nach anstrengender Belastung positiv beeinflussen lässt.

„Im Vergleich zu den vielen Versprechungen zum gesundheitlichen Nutzen sind die wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte erstaunlich gering“, sagt Dr. Christian Baumgart, Laborleiter am Forschungszentrum für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung an der Bergischen Universität Wuppertal. Baumgart beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Thema Faszienrolle. Für ihn hat dieses Gerät nicht nur Vorteile und vieles ist ihm zu unerforscht. Beim Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin in Salzburg im Jahr 2019, stellte Sportingenieur Baumgart seine Erkenntnisse vor. Er zeigt sich skeptisch, dass das Ausrollen fasziale Verklebungen lösen kann und zieht sogar eine mögliche Schädigung durch das Rollen mit hohem Druck in Betracht. Der Forscher meint, dass gesundheitliche Risiken mitunter größer sein können, wenn das intensive Rollen der Wade zum Beispiel Schäden an den Venenklappen verursacht. Denn es zeigt sich zum Beispiel im Ultraschall, dass beim Rollen der komplette venöse Rückfluss in der Wade unterbrochen ist. Schädigungen an Unterhaut, Haut, Knochen und Muskeln seien ebenfalls denkbar. Das alles sei, genauso wie die angesprochenen positiven Effekte, bisher noch zu wenig untersucht worden.

Beim Ausrollen des Rückens etwa könne so großer Druck entstehen, der eventuell Bindegewebe, Nerven und Gefäße schädigt. 

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Einsatz mit konkreter Zielsetzung 

Dr. Christian Mittermaier, leitender Oberarzt am Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Kepler Universitätsklinikum Linz sagt: „Gute klinische Studien sind noch rar, daher gibt es bisher nur eine gesicherte Evidenz in umschriebenen Bereichen wie etwa der Verbesserung der Beweglichkeit, Schmerzreduktion bei Muskelkater und Verbesserung der Regeneration nach dem Sport. Auch eine lokale kurzzeitige Durchblutungsverbesserung scheint erwiesen. Wir verwenden im klinischen Alltag Faszienrollen nur bei konkreter therapeutischer Zielrichtung.“ 

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Nicht für jeden geeignet 

Der Linzer Facharzt für Physikalische Medizin rät nur nach Rücksprache mit Arzt bzw. Physiotherapeut zur Anwendung der Hartschaumrollen. Jeder sollte zur richtigen Anwendung von einem Fachmann geschult und über mögliche Gefahren aufgeklärt sein.

Klar ist, dass die Faszienrolle keine manuelle Therapie durch Masseur oder Physiotherapeut zur Lockerung der Muskulatur ersetzen kann.

Auf jeden Fall sollten die vom Hersteller genannten Kontraindikationen zum Training mit den Rollen ernst genommen werden. Er rät bei Rötung, Schwellung oder akutem Schmerz die Finger von der Rolle zu lassen. Nur nach Rücksprache und Erlaubnis eines Arztes sollen Menschen mit Osteoporose, Bandscheibenschäden, Fibromyalgie, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises oder mit einem Tumor so ein Training in Erwägung ziehen. Die Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten, ein künstliches Gelenk und Schwangerschaft können ebenfalls ein Grund sein, auf das Ausrollen zu verzichten. 


Mag. Christine Radmayr

Jänner 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 29. Januar 2020