DRUCKEN
Frau sitzt auf der Couch und starrt auf das Handy

Nicht einfach

„Lass doch mal los“ – dieser so einfach dahingesagte Satz löst in uns etwas aus. Nämlich gar nicht immer die erwünschte Befreiung – „die Los-Lösung“ –, sondern Ängste und Beklemmungen. Ein Grund dafür liegt darin, wie wir als Kinder Bindung erfahren haben.  

Karin hat sich vor einer Woche von ihrem Freund Klaus getrennt. Nach sechs unschönen Jahren, nein, nach fünf, um genau zu sein. Denn das erste Jahr war noch voller Harmonie und Verliebtheit. Erst dann zeigte Klaus sein wahres Gesicht: Er hat Karin bei jeder Gelegenheit heruntergemacht, ihr sukzessive verboten, ihre Freundinnen zu treffen, ihr das Leben zur Hölle gemacht. „Trenn’ dich endlich von ihm“, haben ihre Freundinnen bei den heimlichen Treffen immer wieder geraten. Karin hat es nie geschafft in all’ den Jahren. Bis jetzt. Endlich! Nach fünf Jahren, in denen es ihr immer schlechter ging, sie sich selber schon klein und wertlos fühlte, hat sie den Schritt gewagt. Aber, anstatt dass ein Gefühl der Befreiung einstellt, fühlt sie sich einsam und leer. Sie muss ständig an Klaus denken, schaut sich stundenlang seine Fotos an und weint sich in den Schlaf. „Lass endlich los!“, raten ihre Freundinnen. 

Wenn das so einfach wäre ... Auch Bettina hat eine Trennung hinter sich: Ihr Sohn ist ausgezogen. Und dann gleich nach Amerika. Nach 20 Jahren Symbiose keine leichte Angelegenheit für sie. Die Mutter leidet und sagt sich selber täglich: „Ich muss loslassen.“ Zwei Frauen, zwei Trennungen, ein Ziel. 

up

Angst vor Veränderung

„Loslassen“ klingt so leicht, so befreiend, so nach Neuem, nach Aufbruch, nach Ballast abwerfen. Und gleichzeitig fühlt es sich so schwer an. Kein Wunder, sagen Experten. „Der Mensch ist auf Stabilität und Sicherheit und nicht auf Veränderung programmiert“, erklärt Mag. Patricia Göttersdorfer, Psychologin und Psychotherapeutin. Loslassen heißt Veränderung und die mache den meisten Menschen Angst. „Die Angst vor Veränderung ist oft größer, als in schlechten Beziehungen auszuharren.“ Wann immer im Leben Angst auftaucht, wird unser Bindungssystem aktiviert. Das heißt, wir brauchen erst recht das Gefühl, gebunden zu sein, das Gefühl der Sicherheit und der Gewohnheit. Paradox eigentlich. Unser Gehirn ist so ausgerichtet, dass es Neues möglichst schnell in Routine verwandelt. Simples Beispiel: Selbst im Urlaub versuchen wir oft, es uns wie zu Hause einzurichten. Schuld daran sind körpereigene Opiate, quasi Wohlfühldrogen, die uns das Gefühl von Sicherheit geben. 

up

Loslassen und Bindung

Es muss ja nicht gleich die lebensverändernde Trennung von einem geliebten Menschen sein – es gibt tausend Dinge, die wir im Laufe des Lebens loslassen müssen. Wie wir damit umgehen, hängt von verschiedenen Faktoren, auch von der Lebenserfahrung, ab. Auf jeden Fall lohnt sich ein Blick auf unser gelerntes Bindungsverhalten. Die Psychologin Mary Ainsworth und der Kinderpsychiater John Bowlby haben in ihrer Bindungstheorie verschiedene Typen beschrieben. „Wenn Eltern prompt und angemessen auf die Bedürfnisse ihres Kindes reagieren, fühlt es sich sicher“, so Trinh Nguyen, Universitätsassistentin am Institut für Entwicklungspsychologie der Universität Wien. Es entwickelt ein stabiles Urvertrauen und kann sich sorglos auf den Weg machen, Neues zu entdecken. Zwischendurch tröstet und wärmt es sich schnell bei Mama, Papa oder Oma, um dann gleich wieder die Welt zu erkunden. Erforschen ohne Angst geht nicht, aber die Stabilität wiegt die Angst auf. 

