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Frau geht nach Hüftoperation mit Krücken

Mit künstlicher Hüfte am ersten Tag wieder auf den Beinen

Die Fast-Track-Chirurgie, ein innovatives interdisziplinäres Konzept mit optimierten Abläufen, soll Patienten nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks möglichst rasch und komplikationslos wieder auf die Beine bringen, sprich mobil machen. 

Das in den 1990er Jahren in Dänemark entwickelte Konzept, wird in England, den Niederlanden oder den USA schon seit einigen Jahren erfolgreich angewendet. Der Vorteil für die Patienten ist durch Studien hinreichend belegt. In Österreich wird die patientenoptimierte Vorgehensweise vielerorts in der Bauchchirurgie erfolgreich eingesetzt. „In der Endoprothetik setzen bisher nur wenige Kliniken in Österreich auf dieses Konzept, das auch ‚Schnelle Genesung‘ oder ‚Rapid Recovery‘ genannt wird. Wir haben an unserer Klinik sehr gute Erfahrungen damit gesammelt“, erklärt Univ.-Prof. Prim. Dr. Tobias Gotterbarm, Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie und Leiter des Endoprothetik Zentrums am Kepler Universitätsklinikum Linz.  Es geht bei dem Konzept der  Fast-Track-Chirurgie („Schnellspur-Chirurgie“) darum, verschiedene Abläufe vor, während und nach dem Eingriff zu optimieren, um Schmerzen zu verringern und Komplikationen zu verhindern. Ziel ist, dass der Patient nach der Implantation der Gelenksprothese möglichst rasch, sprich schon am Operationstag wieder auf die Beine kommt und in der Folge schnellstmöglich wieder mobil ist. 

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Patient muss mitarbeiten 

„Ohne die umfassende Information und Mitarbeit des Patienten geht gar nichts. Ärzte, Therapeuten, Pflegepersonal und Patienten ziehen an einem Strang, um die best- und schnellstmögliche Rehabilitation und Eigenständigkeit nach der Operation zu erreichen“, sagt Gotterbarm und fügt an: „Fast Track ist nicht nur für jüngere Patienten geeignet, sondern auch multimorbide und ältere Menschen profitieren davon. Embolien oder Lungenentzündungen sollen durch das Therapiekonzept vermieden werden. Welcher Patient für Fast Track in Frage kommt, wird achtsam abgeklärt.“ Am Kepler Universitätsklinikum gibt es laut Orthopädieprimar für alle, denen ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk eingesetzt werden soll, vor dem geplanten Eingriff Informationsstunden in denen Orthopäden, Pflegekräfte, Anästhesisten, Physiotherapeuten und eine Sozialarbeiterin alle Fragen rund um den Eingriff und den Fast-Track-Behandlungspfad beantworten. „Wer möchte, kann hierbei schon das Gehen mit Krücken ausprobieren und vorbereitende physiotherapeutische Übungen für die Operation mit nach Hause nehmen“, sagt der Primar, der meint, dass 75 Prozent der Pateinten diesen Informationsnachmittag besuchen. 

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Erste Schritte am Operationstag 

Die Fast-Track-Chirurgie ist mehr als ein minimalinvasiver Eingriff mit seinen Vorteilen. Gotterbarm nennt die Eckpfeiler der Methode: „Wir führen ein modernes, patientenorientiertes, wissenschaftlich basiertes Konzept durch. Verschiedene Abläufe von der Vor- bis zur Nachbehandlung werden derart optimiert, dass das Risiko für Komplikationen wie etwa eine Thrombose sinkt und die Schmerzen verringert werden.“ Dadurch ist die postoperative Erholungszeit kürzer und der Patient ist schneller wieder fit für den Alltag.

