DRUCKEN
Älteres Paar füllen ein Formular aus

Patientenverfügung – Vorsorgen für den Fall der Fälle

Über Patientenverfügungen spricht man nicht gern, man hofft, niemals eine zu brauchen. Dennoch sollte man sich Gedanken machen, ob man eine solche Verfügung errichten möchte, um vorzusorgen, wenn man den eigenen Willen zu medizinischen Behandlungen nicht mehr äußern kann. 

Eine Patientenverfügung (PV) ist eine mündliche oder schriftliche Erklärung, mit der man eine zukünftige medizinische Behandlung ablehnt. Damit bestimmt man, was mit einem geschehen soll, wenn man sich selber nicht mehr äußern kann. Beispiel: Man befindet sich nach einem Gehirnschlag im Wachkoma, die Zeit vergeht und man wacht nicht auf. Besteht keine gegenteilige Patientenverfügung, wird man so lange wie möglich (auch über viele Jahre hinweg) am Leben erhalten, selbst wenn keine Aussicht besteht, dass man wieder aufwachen wird oder wenn klar ist, dass man nur mit schwersten Gehirnschädigungen weiterleben könnte.

Mit einer Patientenverfügung kann man, bevor ein Ernstfall eintritt, seine persönliche Grenze festlegen, ab wann (in welcher Situation, in welchem Gesundheitszustand) man nicht weiter am Leben erhalten werden möchte. Mit ihr kann man bestimmen, was mit einem geschehen soll, wenn man sich nicht mehr äußern kann.

„Ich empfehle eine Patientenverfügung zu machen. Es gibt kein Mindestalter dafür. Sinnvoll sind sie im hohen Alter, bei schweren Erkrankungen oder wenn sich chronische Erkrankungen zu verschlimmern drohen oder wenn eine schwere Operation bevorsteht. Auch jüngere Menschen, die Extremsportarten ausüben oder gefährdet sind, schwere Unfälle zu erleiden, sollten es überlegen“, sagt Mag. Anna Pissarek vom Dachverband Hospiz Österreich, die an der Neuerarbeitung des Ratgebers und des Formulars zur Patientenverfügung beteiligt war.

Jeder entscheidungsfähige (kranke oder gesunde) Mensch kann eine Patientenverfügung errichten. In der Praxis machen vor allem jene davon Gebrauch, die in ihrem Umfeld das Sterben einer Person miterlebt haben, im positiven („so will ich das auch handhaben“) oder im negativen Sinn („das soll mir keinesfalls passieren“). 

up

Selbstbestimmung ist kein Muss 

Es gibt jedoch Menschen, die wollen für den Fall eines schweren Unfalls oder einer schweren Erkrankung nicht selbstbestimmend vorsorgen und errichten willentlich keine PV. Sie überlassen die Entscheidung, was medizinisch in einem solchen Fall geschehen soll, lieber den Ärzten. 

up

Inhalt konkretisieren 

In einer Patientenverfügung kann man bestimmte medizinische Maßnahmen ablehnen. Man muss diese konkretisieren und festlegen, in welchen Situationen man welche Maßnahmen ablehnt. Zu allgemeine oder medizinisch unklare Formulierungen können nicht befolgt werden.

Beispiele, die möglich sind: Ablehnung von Reanimation, künstlicher Ernährung, künstlicher Beatmung, Behandlung mit Antibiotika, Operationen, Dialyse, Verabreichung von Herz-Kreislauf-Medikamenten. Pissarek: „Man kann zum Beispiel eine Reanimation generell untersagen oder vor einer Herzoperation sehr konkret festlegen, dass man eine Reanimation nur wünsche, falls die Heilungschancen bei 80 Prozent liegen.“ 

up

Verbindlich oder nicht 

Man unterscheidet zwei Formen von Patientenverfügungen: verbindliche und andere PV. Eine verbindliche PV muss unter allen Umständen befolgt werden und lässt den Behandelnden keinen Spielraum. Andere PV müssen herangezogen werden, um den Willen des Patienten zu erforschen, lassen aber noch einen gewissen Spielraum.

 

Die verbindliche Verfügung: Diese ist an strenge Formvorschriften gebunden und verpflichtet jeden Arzt, sich an den verfassten Willen zu halten. Ihm bleibt hier kein Spielraum, ob der Patientenwille umgesetzt wird oder nicht, auch wenn medizinisch gesehen die abgelehnte Maßnahme angemessen wäre.