Anders geht es Kindern, deren Eltern nicht oder nicht ausreichend auf ihre Bedürfnisse reagiert haben. Sie erleben den sogenannten unsicher-vermeidenden Bindungsstil. Sie unterdrücken ihre Angst, ihre Gefühle. Man hat den Eindruck, sie brauchen nicht so viel Nähe wie andere. In Wahrheit wollen sich diese Kinder keinen Korb holen und negieren ihre Bedürfnisse. Später stecken sie Trennungen scheinbar locker weg und können besonders gut loslassen, doch das täuscht. Sie erleben im Vergleich zu Kindern aus einer sicheren Bindung genau diese Situationen als größere Belastung. Sie lassen es sich vielleicht nach außen nicht anmerken, aber im Inneren rumort es. Ein drittes Bindungsverhalten wird als unsicher-ambivalentes beschrieben. Zuwendung und Zurückweisung schwanken, das Kind ist immer hin- und hergerissen. Nguyen: „Eltern sind auf der einen Seite überprotektiv und reagieren, wenn ihr Kind ängstlich ist, weint oder anhänglich ist, mehr als nötig. Aber nicht immer. Dadurch erfahren diese eigentlich keine Sicherheit.“ 

Wenn es uns also schwerfällt etwas loszulassen – Freundschaften, die einen aussaugen, Partnerschaften, die einem nicht gut tun, Kinder, die ihr eigenes Leben leben – ist der Blick auf die eigenen Bindungserfahrungen wertvoll. Genauso empfiehlt Psychotherapeutin Göttersdorfer, sich nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu fragen. Wichtig ist auch, Hilfe bei Freunden und Therapeuten zu suchen, wenn man darunter leidet und sich klein und wertlos findet. 

Loslassen ist immer ein Prozess. Auch Kinder, die erwachsen werden und ihre eigene Existenz aufbauen, Familie gründen, müssen Eltern auf gewisse Weise loslassen. Das tägliche Telefonat zwischen Mama und Tochter oder Sohn (oder auch Papa, aber seltener), hält Göttersdorfer für hinterfragenswert, nämlich das eigene Bild des Kindes hinterfragend: Was glaube ich, wofür ist mein Kind da? Möglicherweise will das Kind den Eltern entsprechen, die Eltern dem Kind, keiner ist glücklich. Loslassen wäre hier wohltuend, wenn vielleicht auch schwierig und schmerzhaft. „Loslassen heißt ja nicht automatisch, dass man den Menschen auch verloren hat oder nicht mehr geliebt wird“, will die Therapeutin den Begriff aus einer missverständlichen Ecke holen. „Selbst wenn jemand gestorben ist, heißt es oft: ‚Lass los.‘ Aber das ist in dem Fall falsch, denn die Person soll ja im Herzen in Erinnerung bleiben und die Beziehung, das was war, bleibt auch, das ist ja nicht weg.“ 

Als Tipp, wie es mit dem Loslassen klappen kann, hat Entwicklungspsychologin Nguyen ein Wort parat: „Selbstreflexion.“ Warum kann ich nicht loslassen,? Was bewirkt meine Angst? Was passiert, wenn ich mein Verhalten ändere? Wer schon mal langsam das Loslassen üben möchte, dem rät Psychotherapeutin Göttersdorfer, sich folgende Fragen zu stellen: „Was brauche/möchte ich noch? Was nicht mehr? Was vielleicht? Und dabei kann der Kleiderkasten hervorragend als Übungsobjekt erhalten ..!“  


Mag. Lisa Ahammer

November 2019

 

up

Kommentar

Nicht einfach Kommentarbild Mag. Patricia Göttersdorfer „Der Mensch ist auf Sicherheit und nicht auf Veränderung programmiert, daher fällt uns das Loslassen schwer. Es ist aber ein wichtiger, erlernbarer Prozess.“

Mag. Patricia Göttersdorfer

Klinische Psychologin und Psychotherapeutin, Mödling

 

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 06. November 2019