Auch wenn es häufig vorkommt, ist es nicht oberstes Ziel, dass der Patient das Spital früher verlässt, sondern dass unnötige Belastungen und Schmerzen vermieden werden. Während vor 30 Jahren Patienten nach der Implantation eines Kunstgelenks manchmal wochenlang im Krankenhaus verbrachten, gehen sie heute im Schnitt nach fünf bis sieben Tagen wieder heim. Oberste Priorität hat, dass der Patient seine Autonomie schnell wieder erreicht und im Alltag die meisten Dinge, wieder erledigen kann. „Sofern der Allgemeinzustand es zulässt, steht der Operierte am Tag der Implantation schon auf und geht abends unter Aufsicht mit Krücken zur Toilette. Die Prozesse werden interdisziplinär so optimiert, sodass die Mobilisierung am Tag des Eingriffes meist möglich ist“, sagt Gotterbarm.

Er nennt einige Säulen, auf denen die Fast-Track-Chirurgie in der Endoprothetik (Fachgebiet, das sich mit der Implantation von Kunstgelenken befasst) fußt:

  • Patientenoptimiert: Vom Aufklärungsgespräch über Vorsorge, Operationstechnik über Schmerzmanagement bis zur Nachsorge werden die Maßnahmen im berufsübergreifenden Team auf den Patienten abgestimmt.
  • Schlanke Narkose: Neue Narkosemittel machen den „Operationsschlaf“ exakt steuerbar. Stunden nach dem Eingriff soll der Patient fit genug sein, die Beine zu bewegen und aufzustehen.
  • Knochen-, gewebe- und muskelschonende sowie blutsparende Operation: Minimalinvasive Methoden werden – sofern machbar – bevorzugt.
  • Optimales Schmerzmanagement schon während des Eingriffes: Durch den Einsatz von lokalen Betäubungsmitteln direkt in das Operationsgebiet lassen sich postoperative Schmerzen mindern. Außerdem wirkt das Schmerzmittel so nicht auf den gesamten Organismus, was damit verbundene, unangenehme Nebenwirkungen, verhindert. Nach dem Eingriff: Weniger Infusionen und früher Umstieg auf Schmerztabletten.
  • Tägliche Physiotherapie vom ersten Tag an: Je weniger Schmerzen der Patient hat, desto besser gelingt die Frühmobilisierung mit ersten Schritten am OP-Tag. Die meisten Patienten sind wenige Tage nach der Implantation des Kunstgelenks zum Treppensteigen mit Gehstützen im Stande.
  • Schnellere und bessere Wundheilung infolge des geringen Operationstraumas, weniger Wundinfektionen.
  • Weniger Komplikationen: Durch die schnelle Mobilisierung sinkt das Risiko für Thrombose und Lungenentzündung. Die Patienten liegen weniger, wodurch weniger Muskelmasse abgebaut wird. Gotterbarm: „In Zukunft wird es in vielen Fällen vielleicht möglich sein, auf die Thrombosespritze verzichten zu können. Man wird stattdessen Aspirin geben, um einer Embolie vorzubeugen. Studien dazu gibt es in Dänemark schon.
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Bei alten und dementen Menschen kauf durchführbar

Gotterbarm sagt zum kosteneffizienten Konzept: „Die Patientenzufriedenheit ist mit Fast-Track gestiegen. Die Betreuung der Patienten ist individueller und intensiver. Da wir auf die Mithilfe des Patienten angewiesen sind, stoßen wir daher bei betagten und dementen Patienten an die Grenzen dieses Konzeptes. Es wird bei geplanten Eingriffen, und nicht etwa nach einem sturzbedingten Bruch des Hüftgelenkes, angewendet.“

Man entlässt die Patienten heute in einem besseren Zustand nach Hause und in die Reha. Sie können von dem Reha-Aufenthalt daher noch mehr profitieren, weil sie viel aktiver und intensiver üben können. Fazit von Prof. Gotterbarm: „Die Fast-Track-Chirurgie ist derzeit das Beste, was wir unseren Patienten, die geplant ein neues Hüft- oder Kniegelenk eingesetzt bekommen, anbieten können.“


Mag. Christine Radmayr

Oktober 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 09. Oktober 2019