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Radfahrer

Schritt für Schritt

In Österreich steigt das Umweltbewusstsein, gleichzeitig aber auch das Mobilitätsbedürfnis. Um beiden Entwicklungen gerecht zu werden, braucht es Konzepte und Anreize für nachhaltige Mobilität. Der Großteil der Wege wird immer noch mit dem Auto zurückgelegt, vor allem am Land.  

Mobilität ist die Voraussetzung für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Allerdings bringen die hohen Emisionen, die vom heutigen Verkehr ausgehen, auch Gefahren für Umwelt und Gesundheit mit sich. „Zu unser aller Wohl braucht es eine Mobilitätswende. Wir fordern den verstärkten Ausbau des klimafreundlichen Mobilitätsangebots. Es reicht nicht, wenn einzelne auf E-Mobilität umsteigen, Car-Sharing betreiben oder auf ein Zweit- und Drittauto verzichten. Die Verkehrs- und Umweltpolitik ist gefordert, den Umstieg auf nachhaltige Verkehrsmittel und Fahrzeuge zu erleichtern und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Denn rund 90 Prozent der Bevölkerung nutzen im Alltag noch täglich das eigene Auto, während nur etwa 15 Prozent jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). 

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Zu viele Autofahrten

„Vor allem die Stadt-Land-Schere wird bezüglich Autonutzung immer größer. Am Land steigt die PKW-Motorisierung noch stark, während sie in den großen österreichischen Städten pro 1.000 Einwohner leicht zurückgeht“, sagt Gratzer. Die Statistik zeigt, dass in den ländlichen Gebieten jede zehnte Autofahrt unter zehn Kilometern und jede 50. Fahrt kürzer als fünf Kilometer ist. Es sollte die nötige Infrastruktur mit Rad- und Gehwegen geschaffen werden, um die Bevölkerung zu motivieren, auf das Auto zu verzichten. Untersuchungen des VCÖ ergaben, dass in Österreich im Alltag generell eher wenig Rad gefahren wird. Zwar hat die Zahl der Radler zugenommen, aber im europäischen Vergleich liegen wir im Mittelfeld. Das Radfahren hat ein gutes Image, aber das wenig ausgebaute Radwegenetz auf dem Land hält viele von der Nutzung ab. Sichere Radverbindungen von den Siedlungen zum Ortskern fehlen. Die Zersiedelung erschwert die Schaffung einer guten Infrastruktur. „Auch die Kombination von Rad und Bahn, sprich Bike & Ride, hat am Land noch Luft nach oben. Sichere Abstellanlagen bei den Bahnhöfen fehlen oftmals“, erläutert der Wiener Verkehrsexperte. Für ländliche und hügelige Regionen sind E-Bikes optimal. „Wir haben derzeit eine halbe Million E-Bikes in Österreich“, sagt Gratzer. Das Alter ist kein Grund, auf das E-Bike zu verzichten. Es gibt Senioren-Bikes, die hinten zur Stabilisierung zwei Räder haben. Die Generation 65 plus ist in Österreich neben Jugendlichen bis 14 Jahren, jene Altersgruppe, die das Fahrrad für ihre Wege am meisten nutzt. In speziellen Schulungskursen können Ältere den sicheren Umgang mit Elektrofahrrädern lernen. 

Verkehrstafel Radweg

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Pendler motivieren

90 Prozent der Autofahrten im ländlichen Raum sind kürzer als 50 Kilometer und wären mit E-Fahrzeugen gut zu bewältigen. Positiv ist anzumerken, dass Österreich bei den Neuzulassungen von Elektroautos im vorderen Feld der EU liegt. Mit Ende 2017 waren laut Statistik Austria insgesamt 14.608 reine Elektroautos auf der Straße. 2016 waren es noch 9.073 E-Autos. Nimmt man alle alternativ betriebenen PKW (Elektro, Erdgas, Hybrid), machten diese vier Prozent aller Neuzulassungen im Jahr 2017 aus. Noch sind das eher homöopathische Dosen, aber mit starken prozentuellen Zuwächsen. 

