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Schule im Krankenhaus

Heilstättenschulen bieten Schülern die Möglichkeit, im Falle eines Krankenhausaufenthaltes intensiv und individuell betreut zu werden. Diagnose, Therapie und Lernen gehen Hand in Hand. 

Heilstättenschulen sind in Krankenhäusern verortet. Diese besondere Schulform wird in ganz Österreich angeboten. In Linz gibt es vier Standorte, einen davon am Neuromed Campus. Dort unterrichten sieben Lehrkräfte pro Schuljahr bis zu 400 Schülerinnen und Schüler vorwiegend aus Oberösterreich. „Die Dauer des Aufenthalts variiert, sie kann individuell von einigen wenigen Tagen bis hin zu mehreren Wochen oder Monaten betragen. Je nach Bedarf und Verlauf entscheidet das Ärzteteam über die Dauer des Aufenthalts“ sagt Monika Giegler, Koordinatorin der Heilstättenschule am Standort Neuromed Campus. 

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Diagnose, Therapie und Lernen Hand in Hand 

Der Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgt auf freiwilliger Basis. Die Erziehungsberechtigten und das Kind müssen dem zustimmen. Wird ein schulpflichtiges Kind als Patient aufgenommen, ist der Unterricht in der Heilstättenschule verbindlich. „Wir bemühen uns um intensiven Austausch mit den beteiligten Fachleuten“, sagt Giegler.

Ab dem ersten Aufenthaltstag im Krankenhaus erfolgt der Unterricht in der Heilstättenschule für alle Pflichtschüler von zehn bis fünfzehn Jahren. Parallel dazu werden sie von einem Team bestehend aus Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern und Pflegekräften betreut. Dieses vor Ort bestehende interdisziplinäre Personal ermöglicht es, dass eine diagnostische Abklärung, ein therapeutischer Prozess sowie Lernen in der Schule Hand in Hand gehen können. 

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Kooperation mit Stammschulen 

Von der Aufnahme bis zur Entlassung ist für jeden einzelnen Schüler eine Lehrkraft verantwortlich. Diese Bezugslehrkraft hält Kontakt zur Herkunftsschule und gilt als Ansprechperson für alle schulischen Angelegenheiten. Sie stellt somit eine wichtige Nahtstelle zwischen Stammschule und Krankenhaus dar. In der Heilstättenschule werden alle Gegenstände unterrichtet, der Schwerpunkt wird auf die Gegenstände Deutsch, Englisch und Mathematik gelegt. Der intensive Kontakt mit den Stammschulen ermöglicht es, auch Tests und Schularbeiten während des Krankenhausaufenthaltes zu absolvieren. Die Beurteilung erfolgt durch die Lehrkräfte der jeweiligen Stammschule. „Diese Zusammenarbeit klappt gut und hat sich etabliert“, so Giegler. 

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Individuelle Betreuung 

In der Heilstättenschule werden Kinder und Jugendliche aus allen bestehenden Schultypen der Unterstufe unterrichtet. Dies bedeutet, dass unterschiedliche Lernniveaus, Altersstufen sowie Krankheitsbilder in einer Klasse Realität sind. Der Aufenthalt in diesen besonderen Klassen dient nicht nur dem Wissenserwerb, er ist Teil des Genesungsprozesses und soll Struktur und Halt geben. Giegler: „Beziehungsarbeit ist uns sehr wichtig. Die Schülerinnen und Schüler können uns Lehrkräften vertrauen und sollen wieder Freude am Lernen und am Schulbesuch bekommen“, betont die Pädagogin. „Unser Ziel ist es, sie zu stabilisieren, ihnen Zuversicht zu geben, sodass sie nach der Entlassung wieder besser mit sich und dem Umfeld klarkommen sowie wieder am Unterrichtsgeschehen in der Herkunftsschule teilnehmen können.“ 

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Aufnahmegründe 

Die Gründe für die Aufnahme können beispielsweise Störungen des Sozialverhaltens, Mobbing, Schulverweigerung, Schulangst, Wahrnehmungsstörungen, Aggression, depressive Episoden, Suizidgefahr oder auch traumatische Erlebnisse sein. Während der diagnostischen Abklärungsphase werden unterschiedliche Therapieformen angeboten. 

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Betreuung und Aufenthaltsdauer je nach Befund 

Mit dem vorliegenden Befund entscheidet sich die weitere Vorgehensweise. Je nach Fall kann der Aufenthalt in der Tagesklinik (im Krankenhaus von 8 bis 16 Uhr) es ermöglichen, das Kind längerfristig medizinisch, therapeutisch und pädagogisch zu begleiten. „Die räumliche Nähe zu den Teammitarbeitern der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie begünstigt unsere Arbeit“, meint die Lehrerin. Eine intensive Betreuung auf der Station (rund um die Uhr im Krankenhaus) kann für manche Kinder und Jugendliche, zum Beispiel in Krisensituationen, notwendig sein. Hier kann die Aufenthaltsdauer je nach Bedarf stark variieren. Bei beiden Aufenthaltsformen erhalten die jungen Patienten einen strukturierten Tagesablauf, der sich in Unterricht, Diagnose/Therapie und Freizeitgestaltung gliedert. 

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Befund ist kein Muss 

Oft bietet ein Befund Orientierung für die weiteren Maßnahmen. Manchmal jedoch gibt es keine medizinische Ursache/Erklärung, wenn etwa keine psychiatrische Diagnose vorliegt. In diesem Fall können zum Beispiel Erziehungsfehler oder -mängel Gründe für die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes sein. Es kann für die Erziehungsberechtigten sehr herausfordernd sein, wenn sie damit konfrontiert werden, dass die Heranwachsenden ganz klare Regeln und Grenzen brauchen. „Diese einzufordern ist auch anstrengend, weil es nicht der einfachste Weg in der Erziehung ist“, betont Giegler. 

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Helferkonferenz 

Im Zuge der Entlassung eines der jungen Patienten besteht die Möglichkeit der Einberufung einer Helferkonferenz, bei der sich sowohl medizinisches Personal, Erziehungsberechtigte, Sozialarbeiter sowie Lehrkräfte der Heilstättenschule und der jeweiligen Herkunftsschule des Kindes an einen Tisch setzen. Das hat den Vorteil, dass alle Beteiligten – natürlich mit dem Einverständnis der Erziehungsberechtigten – offen miteinander sprechen und sich austauschen. Diese Informationen können sehr hilfreich sein, um einen besseren weiteren Verlauf des Schul- und Soziallebens des Kindes zu fördern. 

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Laute Kinder ganz leise 

Wenn in einer Schule viele Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen oder Krisen befinden, zusammentreffen, müsste man eigentlich ein lärmendes Chaos erwarten. Die Atmosphäre in der Heilstättenschule ist jedoch ruhig und entspannt. Giegler: „Wenn die Kinder aus dem gewohnten Umfeld in eine neue Umgebung kommen, müssen sie alt eingefahrene Verhaltensmuster oft nicht mehr fortsetzen, das beobachten alle Lehrkräfte. Diese nehmen sich außerdem Zeit und zeigen Interesse für die Anliegen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler, die sich dadurch wohl und wahrgenommen fühlen.

 

Dr. Thomas Hartl

Dezember 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2019