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Sand mit Schrift Vitamin D

Vitamin D – Nach dem Hype

Der Hype um Vitamin D ist abgeflaut. Immer mehr zeigt sich: Wundermittel ist es keines. Dennoch sollte man Mangelzustände beheben, um seine Gesundheit zu schützen. Der natürliche Weg, Vitamin D zu tanken, ist die Sonne. Für bestimmte Personengruppen ist es ratsam, zusätzlich Supplemente zu sich zu nehmen. 

Vitamin D erlebte in den letzten Jahren einen Hype. Viele Versprechungen und Behauptungen wurden publik gemacht: Es schütze vor Herzinfarkt, Krebs, Depression und vielem mehr. Ein Mangelzustand wurde praktisch mit jeder Erkrankung und jedem Symptom in Verbindung gebracht. „Viele Menschen mit ungelösten gesundheitlichen Problemen wollen natürlich an etwas glauben, das ihnen helfen könnte, und so glaubten viele an Vitamin D. Manchen half es tatsächlich, bei anderen diente es lediglich als Placebo“, sagt Priv.-Doz. Dr. Karin Amrein, MSc von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Universität in Graz.

Die Hoffnung war groß, noch größer die Enttäuschung. Viele der Versprechungen erwiesen sich als falsch oder zumindest als unhaltbar. Die Stimmung schlug oft ins Gegenteil um und mancherorts wurde nun behauptet, dass Vitamin D völlig unwichtig sei und eine Zufuhr überhaupt nichts bringe. „Bis vor wenigen Jahren gab es kaum große und gute Studien. Angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre lässt sich nun sagen, dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt. Demnach kann die Zufuhr von Vitamin D sehr wohl für die Gesundheit sehr wichtig sein, allerdings nur, wenn ein Mangel vorliegt“, sagt Amrein. 

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Risikogruppen 

Aktuelle Daten besagen, dass 40 Prozent aller Europäer einen Mangel an Vitamin D aufweisen, 13 Prozent sogar einen schweren Mangel. Von einem Mangel an Vitamin D spricht man, wenn die Serumkonzentration unter 20 Nanogramm pro Milliliter liegt (das entspricht 50 Nanomol pro Liter).

Bei folgenden Gruppen besteht ein besonders hohes Risiko eines Vitamin D-Mangels:

  • Säuglinge
  • Mädchen in der Pubertät
  • Menschen ab 65 Jahren, vor allem Bewohner von Pflegeheimen, schwer kranke und/oder bettlägerige Menschen, Menschen mit Leber- oder Nierenerkrankungen
  • verschleierte Frauen
  • Schichtarbeiter

Wer einer dieser Risikogruppen angehört, dem empfiehlt Amrein in den Wintermonaten Vitamin D zuzuführen. „Auch gesunde Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, können im Winter 800 bis 4000 Internationale Einheiten (IE) einnehmen, wenn sie auf Nummer sicher gehen möchten. Diese Dosis schadet nicht. Ob sie bei gesunden Menschen etwas bringt, ist allerdings fraglich. Ein gesunder Mensch braucht jedenfalls nicht mehr als 4000 Einheiten pro Tag einnehmen“, empfiehlt die Endokrinologin. 

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Vitamin D für gesunde Knochen 

Säuglinge und alte Menschen benötigen die Zufuhr von Vitamin D mittels Supplementen. Bis Ende des ersten Lebensjahres wird die Zufuhr von 400 IE täglich empfohlen, um Rachitis zu verhindern. „In den Wintermonaten sollte man auch Kleinkindern geringe Dosen Vitamin D zuführen, um einen starken Mangel zu vermeiden“, rät Amrein. 

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Zusammenhang mit Erkrankungen 

Menschen mit Erkrankungen der Nieren, Lungen, des Herzens, der Knochen, der Muskeln oder mit Krebs weisen häufig einen Mangel an Vitamin D auf.

