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tanzendes älteres Paar

Demenzvorbeugung: Die glorreichen Sieben

Die Angst vor dem „krankhaften Vergessen“ im Alter ist groß. Ein Drittel der mehr als 85-Jährigen leidet unter Demenz. Die Behandlungsmöglichkeiten sind (noch) gering. „Man geht aber davon aus, dass man durch einen präventiven Lebensstil, das Risiko für eine Demenz halbieren, wenn nicht sogar dritteln kann“, sagt Prim. Dr. Elmar Kainz, Vorstand der Klinik für Neurologisch-Psychiatrische Gerontologie im Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik Linz. Er hat ein Alzheimer-Vorsorgeprogramm in 7 Schritten entwickelt.

Beinahe jeder hat im Familien- oder Bekanntenkreis jemanden mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform. Zählen wir heute in Österreich etwas mehr als 100.000 Demenzkranke wird sich die Zahl bis 2050 mehr als verdoppeln, wenn nicht verdreifachen.

Morbus Alzheimer ist mit mehr als 70 Prozent die häufigste Form der Demenz, gefolgt von der vaskulären Demenz, die durch eine Verkalkung der Gefäße bedingt ist. Häufig treten Mischformen auf“, sagt der Psychiater.

Über die Ursache für Alzheimer werden Vermutungen angestellt: Schädliche Eiweißstrukturen, die sogenannten Amyloid Plaques, lagern sich im Gehirn ab, schädigen Nervenzellen und deren Verbindungen untereinander und führen dann zum Untergang von Hirngewebe. „Dass diese Plaques der alleinige Grund für Alzheimer sind und zwingend zum geistigen Verfall führen, wird aber bezweifelt und zum Beispiel von einer amerikanischen Langzeitstudie mit Nonnen widerlegt“, sagt Kainz. Eine der von 1991 bis 2002 beobachteten betagten Nonnen, Sr. Bernadette, war zum Beispiel bis Mitte 80 geistig voll fit und führte anspruchsvolle Tätigkeiten im Alltag aus. Sie zeigte keinerlei Anzeichen von Alzheimer, als sie mit 85 Jahren starb. Danach wurde ihr Gehirn untersucht und es war mit Amyloid Ablagerungen übersät. Nach weiterer Forschungszeit mit zum Teil noch älteren Nonnen, kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass nur in etwa zehn Prozent der untersuchten Fälle ein Zusammenhang zwischen der Plaques-Theorie und dem Alzheimer-Befund bestand.

Die Experten glaubten, dass der Lebensstil der Nonnen mithalf, diese vor dem geistigen Abbau zu schützen. Viele der Ordensfrauen waren als Lehrerinnen tätig und geistig wie körperlich bis ins hohe Alter aktiv. Dazu kam die soziale Gemeinschaft, in der sie sich wohl fühlten, ausgewogene Kost und ein geregelter Alltag ohne Alkohol und Nikotin.

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Mit Spaß und aktiv durchs Leben

Bis heute gibt es kein Heilmittel gegen Demenz, auch wenn seit einigen Jahren vermehrt geforscht wird. „Man kennt Medikamente, die die Krankheit in frühen Stadien etwas zurückdrängen oder hinausschieben können und solche, die bestimmte Symptome mildern“, sagt Primar Kainz. Die gute Nachricht aber ist, dass bis zu rund 70 Prozent der Alzheimererkrankungen zu verhindern sind. Kainz stützt seine Annahme auf intensive Beschäftigung mit diesem Thema. Aufgrund der Studienlage hat der Psychiater ein Präventionsprogramm in sieben Schritten entwickelt. „Die ersten drei Aspekte sind die wichtigsten. Natürlich sollte man mit der Vorsorge nicht erst mit 70 beginnen, sondern im mittleren Alter oder noch früher. Spaß und Freude erhöhen erwiesenermaßen die Effektivität der Maßnahmen. Spaß ist vielleicht der wichtigste Aktivator des Gehirns“, sagt der Experte.

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1.Soziale Aktivität

Während gefühlte Einsamkeit das Risiko für Demenz um das Zweieinhalbfache erhöht, gilt die Einbindung in ein stabiles soziales Gefüge als einer der bedeutendsten Schutzfaktoren. „Ein starkes soziales Netz sorgt dafür, dass trotz eines bereits nachweisbaren dementiellen Abbaus des Gehirns die geistige Aktivität nicht wesentlich reduziert ist. Derselbe Abbau zeigt hingegen bei einsamen Menschen mit nur geringem Sozialleben eine erhebliche Verminderung der geistigen Wachheit“, erklärt der Primar, der betont, dass es um die subjektiv gefühlte Einsamkeit geht, nicht darum, ob jemand allein lebt.

