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Frauen machen Gymnastik

Der chronische Beckenschmerz der Frau

Der chronische Beckenschmerz ist ein Syndrom, das bei betroffenen Frauen zu teils heftigen Schmerzen und Einbußen der Lebensqualität führt. Das Um und Auf einer Diagnose ist eine einfühlsame Befragung der Betroffenen sowie die sorgfältige klinische Untersuchung. 

Frauen sind von chronischen Schmerzen im Beckenbereich sehr häufig betroffen, je nach Erhebung erleiden 20 bis 60 Prozent im Laufe ihres Lebens diese Schmerzen.

Der chronische Beckenschmerz beschreibt einen nicht-zyklischen Schmerz in der Beckengegend, der mindestens drei bis sechs Monate andauert und bei nicht-schwangeren Frau auftritt. Nicht miteinbezogen werden hier zwei andere große Bereiche, die ebenfalls unterhalb des Bauchnabels häufig Schmerzen auslösen, und zwar das Blasen-Schmerz-Syndrom und das chronische Schmerzsyndrom der Vulva (Vulvodynie). Diese beiden Gruppen werden hier nicht besprochen. 

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Vielfältige Ursachen 

Dem chronischen Beckenschmerz können viele mögliche Ursachen zugrunde liegen. Häufige Ursachen sind:

  • Psychosoziale Ursachen
  • Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes
  • Endometriose (Erkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter wächst und dadurch Beschwerden verursacht)
  • Verwachsungen
  • chronische oder abgelaufene Beckenentzündungen
  • Krampfadern im Becken
  • Reizdarmsyndrom etc. 
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Psychosoziale Ursachen 

Häufig findet man trotz gründlicher Untersuchungen jedoch keinerlei körperliche Anomalien, die die Schmerzen erklären könnten. Das liegt dann daran, dass es manchmal eben keine körperlichen Ursachen gibt. Scheidet der Körper als Quelle der Beschwerden aus, fahndet man im psychischen Bereich. Hier wird man in vielen Fällen auch fündig, so kann eine somatoforme Schmerzstörung vorliegen. Typisch für solche Schmerzen ist, dass sich Betroffene übermäßig mit dem Schmerz über die Dauer von sechs Monaten beschäftigen und der Schmerz keiner anderen klinischen Störung zugeordnet werden kann.

Probleme aus dem psychisch-sozialen-emotionalen Bereich können sich also als körperliche Schmerzen manifestieren. Die den Schmerzen zugrundeliegenden Probleme können verschiedener Natur sein, etwa Beziehungsprobleme, Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch, Mobbing etc. Auch Depressionen und Angststörungen können ursächlich vorliegen oder sich aus ungelösten Problemen entwickeln. „Lösen sich die Probleme auf, zum Beispiel durch Trennung oder Versöhnung, ein klärendes Gespräch mit dem Chef oder Arbeitskollegen, dann können auch die Schmerzen wieder verschwinden. Sexueller Missbrauch als Schmerzursache ist zwar möglich, kommt aber eher selten vor. Manchmal treten die Schmerzen erst Jahre oder Jahrzehnte nach einem Missbrauch auf oder können diesem zugeordnet werden“, sagt OA Dr. Franz Roithmeier, Leiter des Beckenboden Zentrum am Ordensklinikum Linz, Barmherzige Schwestern. 

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Doctor-Shopping 

Frauen mit chronischen Beckenschmerzen haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Häufig pilgern sie jahrelang von Arzt zu Arzt und bekommen oft zu hören, dass ihnen nichts fehlen würde. „Das kann daran liegen, dass die Betroffenen oft wirklich keine körperlichen Schädigungen haben, die die Schmerzen erklären würden. Es kann aber auch sein, dass ein Arzt, der nicht auf diese Probleme spezialisiert ist, diese nicht richtig erkennt oder einschätzt“, sagt der Gynäkologe. 

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Diagnose 

Da es viele verschiedene mögliche Ursachen der Schmerzen gibt, ist eine genaue Diagnostik besonders wichtig und gleichzeitig oft eine medizinische Herausforderung.

