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Nervus Vagus – Großer Nerv für Entspannung und Ruhe

Der Vagusnerv erstreckt sich vom Gehirn bis in die Organe. Als Teil des parasympathischen Nervensystems spielt er für Ruhe und Ausgeglichenheit eine große Rolle. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über seine Funktion und Wirksamkeit auf die Psyche sind allerdings noch vage. 

Beim Nervus Vagus handelt es sich um den längsten Gehirnnerv und den größten Nerv des parasympathischen Systems. Dieser Teil des Nervensystems beeinflusst die Entspannung, Herzfrequenz, Atmung, Verdauung, Aufbau der Energiereserven und regeneriert den Organismus. All diese Vorgänge können auch Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen.

Der Vagusnerv ist Teil des parasympathischen Systems, dieses wiederum ist Teil des vegetativen Nervensystems (welches automatisch, ohne Einschaltung des Willens arbeitet). „Vagus“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet umherstreifen, wandern. Diese Wortwahl passt sehr gut, denn der Nerv zieht sich durch weite Teile des Körpers.

Er versorgt und verbindet Gehirn, Hirnstamm und innere Organe, wie beispielsweise Herz, Darm und Lunge. Er kontrolliert Körperfunktionen wie Herzschlag und Verdauung. Seine Tätigkeit wird als parasympathisch bezeichnet, das bedeutet, dass er für Entspannung, Ruhe und Erholung steht. Daher wird er mitunter auch Erholungsnerv genannt. 

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Kerngebiet Hirnstamm 

Der Vagusnerv ist der zehnte Gehirnnerv. „Vom Hirnstamm aus werden der Schlaf-Wach-Rhythmus, Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung, Aufmerksamkeit und Schmerzwahrnehmung beeinflusst und gesteuert. Jener Teil des Vagusnervs, der sich im Hirnstamm befindet, ist Teil eines komplexen Systems und wirkt auf all diese Funktionen ein, er ist aber nicht alleine dafür verantwortlich“, sagt Prim. Dr. Johanna Winkler, Vorstand der Klinik für Psychiatrie 2, Neuromed Campus Linz. 

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Einfluss auf die Psyche 

Der Vagusnerv beeinflusst die Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und GABA (γ-Aminobuttersäure). Wie wichtig dieser Einfluss ist, zeigt sich, wenn es an einem dieser Botenstoffe mangelt. So kann ein Mangel an Serotonin zu Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Mangel an Stressresistenz, Kopfschmerzen, Angstzustände und Depressionen führen. Ein Mangel an Noradrenalin steht im Zusammenhang mit Depression, Konzentration- und Motivationsstörungen. Ein Mangel an GABA wird mit Angst und Depressionen in Zusammenhang gebracht.

Die Erkenntnis, dass der Vagusnerv die Psyche beeinflusst, verdankt man einer zufälligen Entdeckung aus dem 18. Jahrhundert. „Ein Arzt drückte bei einem Patienten im Halsbereich auf diesen Nerv und erkannte, dass sich dadurch dessen epileptische Anfallsrate verringerte. Diese Verbindung von Vagusnerv und Epilepsie macht man sich auch heute noch bei der Therapie von Epilepsie zunutze. Auch die Entdeckung, dass der Vagusnerv und Depressionen zusammenhängen können, wurde zufällig gemacht. Heute weiß man dank vieler Studien, dass die Stimulation des Vagusnervs bei depressiven Patienten zu 30 bis 50 Prozent eine wirksame Therapieform ist“, sagt Primaria Winkler. Weitere Anwendungsgebiete müssen erst erforscht werden. 

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Stimulation des Vagusnervs im medizinischen Bereich 

Die Beobachtung, dass Druck auf den Vagusnerv epileptische Anfälle stoppen kann, führte zur Entwicklung von Geräten, die den Nerv elektrisch stimulieren können. Diese Geräte geben an den Vagusnerv Impulse ab, die ans Gehirn weitergeleitet werden. Die therapeutische Stimulation nennt man Vagusnervstimulation. Im medizinischen Bereich stehen zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

Invasive Stimulation: Hierbei ist ein kleiner chirurgischer Eingriff unter Vollnarkose nötig. Dabei werden Elektroden, die elektrische Impulse abgeben können, im Halsbereich um den Vagusnerv geschlungen. Die Elektroden werden unter der Haut mit einem Pulsgenerator verbunden, der im Bereich eines Schlüsselbeins ebenfalls unter die Haut eingebracht wird. Das Gerät wird mit langlebigen Batterien betrieben. Der Pulsgenerator kann von außen programmiert, gesteuert und bei Problemen auch ausgeschaltet werden.