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2.Körperliche Aktivität

Aktuelle Studien zeigen, dass sportliche Aktivität das Demenzrisiko halbieren kann. Wichtig ist, dass die Sportausübung Spaß macht und dass gleichzeitig auch eine geistige Aktivierung vorhanden ist. Das Gehirn will etwas erleben. Das heißt nicht, dass man sich allzeit geistig anstrengen muss. Die Natur füttert zum Beispiel über verschiedene Sinnesreize unser Gehirn. Sport in der Turnhalle ist gut und erhöht die Durchblutung, aber das Wandern oder Laufen im Wald, Park oder am See ist besser. Das Zwitschern der Vögel, der Duft des Waldes, das Rauschen des Baches, all das regt das Gehirn zur Bildung neuer Nervenzellen und neuer Vernetzungen an. Auch die soziale Komponente bei Sporteln bringt positiven Zusatznutzen.

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3.Geistige Aktivierung

„Use it or lose it“ – dieses Motto gilt für Gehirn und Muskeln. Unser Oberstübchen wächst, je mehr man es fordert und nutzt. Ohne geistige Anreize und Herausforderung, verkümmern die Fähigkeiten unseres Gehirns. Optimal ist es, wenn man geistige Anreize mit körperlicher Bewegung und sozialer Aktivität kombiniert. Das Tanzen setzt diesen Anspruch perfekt um. Man trainiert Bewegungsabläufe, merkt sich Tanzschritte und hat Spaß dabei. Und dieser Sport kann bis ins hohe Alter betrieben werden.

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4.Entspannung

Dauerstress ist Gift für unser Gehirn. Er geht mit einem hohen Cortisolspiegel einher, der über längere Zeit den Abbau des Gehirns fördert. Stress fährt die Hirnaktivität herunter, denn unsere grauen Zellen brauchen 20 bis 30 Prozent der Energie des Körpers. Und diese Energie brauchten unsere Ahnen in stressigen Situationen für Flucht oder Kampf, um zu überleben. Anhaltender Stress in mittleren Lebensjahren kann das Risiko 30 Jahre später an Alzheimer zu erkranken um bis zu 50 Prozent erhöhen, wie eine Langzeituntersuchung ergab. Daher ist die Ausgewogenheit zwischen Anspannung und Entspannung anzustreben. Vor allem Yoga mit Meditation und Atemübungen aktiviert besonders viele Gene und hat somit viele unterschiedliche und positive Auswirkungen auf den Organismus. Aber auch Musikhören, ein Spaziergang, Entspannungsbad, Massage, moderates Sporttreiben – kurzum, alles was uns „runter“ kommen lässt und entspannt, ist gut.

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5.Tagesstruktur

Sogar, wenn Demenz diagnostiziert und der geistige Abbau deutlich merkbar ist, hilft ein gut strukturierter Tag den Betroffenen, sich zu orientieren und sicher zu fühlen. Zur Tagesstruktur zählt auch ausreichender und guter Schlaf (im Schnitt 6 bis 8 Stunden). Während des Schlafes wird Erlebtes und Gelerntes im Gedächtnis abgespeichert und der Organismus regeneriert sich. Stress und Veränderung des gewohnten Rhythmus oder Ortes, gepaart mit hohem Alter und Demenz, erhöht das Risiko für ein Delir, den Zustand völliger geistiger Verwirrung. Ein Delir kann vorübergehen, in manchen Fällen endet es tödlich. „Ein Krankenhausaufenthalt etwa, stellt so eine belastende Ausnahmesituation für Menschen mit Demenz dar. Mit achtsamer Begleitung kann man einem Delir in diesem Fall vorbeugen. Menschliche Zuwendung, die Anwesenheit von Angehörigen, ein Bild der Enkel auf dem Nachttisch im Spital sind Maßnahmen, die dem Kranken ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit signalisieren und ihm Angst nehmen“, erklärt der Psychiater.

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6.Mediterrane Kost

Die mediterrane Diät kennen viele Menschen als Schutzmaßnahme gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie soll mit ihrem hohen Anteil an Obst und Gemüse, mit Fisch, wenig Fleisch, hochwertigem Olivenöl und einem Glas Rotwein oder Traubensaft zum Essen, auch unserer geistigen Fitness zuträglich sein.

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7.Vermeidung bzw. frühzeitige Behandlung von Risikoerkrankungen

Gewisse Erkrankungen wie Depression, Bluthochdruck und Diabetes erhöhen die Gefahr, an einer Demenz zu erkranken. Daher müssen sie früh erkannt und adäquat therapiert werden. Rauchen, Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum schädigen ebenfalls das Gehirn.

 

Mag. Christine Radmayr

August 2018

Bild: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 28. August 2019