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Holzboot am Strand

„Digital Detox“ im Urlaub

Was passiert emotional mit Menschen, die in ihrem Urlaub auf Handy, Laptop, Internet, Twitter, Facebook & Co verzichten? Das haben britische und neuseeländische Wissenschaftler untersucht, deren Studie jetzt im Journal of Travel Research erschienen ist, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com. 

„Die Sorge um negative Auswirkungen digitaler Technologien auf das Wohlbefinden von Menschen – gerade im Urlaub – wächst. Wir wollten deshalb herausfinden, ob eine digitale Entgiftung helfen könnte“, schreiben die Studienautoren Dr. Wenje Cai, University of Greenwich, Dr. Lena Waizenegger, Auckland University of Technology, und Dr. Brad McKenna, University of East Anglia, in einem Beitrag in „The Conversation“. „Wir mussten feststellen, dass digitalfreie Ferien mit einigen emotionalen Herausforderungen verbunden sind.“ Studienteilnehmer berichteten über Angst, Frustration- und sogar Entzugserscheinungen. Später folgten Akzeptanz und sogar Gefühle der Befreiung. 

An der Studie nahmen 14 Männer und 10 Frauen im Alter zwischen 22 und 52 Jahren aus 7 Ländern teil; sie verbrachten ihren Urlaub in 17 Ländern. Die Probanden wurden für mindestens 24 Stunden von allen digitalen Geräten getrennt. Was das emotional in ihnen auslöste, wurde in Tagebüchern festgehalten und in Interviews erfragt.

Das emotionale Befinden der Teilnehmer erfassten die Forscher einmal vor der Trennung von den digitalen Geräten, dann während der digitalfreien Phase und noch einmal nachdem sie ihre Geräte wieder nutzen konnten. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es bei vielen Reisenden anfangs Angst-, Frustrations- und Entzugserscheinungen gab, die später aber mehr und mehr durch Akzeptanz, Genuss und sogar Gefühle der Befreiung verdrängt wurden. 

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Mehr Kontakt mit anderen Reisenden und Einheimischen 

Die Ergebnisse fallen in eine Zeit, in der die Nachfrage nach so genannten „digitalen Entgiftungsreisen“ steigt, schreiben die Autoren. „In der heutigen, immer mehr vernetzten Welt sind wir Menschen daran gewöhnt, ständig auf Informationen und verschiedene Dienste zuzugreifen, die von verschiedenen Anwendungen bereitgestellt werden“, sagt Cai.

Sie fügt hinzu: „Doch viele Menschen werden zunehmend müde von der ständigen Informationsflut, der ständigen Erreichbarkeit und es gibt einen wachsenden Trend zum digitalfreien Tourismus“. Um diesen Trend sinnvoll unterstützen zu können, sei es hilfreich zu erfahren, was Reisende dabei emotional erlebten.

„Unsere Teilnehmer berichteten, dass sie während ihrer digitalfreien Reisen nicht nur mehr mit anderen Reisenden und Einheimischen in Kontakt kamen, sondern dass sie auch mehr Zeit mit ihren Reisebegleitern verbrachten.“ Viele Studienteilnehmer berichten, dass sie im Gespräch mit anderen Reisenden, vor allem mit Einheimischen, exzellente Ratschläge erhalten hatten und mehr über Sehenswürdigkeiten, Orte und Strände erfuhren, die nicht auf touristischen Websites auftauchten, die aber ein Highlight ihrer Reisen waren. 

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Wiederverbindung mit der digitalen Welt führte zu Ärger 

Wieder mit der digitalen Welt verbunden, berichteten viele Teilnehmer, dass sie verärgert und überwältigt waren, als sie alle eingegangenen Nachrichten sahen, die sie an den Tagen, die sie digitalfrei unterwegs waren, erhalten hatten. Einige erinnerten sich, dass sie den Austausch mit den Einheimischen und die Wirkung der Umgebung während der digitalfreien Phase genossen hatten, und beschlossen, in Zukunft eine weitere digitale Entgiftung durchzuführen.

„Es war ziemlich enttäuschend, mein Handy wieder einzuschalten. Als ich Facebook öffnete und die Nachrichten sah, spürte ich, wie oberflächlich sie waren. Nicht wirklich wichtige Dinge. Ich fing an zu denken, warum ich so süchtig danach bin, meine Vorlieben aufzuzählen und Kommentare zu lesen, die nicht wirklich einen großen Einfluss auf mein Leben haben. Technologie, insbesondere Facebook, ist zu meinem Leben geworden“, zitieren die Studienautoren einen der Teilnehmer. 

Teilnehmer, die als Paar oder in einer Gruppe reisen, neigten dazu, sich leichter von Handy, Laptop & Co zu trennen als Einzelreisende. Sie berichteten, dass sie weniger leiden oder sogar keine negativen Entzugserscheinungen hatten, wenn sie mit Begleitern reisten. Alleinreisende hingegen fühlten sich eher hilflos, wenn sie ohne technologische Hilfe unterwegs waren, um kulturelle Unterschiede, wie etwa eine unbekannte Sprache, auszugleichen. 

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Sozial und beruflich stark Engagierte litten stärker unter dem Entzug 

Auf persönlicher Ebene waren die Entzugserscheinungen bei den Reisenden, die sozial und beruflich stark engagiert waren, tendenziell stärker. Bei ihnen war auch die Wahrscheinlichkeit höher, negative Erfahrungen durch die digitalfreien Ferien zu machen.

Einige Teilnehmer versuchten zwar auf digitale Geräte zu verzichten, konnten dies aber auf der Reise nicht durchalten, entweder weil sie sich nicht sicher fühlten und dachten, sie würden sich verlaufen, oder weil sie private Verpflichtungen hatten, die es ihnen nicht erlaubten, nicht verfügbar zu sein. 

Auch die Umgebung beeinflusste, wie die digitalfreien Ferien wahrgenommen wurden. In Städten waren die Teilnehmer eher frustriert und ängstlich, weil sie Navigation, sofortigen Informationszugang und die Möglichkeit, digital nach Empfehlungen zu suchen, als notwendig erachteten.

Diejenigen, die hingegen in ländlichen Gebieten oder in der Natur unterwegs waren neigten dazu, Entzugserscheinungen zu haben, die damit zusammenhingen, dass man den Angehörigen keine Nachricht über die eigene Sicherheit (in Gefahrensituationen) zukommen lassen konnte und auch nichts hatte, um die Zeit totzuschlagen.

„Digitalfreies Reisen bietet vielen Reisenden die Möglichkeit, ihr Verhältnis zur Technologie zu überprüfen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer reflektierten ihre Sucht und ihre ‚Angst etwas zu verpassen‘ und überlegten, diese digital-freie Idee in ihren Alltag zu integrieren oder dies im Urlaub mehr zu tun“, bilanzieren Cai, McKenna und Waizenegger. 


Der gesamte Artikel wurde am 15. August 2019 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

September 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. September 2019