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Krankhafte Gesundesser: Zwang und Einengung statt Genuss

Sich bewusst gesund zu ernähren und dies auch zu genießen, ist eine tolle Sache. Wer jedoch ängstlich die Zutatenlisten studiert, um jegliche mögliche „Gefahrenquelle“ auszuschließen und wer viele Lebensmittel generell nicht mehr konsumiert, weil sie vielleicht nicht gesundheitsfördernd sein könnten, der sollte sich fragen, ob er auf dem Weg zu einem krankhaften Gesundesser ist. Die zugehörige medizinische Diagnose lautet Orthorexie. 

Der Wunsch, sich gut und gesund zu ernähren, ist bei jedem Menschen vorhanden. Meist besteht eine gewisse Balance aus gesundheitsbewusster Ernährung und der Fähigkeit, nicht zu streng mit sich zu sein. Dazu gehört auch die Bereitschaft, fallweise Speisen zu genießen, von denen man weiß, dass sie wenig zur Gesundheit beitragen, aber immerhin dem Genuss dienen.

Manche Menschen schränken die Nahrungsmittel, die sie essen, deutlich ein. Sie vermeiden beispielsweise Gluten (ohne an Zöliakie zu leiden), Zucker oder gar jede Form von Kohlenhydraten. Sie entwickeln ein angstbesetztes und zwanghaftes Essverhalten, das je nach gradueller Ausprägung auch als krankhaft bezeichnet werden kann. 

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Moden kommen und gehen 

Low Carb, Low Fat, zuckerfrei, Rohkost, Paleo und eine unüberschaubare Anzahl an diversen Diätformen – die Ernährungsmoden ändern sich ständig und sie haben eines gemein: Sie bevorzugen bestimmte Lebensmittel und schließen andere aus.

Der neueste Trend aus Amerika verbannt sogar ganze Lebensmittelgruppen aus dem Speiseplan. Bei der „Lehre“ namens „Medical Medium“ werden Getreide, Milchprodukte, Eier etc. gar zu „no foods“ erklärt, da sie generell der Gesundheit abträglich seien. Im Gegenzug wird der Verzehr von Unmengen an Obst und Gemüse und auch die Einnahme (sehr teurer) Nahrungsergänzungsmittel propagiert. „Bei solch einschränkenden Essenskonzepten besteht auch die Gefahr, dass sich eine handfeste Essstörung entwickelt“, sagt Dr. Doris Engertsberger, Internistin, Stoffwechselexpertin und Essstörungsspezialistin in Leonding. 

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Orthorexie 

Auffälliges Essverhalten, bei dem sich Betroffene aus Sorge um die eigene Gesundheit zwanghaft mit dem Thema Ernährung beschäftigen, wird Orthorexie genannt. Diese Diagnose wird häufig bei sogenannten krankhaften Gesundessern gestellt. Das sind kranke oder gesunde Menschen, die sich zwanghaft gesund ernähren. Sie kontrollieren jeden Bissen, den sie zu sich nehmen, sehr genau. Selbstkontrolle und Disziplin steht im Vordergrund, den eigenen Bedürfnissen wird kein Platz mehr eingeräumt.

Krankheitswertig Betroffene haben mit der Ernährung ein großes Problem. Sie wollen sich unbedingt gesund ernähren, um dadurch die Kontrolle über das eigene Wohlbefinden zu erlangen. „Oft handelt es sich um den Versuch, die eigene Angst vor Krankheit in Schach zu halten und die Kontrolle über sich und den Körper zu bewahren und so die Gesundheit zu verbessern“, sagt Engertsberger. 

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Ideologie statt Genuss 

Krankhafte Gesundesser erkennt man häufig an ihrer ideologischen Verbissenheit. Sie versuchen auch ihre soziale Umgebung zu „missionieren“. In ihrem Schwarz-Weiß-Denken gibt es nur mehr gute oder schlechte Lebensmittel bzw. Ernährungsweisen. Verstößt man gegen selbst aufgestellte oder übernommene Richtlinien, können negative Emotionen wie Angst und auch Schuld ausgelöst werden. Je weiter das Problem fortschreitet, desto mehr wird die Essensauswahl eingeschränkt und desto genauer will man unbedingt ein eigenes Essensprotokoll einhalten. Dem eigenen Genuss wird dann kaum mehr Achtung geschenkt. Oft leiden der Partner und die Familie darunter, da es keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr gibt. 

