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Mann uriniert

Ein dringendes Bedürfnis

Mehrmals am Tag aufs Örtchen gehen – ein lästiges Muss. Das Drängen der Harnblase ist aber das Kommando für einen lebenswichtigen Gang. Die Urinausscheidung befreit den Körper von Zerfallsprodukten des Stoffwechsels, Fremdstoffen sowie Giften, und reguliert den Wasser-, Salz- und Elektrolythaushalt.  

Ein gesunder Erwachsener produziert pro Tag circa ein bis zwei Liter Harn – ein Wert mit großer Schwankungsbreite, abhängig unter anderem von Lebens-, Ess- und Trinkgewohnheiten. Allerdings gelten weniger als 750 Milliliter Harn pro Tag als auffällig. Eine Harnmenge von unter 500 Milliliter pro Tag wird als Oligurie, weniger als 100 Milliliter pro Tag als Anurie bezeichnet. Meistens ist mangelnde Flüssigkeitszufuhr schuld am verminderten Urinvolumen. Es ist deshalb gerade bei starker körperlicher Anstrengung, Fieber, bei älteren Menschen, die wenig trinken, und bei Säuglingen mit Trinkstörungen zu beobachten. Auch Nieren- und Prostataprobleme können einen verringerten Urinfluss bewirken.  

„Die Harnmenge allein ist kein Beweis für eine intakte Nierenfunktion“, warnt Prim. Priv.-Doz. Dr. Daniel Cejka, Leiter III. Interne Abteilung – Nieren- und Hochdruckerkrankungen, Transplantationsmedizin, Rheumatologie, Department für Akutgeriatrie, Ordensklinikum Linz Elisabethinen. „Etliche Dialysepatienten haben zwei Liter Urin am Tag, aber ihre Nieren entgiften nicht mehr genug.“ 

Mehr als 2,5 Liter Harn pro Tag werden als Polyurie eingestuft. Häufigste krankhafte Ursache für gesteigerte Urinmengen ist der Diabetes mellitus („honigsüßer Fluss“), die Zuckerkrankheit. Der hohe Blutzuckergehalt überfordert die Filterkapazität der Nieren und wirkt wie ein Entwässerungsmittel. Viel seltener ist der Diabetes insipidus („Wasserharnruhr“). Dabei kann der Körper mehr als 15 Liter Wasser pro Tag verlieren. Koffein und Alkohol wirken ebenso harntreibend wie kohlensäurehaltige Getränke. 

Diuretika, also Entwässerungsmittel, werden bei Herz- oder Nierenschwäche zur vermehrten Harnproduktion und -ausscheidung verabreicht. Die damit erreichte Senkung des Blutvolumens entlastet Herz und Kreislauf. Missbrauch, zum Beispiel bei Magersucht oder Überdosierung von harntreibenden Medikamenten, kann aber auch zur Anurie, also zum fast völligen Versiegen des Harnflusses, führen. 

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Filterprozess

Der Urin (lateinisch und altgriechisch für „Wasser“) ist das Ergebnis eines doppelten Filterprozesses, der rund um die Uhr in den Nieren abläuft. Sie reinigen das gesamte Blut des Körpers rund 60-mal am Tag – das entspricht einer Filterleistung von etwa 1.800 Litern. Die kleinste Funktionseinheit der Nieren ist das mikroskopisch winzige Nephron. Jede Niere verfügt über mehr als eine Million solcher eng aneinandergepackten Mini-Kläranlage. Ein Nephron besteht aus zwei Komponenten: dem Nierenkörperchen (Glumerulum), das ist ein Knäuel aus feinsten Blutgefäßen, die mit der Nierenarterie verbunden sind, und den röhrenförmig angeordneten, vielfach gewundenen gewundenen Nierenkanälchen (Tubulusapparat). Ähnlich wie in einem Kaffeefilter trifft das Blut zunächst auf die äußerst durchlässigen Gefäßwände eines Glumerulums. Nur Wasser und Blutbestandteile, die kleiner sind als vier Millionstel Millimeter, darunter Glukose (Zucker), Aminosäuren, Elektrolyte und die zur Ausscheidung bestimmten Stoffe, schaffen es durch diese Barriere. Sie bilden den sogenannten Primärharn, insgesamt rund 180 bis 200 Liter im Verlauf von 24 Stunden. Während die Blutzellen weiter im Blutkreislauf zirkulieren, wird der Primärharn in das Labyrinth des Tubulus gepresst, von wo Nährstoffe und der Großteil des Wassers laufend wieder in den Körperkreislauf reabsorbiert werden. Die Schadstoffe verbleiben im Harn. In einem besonders engkurvigen Tubulusabschnitt, der Henle-Schleife, wird der Primärharn aufkonzentriert. Nur ein Prozent des gesamten Primärharns bleibt als Endharn übrig und wird über ein gemeinsames Sammelsystem, das im trichterförmigen Nierenbecken mündet, aufgefangen – etwa ein Milliliter pro Minute. Über jeweils einen Harnleiter pro Niere, circa 25 bis 30 Zentimeter lang und am unteren Ende rund sechs Millimeter dünn, fließt er in die Harnblase, die sich füllt, bis ein mehr oder weniger unwiderstehlicher Drang zur Entleerung ruft. 