  • Atemwegsinfekte und Asthma stehen häufig in Zusammenhang mit einem Vitamin D Mangel. „Hier zeigen wissenschaftliche Daten klar auf, dass man in diesen Fällen unbedingt (besonders in den Wintermonaten) Vitamin D zuführen sollte. Ein guter Vitamin D-Spiegel kann Erkältungen bis hin zu Lungenentzündungen verhindern“, sagt die Ärztin.
  • Krebs: Ein hoher Vitamin D-Spiegel kann Krebs vermutlich nicht vorbeugen. Aber: Ist jemand bereits an Krebs erkrankt, reduziert die Gabe von Vitamin D die Sterblichkeit. „Gestützt durch eine gute Datenlage kann man Krebserkrankten daher empfehlen, Vitamin D einzunehmen“, sagt Amrein.
  • Herzgesundheit: Bisher ist kein ursächlicher Zusammenhang von Herzerkrankungen und Vitamin D-Mangel gesichert. „Dazu gibt es keine Daten. Es dürfte kein Zusammenhang zwischen einem Infarktrisiko und Vitamin D bestehen“, so Amrein. 
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Aufnahme von Vitamin D 

Vitamin D wird vor allem mithilfe von Sonnenlicht gebildet, durch Nahrungsmittel alleine kann nicht genügend aufgenommen werden. 

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Sonnenhormon 

Vitamin D ist genau genommen kein echtes Vitamin, sondern ein Hormon. Während die Vitamine A, B und C der Mensch direkt aus der Nahrung aufnehmen muss, kann Vitamin D im Körper produziert werden, wenn die Haut Sonnenlicht ausgesetzt wird.

Sonne tanken macht daher Sinn, wenn man es moderat angeht und keinen Sonnenbrand riskiert. Für die Vitamin D-Produktion braucht es den direkten Kontakt des Sonnenlichts (der UVB-Strahlung) mit der Haut, es darf also keine hochpotente Sonnencreme aufgetragen sein. Die Produktion erfolgt dabei vorwiegend in der warmen Jahreshälfte, in den Wintermonaten ist die Sonne hierzulande zu schwach. Das produzierte Vitamin D wird im Körper gespeichert und nach und nach verbraucht. 

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Ernährung 

Nennenswerte Dosen an Vitamin D finden sich in fettem Seefisch (Lachs, Makrele, Aal). Geringere Mengen finden sich auch in Innereien, Eiern, Milch und Pilzen. „Von den empfohlenen 800 IE pro Tag nimmt man hierzulande durchschnittlich nur 100 IE mit der Nahrung auf. Den angestrebten Wert könnte man zwar mit 20 Eiern pro Tag erreichen, das wäre aber aus anderen Gründen nicht gesund. Eine weitere Möglichkeit, Vitamin D aufzunehmen, wäre es, wenn man es bestimmten Nahrungsmitteln beifügt. In manchen Ländern wird das bereits gemacht“, sagt Dr. Amrein. 

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Testung 

Ein Mangel an Vitamin D lässt sich nicht anhand bestimmter Beschwerden bestimmen, diese sind sehr unspezifisch. Ein massiver Mangel kann sich in Muskelschmerzen ausdrücken. „Wenn etwa Schichtarbeiter oder verschleierte Frauen unter diffusen, unerklärlichen Schmerzen leiden und sagen, dass ihnen einfach alles weh tut und sie sich immer recht schwach fühlen, dann kann das auf einen Mangel an Vitamin D hinweisen“, erklärt Amrein.

Um einen vermuteten Mangel auch feststellen zu können, kann man einen Bluttest machen. Der jeweilige Vitamin D-Wert im Blut schwankt ständig. Er ist am Ende des Sommers meist am höchsten und am Ende des Winters (Februar und März) am niedrigsten. „Solche Tests waren früher sehr ungenau, das hat sich aber gebessert und man kann sich heute weitgehend auf die erhobenen Werte verlassen. Wer etwa einen Wert von 40 Nanogramm pro Milliliter hat, der ist jedenfalls auf der sicheren Seite, während man bei einem Wert von 10 Nanogramm pro Milliliter unbedingt Supplemente einnehmen sollte“, sagt Amrein. 

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Supplemente 

Vitamin D gibt es in Form von Tropfen, Kapseln oder Sprays zu kaufen. Es empfiehlt sich, geprüfte Präparate mit Arzneimittelstandard in der Apotheke zu kaufen und keine ungeprüften Nahrungsergänzungsmittel in dubiosen Shops im Internet.

Supplemente einzunehmen hat jedoch nur dann Sinn, wenn ein Mangel besteht. Besteht kein Mangel, ergibt sich kein gesundheitlicher Benefit, im Gegenteil: eine dauerhafte Zufuhr zu hoher Dosen kann toxisch wirken. „Leider geschieht das in letzter Zeit häufiger. Angestachelt von Ratschlägen dubioser Experten nehmen viele Menschen hochdosierte Präparate ein und gehen damit toxische Risiken ein, die Leber und Nieren schaden können“, sagt die Ärztin.

 

Dr. Thomas Hartl

Dezember 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 09. Dezember 2019