Nicht-invasive Stimulation: Hierbei werden spezielle Elektroden außen an die Ohrmuschel gesetzt, sie funktionieren ähnlich wie Akupunkturnadeln. Ziel ist die Reizung des dort verlaufenden Astes des Vagusnervs. Der Pulsgenerator wird am unteren Halsbereich mit einem Pflaster befestigt. Ein Kabel hinter dem Ohr verbindet die beiden Enden. Das Gerät kann vom Patienten nach einer Einschulung selbst bedient werden.

Nicht-invasive Stimulatoren befinden sich entwicklungsmäßig noch im Anfangsstadium und sind noch nicht weit verbreitet. Es gibt sie jedoch bereits zu kaufen, sie sind von den Patienten jedoch selbst zu bezahlen. „Patienten können diese Behandlung zu Hause auch selbst durchführen. Über die Wirksamkeit lassen sich noch keine endgültigen Aussagen treffen“, sagt die Psychiaterin. 

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Anwendung bei Epilepsie und Depression 

Vagusnervstimulationen kommen vor allem bei therapieresistenten Epilepsien und Depressionen zur Anwendung. Bei Epilepsien können die verabreichten Stromimpulse die Hirnaktivität hemmen und dadurch die epileptischen Anfälle reduzieren. „Ein Nachteil dieses Verfahrens ist, dass sich Erfolge nicht sofort einstellen. Bei Depressionen wirkt die Therapie erst nach einem dreiviertel Jahr, manchmal dauert es noch länger. Immerhin gibt es gute Erfahrungswerte und auch Studien, die belegen, dass sich Depressionen auf diese Weise erfolgreich behandeln lassen“, sagt Primaria Winkler. Sie schränkt jedoch ein: „Diese Methode wird zwar generell angeboten, kommt aber tatsächlich selten zum Einsatz, bisher hat sie sich in der Praxis nicht durchgesetzt.“

Noch nicht ausreichend gesicherte Einsatzgebiete sind Angststörungen, Migräne und Tinnitus.  

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Maßnahmen zur Entspannung 

Der Vagusnerv ist vielerorts wegen seiner beruhigenden Wirkung im Zentrum des Interesses. Zu einem gewissen Grad kann jeder Patient selbst zu seiner Entspannung beitragen. Folgende Tätigkeiten wirken entspannend und aktivieren das parasympathische Nervensystem:

  • Yoga, Qigong, Tai-Chi
  • Akupunktur
  • Sport, Bewegung, Tanz
  • Kältereize, hervorgerufen durch kalte Duschen bzw. Wechselduschen. „Kälte kann die Pulsfrequenz herabsetzen, bei manchen hilft das tatsächlich“, sagt Winkler.

 

Alle diese Methoden wirken entspannend, da sie auf das parasympathische Nervensystem einwirken. Doch welchen Anteil dabei der Vagusnerv hat, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend geklärt. „Zu sagen, genau dieser oder jener Nerv ist für die Entspannung zuständig, wäre zu vereinfacht dargestellt, man weiß es einfach noch nicht. Noch viel weniger weiß man, ob eine einzelne Maßnahme wie beispielsweise Qigong wirklich den Vagusnerv stimuliert oder vielleicht einen anderen Nerv des Parasympathikus“, sagt die Ärztin.

Einfache Aussagen über Wirksamkeit einzelner Maßnahmen hinsichtlich der Stimulation des Vagusnervs (wie sie in häufig im Internet zu lesen sind), sind also nicht haltbar. „Es handelt sich um ein sehr komplexes System aus Nerven, Hormonen und vielem mehr. Alles Wissen über den Vagus-Nerv ist vage. Die belegten Fakten sind dürftig und die Wissenschaft hat noch jahrzehntelange Forschungsarbeit vor sich, bis man wird sagen können, dass man weiß, wie alles zusammenspielt und funktioniert“, so Winkler. 

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Weitere Eigenschaften 

Der Nervus vagus besitzt neben den hier beschriebenen vegetativen Funktionen auch motorische und somatische Eigenschaften. So ist er an der motorischen Steuerung (das heißt, er gibt organstimulierende Impulse ab) von Kehlkopf, Rachen und Speiseröhre beteiligt. Zudem übermittelt er Geschmacksempfindungen vom Zungengrund und Berührungsempfindungen des Kehlkopfes, Rachen und äußeren Gehörganges.

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 20. Januar 2020