Harntest

Aussehen und Geruch, Trübung und Verfärbungen reichen oft für Verdachtsdiagnosen. Ein Teststreifen zum einfachen schnellen Nachweis von Eiweiß und mikroskopisch kleinen Blutspuren ist Teil der Gesundenuntersuchung und Früherkennung. Für weitere Abklärungen stehen präzisere Labormethoden zur Verfügung. Morgenharn vom zweiten Harnlassen nach dem Aufstehen ist wegen der höheren Konzentration für die meisten Fragestellungen optimal. Für ein unverfälschtes Ergebnis wird der sogenannte Mittelstrahl als Harnprobe bevorzugt. Weil das untere Harnröhrenende immer keimbesetzt ist, wird dieses mit dem ersten Urinstrahl quasi gespült. Bei Frauen werden Urinproben oft direkt aus der Blase entnommen, weil die Mittelstrahlmethode anatomisch bedingt schwierig ist. „Eine Urinkultur kann bei komplizierten Harnwegsinfektionen notwendig sein, um den Keim genau zu identifizieren und gezielt zu behandeln“, erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Alexandre Pelzer, Abteilung für Urologie, Klinikum Wels-Grieskirchen. 

Frischer, normaler Harn stinkt nicht. Ein stechender Geruch entsteht erst durch den Zerfall des Harnstoffs in Ammoniak und Kohlenstoffdioxid. Der Urin schwerer Diabetiker kann nach Aceton riechen. Nach Fisch riecht Harn nicht nur oft nach einer Fischmahlzeit, sondern auch im Zuge einer Harnwegsinfektion. Karotin und Rote Rüben sowie Medikamente können ihn vorübergehend verfärben. Blutroter bis dunkelbrauner Harn kann auf Blutungen im Harntrakt oder auf Leber- und bestimmte Bluterkrankungen hindeuten. 

Rote Rüben   

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Giftiger Mix

Harnpflichtige Stoffe sind Harngifte, von denen Harnstoff, Harnsäure und Kreatinin die bekanntesten sind. Der stickstoffhaltige Harnstoff (Urea), ein Nebenprodukt des Eiweißabbaus, ist ein Hauptbestandteil des Urins. Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen – vor allem Innereien und Hülsenfrüchte sind purinreich. Kreatinin, ein Zerfallsprodukt des „Muskeltreibstoffs“ Kreatin, steigt bei Anstrengung, Eiweißkonsum und Nierenschwäche an. Urin enthält neben 95 Prozent Wasser außerdem Salze – zum Beispiel Kalium und Kochsalz –, geringfügig Hormone und wasserlösliche Vitamine. 

Erbsen

Urinstein im Pissoir und Blasensteine sind aus dem gleichen Material, nämlich abgestandenem, auskristallisiertem Urin. Die Entstehung von Nierensteinen hingegen wird von bestimmten Nahrungsmitteln und deren Ausscheidungsprodukten begünstigt, die zu Steinen kristallisieren. 

Den eigenen Harn zu trinken, von manchen Verfechtern der Alternativmedizin hartnäckig empfohlen, hält Primar Pelzer für abwegig. „Der Körper gibt sich allergrößte Mühe, den Urin mit all den Giften loszuwerden. Es ist absurd, ihn über den Mund wieder zuzuführen.“ Ein wissenschaftlicher Beweis für einen positiven Effekt des Urinkonsums existiert ohnehin nicht.  

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pH-Wert

Steak











Der pH-Wert des Harns ist stark nahrungsabhängig. Fleisch und Milchprodukte lenken ihn in einen niedrigen, sauren Bereich. Gemüse, je nach Zubereitungsart, führt eher zu einem höheren, basischen Wert. Der pH-Wert hat unter anderem Einfluss auf die Neigung zu wiederkehrenden Harnwegsinfekten.

 

Klaus Stecher

Oktober 2019

 

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Kommentare

Ein dringendes Bedürfnis Kommentarbild Prim. Priv.-Doz. Dr. Daniel Cejka „Stark schäumender Urin ist ein Alarmzeichen für erhöhten Eiweißverlust bzw. eine Nierenfunktionsstörung und bedarf einer genaueren Abklärung.“

Prim. Priv.-Doz. Dr. Daniel Cejka

Ordensklinikum Linz Elisabethinen

 

 

Ein dringendes Bedürfnis Kommentarbild Prim. Univ.-Prof. Dr. Alexander Pelzer, FEBU „Bewegungsmangel ist ein Wegbereiter für Blasensteine. Neben mehr Bewegung mindern häufige Blasenentleerung und ausreichendes Trinken das Risiko.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Alexandre Pelzer, FEBU

Klinikum Wels-Grieskirchen

 

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2019