Um viele Pendler zu motivieren auf Öffis umzusteigen, bedarf es einer Verbesserung der Fahrpläne sowie eines Ausbaus der Netze. „Die Arbeitszeiten werden immer flexibler, viele Menschen arbeiten Teilzeit und fahren abseits der klassischen Pendlerzeiten mit Bus oder Regionalbahn. Lange Wartezeiten will da keiner auf sich nehmen." Aber es geht auch anders, nennt Gratzer ein Beispiel für nachhaltiges betriebliches Mobilitätsmanagement: Ein Grazer Betrieb belohnt jeden Pendler, der mit dem Rad kommt mit 1,70 Euro Tagesprämie. Mittlerweile radelt ein Viertel der Belegschaft zur Arbeit. Das tut nicht nur der Umwelt, sondern auch der Gesundheit gut. In der Freizeit ist das Radfahren sowieso eine der beliebtesten Sportarten in Österreich. 

Vorreiter in der nicht kommerziellen E-Mobilität ist die Südoststeiermark. 23 Gemeinden und 16 Betriebe stellen derzeit 40 bis 45 elektrisch betriebene Fahrzeuge einer breiten Zielgruppe zur Verfügung. Die Fahrzeuge können über eine Buchungsplattform von der Bevölkerung „bestellt“ werden. Weiteres Beispiel: Im Mühlviertel in Oberösterreich sind lokale „Car-Sharing-Initiativen“ zusammengewachsen. An 16 Standorten in vier Bezirken stehen Elektrofahrzeuge für die Mitglieder bereit. 

In großen Städten steigt der Anteil der Öffi-Nutzer. Österreich liegt EU-weit auf dem zweiten Platz. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung nutzt mehrmals in der Woche öffentliche Verkehrsmittel. „In den Städten haben immer weniger Bewohner ein eigenes Auto. In Wien werden etwa 27 Prozent der Strecken per Auto, 28 Prozent zu Fuß, 38 Prozent mit Öffis und sieben Prozent mit dem Rad zurückgelegt“, sagt Christian Gratzer. Ziel ist es, noch mehr Autofahrer zum Umstieg auf das Rad zu bewegen. Dazu fehlt es in Ballungsräumen noch an kreuzungsfreien Radschnellrouten in die Zentren. Im städtischen Lieferverkehr setzt man wieder mehr auf Lastenfahrräder. Die Boten sind oft schneller als mit dem Auto. Außerdem ist Österreich eine Bahnfahrer-Nation. Pro Kopf wird der Zug EU-weit am meisten genutzt. 

Für junge Städter ist das Auto kein Statussymbol mehr. Christian Gratzer: „Immer mehr machen den Führerschein erst mit Mitte 20. Junge Erwachsene nutzen die Zeit in Öffis, um online zu sein. Apps, die zeigen, wie man am schnellsten von A nach B kommt, haben heute viele Leute auf ihren Smartphones installiert.“ Am Land hingegen ist das Auto sehr wohl noch ein Imageträger. 

„Die Digitalisierung wird mehr Vielfalt in die Mobilitätswirtschaft bringen. Der persönliche Autobesitz wird zurückgehen, dafür kommen mehr Mobilitätsdienstleister. Ein Autohändler handelt vielleicht in zehn Jahren nicht mehr mit Autos, sondern organisiert dem Kunden die persönliche Mobilität für Alltag und Urlaub“, meint Gratzer zur Zukunft der individuellen Mobilität.  


Mag. Christine Radmayr

November 2019 

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Kommentar

Schritt für Schritt Kommentarbild Christian Gratzer „Durch Gehen und Radfahren können wir die tägliche gesunde Portion Bewegung in den Alltag integrieren.“

Christian Gratzer

Verkehrsclub Österreich

 

 

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 01. November 2019