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Gesundheitsbewusst oder schon krankhaft? 

Der Grat, ob ein Essverhalten noch gesundheitsbewusst oder schon krankhaft ist, ist oft ein schmaler. Folgende Punkte geben Hinweise: 

Regeln immer strikter? Die Beschäftigung mit der Ernährung birgt ein gewisses Suchtpotential. Mit dem Ziel optimaler Gesundheit werden immer neue Regeln eingeführt, die Ernährungsweise wird immer spezifischer. Man bringt viel Zeit, Mühe und Geld auf, um sich möglichst optimal zu ernähren.

Suche nach potenziellen Schadstoffen: Biologisch zu essen, ist gesund und richtig, doch die ständige Suche nach potenziellen Schadstoffen ist angstauslösend und dient damit nicht der Gesundheit.

Ausnahmen gestattet? Wenn sich jemand strikt und durchgängig, also ausnahmslos an bestimmte Essensregeln hält, sollten die Alarmglocken läuten. Ein Beispiel: Ist man bei Freunden zum Essen eingeladen und lehnt man dankend ab, weil Nahrungsmittel auf die Teller kommen, die man „prinzipiell“ nicht isst und kann man nicht einmal den Freunden zuliebe eine Ausnahme machen, dann ist solch striktes Nichtabweichen von seinen Essgewohnheiten bedenklich. „Wer sich selbst keinerlei Ausnahmen zugestehen kann, der handelt in vielen Fällen krankheitswertig zwanghaft“, so Engertsberger.

Eigenes Verhalten beobachten: Erkennt man, dass man sich völlig anders als der Durchschnitt ernährt, sollte man in sich fragen, wie weit man sich bereits in eine Ernährungs-Nische begeben hat, aus der man nicht mehr herauskommt. Man sollte prüfen, inwieweit das eigene Denken und Handeln fast ausschließlich um die Ernährung kreist und andere Lebensbereiche dadurch stark einschränkt. Hat man Bedenken hinsichtlich der eigenen Entwicklung, sollte man sich von einem kundigen Arzt beraten lassen. 

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Dem Körpergefühl vertrauen 

Krankhafte Gesundesser übernehmen häufig Regeln, die angeblich gesund sind. Sie machen sich fremde Ansichten zu eigen und hinterfragen diese wenig. „Wir könnten stattdessen mehr der inneren Stimme folgen und dem Körpergefühl vertrauen. Der Körper sagt uns oft sehr klar, was er im Moment braucht. Doch viele hören nicht in sich hinein und folgen starr bestimmten Regeln in der Hoffnung, dass sie richtig sind. Besser wäre es, dem Körper das zu geben, was er im Moment signalisiert und in den folgenden Stunden zu beobachten, ob einem das gut getan hat oder nicht. Einerseits gewinnt man dadurch Lebensqualität, andererseits bemerkt man vielleicht, dass die vermeintlich gesunde Ernährungsform zu einem selbst überhaupt nicht passt“, sagt die Stoffwechselexpertin. 

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Abgrenzungen 

Sensible Esser: In den letzten Jahrzehnten hat sich eine breite Bevölkerungsschicht herausgebildet, die man als sensible Esser bezeichnen könnte. Sie versuchen nicht nur, sich gesund zu ernähren, sondern achten zudem auf das Tierwohl und essen demnach nur Bio-Fleisch oder ernähren sich vegetarisch oder vegan. „Hier liegt in den allermeisten Fällen aber keine Orthorexie vor“, hält Engertsberger fest.

Experimente: Ebenso wenig krankheitswertig ist es, wenn man eine gewisse Zeit einen bestimmten Ernährungsstil ausprobiert in der Hoffnung, dass es einem dann besser geht. Es handelt sich vielmehr um den legitimen Versuch, sich eine bessere Lebensqualität zu schaffen und auf die eigene Befindlichkeit Einfluss zu nehmen. Bedenklich wird es erst dann, wenn man erkennt, dass einem die Ernährungsumstellung nicht genützt oder gar geschadet hat und man dennoch nicht zu einer normalen Ernährung zurückkehrt.

Allergien und Unverträglichkeiten: Verträgt man bestimmte Inhaltsstoffe nicht, muss man sie natürlich vermeiden.

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2020