Eine erfolgsversprechende Diagnose beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Das heißt, der Arzt muss sich viel Zeit für ein Gespräch nehmen, in der er die Lebensumstände der Patientin sehr genau erfragen muss. „Zuhören ist entscheidend. Jede Patientin muss die Möglichkeit bekommen, sich wirklich aussprechen zu können“, sagt Roithmeier.

Dann erfolgt eine körperliche Untersuchung, um festzustellen, wo es schmerzt, ob Verspannungen oder krankhafte Befunde bestehen etc. Danach werden sämtliche Vorbefunde gesichtet und falls nötig, weitere Untersuchungen vereinbart. Zur Wahl stehen unter anderem Ultraschall, Magnetresonanztomographie, Computertomographie, Bauchspiegelung und Darm- und Blasenspiegelung. 

Wird eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) durchgeführt, findet man in rund einem Drittel der Fälle keine sichtbaren Veränderungen, die die Schmerzen erklären würden. Zu einem knappen Drittel lautet der Befund auf „Endometriose“, gefolgt von Verwachsungen (24 Prozent), chronische Entzündungen (5 Prozent) und Zysten der Eierstöcke (3 Prozent). 

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Therapie 

Die Therapie chronischer Schmerzen sollte immer multimodal und interprofessionell erfolgen. Da chronische Schmerzen im Becken viele verschiedene Ursachen und Ausprägungen haben können, gibt es keine Standardtherapie. De Behandlung erfolgt immer individuell.

Organische Ursachen behandeln: Findet man organische Ursachen, erfolgt die Therapie entsprechend dem Organbefund. Liegt etwa eine pathologische Endometriose vor, kann ein operativer Eingriff nötig werden.

Schmerztherapie: Eine Schmerztherapie sollte Teil jedes Behandlungskonzeptes sein. Möglich sind Medikamente wie NSRA (eine Langzeittherapie mit klassischen Analgetika wird jedoch nicht empfohlen), Opioide, Injektionen („Quaddeln“), Antidepressiva, Antikonvulsiva, Infiltration von lokalen Betäubungsmitteln (Blockade des Nervus pudendus), Neuromodulation (Strom, Magnetwellen). Bei sehr starken Schmerzen kann auch eine stationäre Aufnahme ins Krankenhaus sinnvoll sein.

Physiotherapie und Beckenbodentraining: Kräftigen, Entspannen, Triggerpunkt-Behandlung, Faszien-Behandlung, Massage, Sport. Eine Beckenboden-spezifische Physiotherapie ist zu empfehlen, wenn ein veränderter Muskeltonus oder schmerzhafte Triggerpunkte im Bereich der Beckenmuskulatur vorliegen.

Entspannungsübungen: Meditation und anderer Entspannungsverfahren sollten im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzeptes nicht fehlen.

Psychotherapie: Liegen den Schmerzen psychische Probleme zugrunde, ist eine Psychotherapie das Mittel der Wahl. Sie ist auch dann hilfreich, wenn sich eine Depression oder Angststörung als Folge der langanhaltenden Schmerzen gebildet hat.

Die Akzeptanz und Inanspruchnahme einer Psychotherapie ist nur bei einem Teil der betroffenen Patientinnen gegeben. „Manche nehmen sie sehr gern in Anspruch, andere lehnen sie ab oder zögern sehr lange. Viele wollen sich der Auseinandersetzung mit der psychischen Ursache nicht stellen. Man will beispielsweise nicht wahrhaben, dass die Paarbeziehung sehr schlecht läuft und hier der Grund für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bestehen“, sagt Roithmeier. 

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Verlauf 

Ist die Schmerzursache erkannt und wird die Therapie konsequent durchgeführt, besteht eine große Chance, dass die Schmerzen wieder zurückgehen und im Idealfall auch ganz verschwinden. „Das bedarf aber einer strikten Therapietreue der Patientinnen. Es reicht nicht aus, eine Tablette zu schlucken und dann zu erwarten, dass jetzt alles gut wird. Medikamententherapie in Kombination mit Physiotherapie und/oder Psychotherapie sollen konsequent durchgeführt werden. Aktive Mitarbeit ist das Wichtigste auf dem Weg zur Besserung“, so Roithmeier.

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 11. Oktober 2019