Formelle Erfordernisse: Vorab ist eine ärztliche Beratung Pflicht. In der Praxis wird dazu meist der Hausarzt aufgesucht, empfehlenswert sind auch Palliativmediziner.

Eine verbindliche Patientenverfügung muss schriftlich von einem Rechtsanwalt oder einem Notar oder einer rechtskundigen Person einer Patientenvertretung oder eines Erwachsenenschutzvereins errichtet werden.

 

Andere Patientenverfügung: So bezeichnet man eine PV, die nicht alle Inhalts- oder Formerfordernisse einer verbindlichen PV erfüllt. Ihr Inhalt ist nicht verbindlich, muss aber den ärztlichen Entscheidungen zugrunde gelegt werden. Der Arzt, der über lebenserhaltende Maßnahmen zu entscheiden hat, ist an den übermittelten Willen des Patienten nicht streng gebunden. Freilich muss der Wille des Patienten beachtet und bei der Entscheidung berücksichtigt werden. Je mehr Formerfordernisse der verbindlichen PV erfüllt, desto stärker muss der Willen des Verfassers berücksichtigt werden. Folgt der Arzt dem Patientenwillen nicht, muss er das begründen. 

Ärzte stehen im Fall einer anderen PV oft vor schwierigen Entscheidungen, wenn sie nicht exakt wissen, was der Patient wirklich will. Insofern ist es wichtig, dass eine PV möglichst genau beschreibt, warum man eine solche Verfügung macht, was man befürchtet und keinesfalls erleiden möchte. Daher ist ein Arztgespräch in jedem Fall zu empfehlen.

„Eine andere Patientenverfügung ist dann von Vorteil, wenn zwischen Arzt und Patient ein gutes Vertrauensverhältnis herrscht, denn dann kann der Arzt flexibler im Sinne des Patienten, den er gut kennt, handeln. Je vertrauter das medizinische Umfeld und je kleiner die medizinische Struktur, in der sich der Patient befindet, desto mehr bewährt sich eine andere PV. Erfahrungsgemäß beachten Ärzte, die den Patienten persönlich gut kennen, dessen Willen eher, als wenn ein Patient in ein Krankenhaus gebracht wird, wo man ihn nicht kennt“, so Pissarek. 

up

Änderungen möglich 

Patientenverfügungen können auch wieder geändert werden. Dies kommt in der Praxis häufig vor, vor allem chronisch Kranke nehmen Änderungen vor, etwa weil man nun doch starke Medikamente gegen die Schmerzen haben möchte oder weil man erkennt, dass man trotz des schlechten Zustandes doch noch weiterleben und daher künstlich beatmet werden möchte.

Eine Änderung bedarf keiner Schriftform, man kann jederzeit mündlich sagen, dass man es sich anders überlegt hat. Auch durch Zeichen und Gesten kann man seine Meinungsänderung äußern, daher ist es nötig, dass Pflegepersonal und Ärzte sehr aufmerksam sind. 

up

Neue gesetzliche Regelung 

Einige Vorschriften wurden Anfang 2019 gesetzlich neu geregelt:

  • Die Geltungsdauer von verbindlichen PV stieg von fünf auf acht Jahre.
  • Für eine Verlängerung einer verbindlichen PV ist eine erneute ärztliche Aufklärung/Gespräch ausreichend, man muss nicht noch einmal zu einem Notar oder Anwalt.
  • Auch Erwachsenenschutzeinrichtungen sind nun befugt, die Errichtung einer verbindliche PV juristisch zu bestätigen. 
up

Abgrenzung 

Vorsorgevollmacht: ist ein juristischer Akt, mit dem man z.B. den Partner oder einer Vertrauensperson die Verfügungsmacht überträgt, für den Fall, dass man seinen Willen nicht mehr äußern kann. Der Partner entscheidet dann für den anderen Partner. „Oft ist eine Kombination einer Patientenverfügung plus einer Vorsorgevollmacht ideal. Dann hat man eine Vertrauensperson, die den eigenen Willen genau kennt und die für mich entscheiden kann, sollte ich mich nicht mehr äußern können“, sagt Pissarek.


Dr. Thomas Hartl

Dezember 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 06. Dezember 2019