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Drei Jugendliche mit dem Handy

Handicap durchs Handy

Schmerzen im Daumen und im Nacken, Vereinsamung durch stundenlanges Starren auf den Bildschirm – der häufige Gebrauch des Smartphones, das uns eigentlich das Leben erleichtern soll, hat oftmals unangenehme Folgen.  

Das Handy ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es wird nicht nur zum Telefonieren benutzt, sondern erleichtert den Alltag in vielen Bereichen. Wann kommt der Zug? Wann ist das große Gewitter angesagt? Wo ist die nächste Tankstelle? Informationen lassen sich problemlos unterwegs abfragen. Ein Flug soll gebucht, der Einkauf bestellt, die Zeitung online gelesen werden – alles kein Problem. Im Jahr 2017 besaßen 68 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren ein Handy, 2013 waren es nur 43 Prozent gewesen. 

Doch es besitzen und benutzen nicht nur immer mehr Menschen ein Smartphone. Bei vielen ist es mittlerweile so exzessiv in Gebrauch, dass sich daraus unangenehme Folgen für Körper und Psyche ergeben können – und das schon in jungen Jahren. „Wir haben seit acht Jahren die Ambulanz für Süchtige. Auffällig ist, dass unsere Patienten immer jünger werden. Früher waren hauptsächlich Studenten betroffen, jetzt treffen wir auf sehr viel mehr Kinder, die onlinesüchtig sind, wobei sich das meiste über das Handy abspielt“, sagt Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz. „Ich rate Eltern, nicht zum Geburtstag oder zu Weihnachten schnell mal ein Handy zu verschenken. Man schenkt ja Kindern auch nicht gleich ein Auto, wenn sie fahren können. Eltern könnten sich selbst ein Zweit-Handy zulegen und es den Kindern unter abgesprochenen Bedingungen borgen.“ 

Dr. Yazdi berichtet von immer mehr Fällen, in denen Betroffene bis zu 18 Stunden online sind. Vernachlässigt werden Familie und Freunde, es gibt kein reales Sozialleben mehr, weil sich alles im Handy abspielt. „Gefährdet sind Personen, die Schwierigkeiten im richtigen Leben haben, etwa schüchtern oder wenig selbstbewusst sind“, sagt Yazdi. Diese können sich mittels Handy nicht nur von ihren Problemen ablenken, sondern dort auch die Schwachstellen kompensieren. „Im Internet kann jeder ein Supertyp sein“, sagt Yazdi. 

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Enge Beziehung

Den meisten Menschen fällt gar nicht auf, wie eng ihre Beziehung zum Handy mittlerweile ist. Laut einer Studie der Universität Bonn schauen wir im Schnitt 88-mal am Tag aufs Smartphone, 53-mal folgt eine Aktion. Man postet, verschickt Bilder, öffnet eine App. Junge Burschen werden eher von Online-Spielen abhängig, Mädchen von sozialen Medien, beobachtet Yazdi mit seinem Team. Der Ausstieg sei möglich, wie bei anderen Suchtmitteln auch: „Man muss sich beschränken. Bringen Jugendliche das nicht zusammen, müssen die Eltern ein- und durchgreifen. Auch für die Erwachsenen gelte: „Es muss eine Motivation zur Veränderung da sein. Wer – im wahrsten Sinne des Wortes – dauernd am Handy hängt, der muss aber auch mit körperlichen Beeinträchtigungen rechnen. So sprechen Orthopäden mittlerweile schon vom „Handy-Daumen“, in englischsprachigen Ländern von „WhatsAppitis“ oder „Whats-App Disease“. Betroffen ist der Daumen, der eigentlich dazu dient, das Greifen der Hand zu unterstützen. Der Faustschluss ist eine typische Bewegung für den stärksten Finger der Hand. Eine dauerhafte Dehn- oder Abspreizbewegung, wie sie beim Tippen auf dem Display geschieht, ist keine typische Daumenbewegung. „Beim einhändigen Bedienen des Smartphones wird der Daumen überbeansprucht. Die fortgesetzte Daumenbewegung in Richtung kleiner Finger strengt an und führt zu Schmerzen im daumenseitigen Handgelenk“, sagt Prof. Dr. Stefan Langer, Bereichsleiter Plastische, ästhetische und spezielle Handchirurgie, an der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie des Universitätsklinikums Leipzig (UKL). 

Früher diagnostizierte er Sehnenscheidenentzündungen bei älteren Menschen, die ein Leben lang körperlich arbeiteten. Jetzt seien die typischen Patienten zwischen 15 und 25 Jahre alt und Smartphone-Vielnützer. Am besten sei es natürlich, das Handy wegzulegen und dem Daumen Ruhe zu gönnen. Für alle, die das nicht schaffen, hat Ergotherapeutin Norina Weisenbilder von der zentralen Einrichtung Physikalische Therapie und Rehabilitation am UKL einen Rat – nämlich beide Daumen gleichzeitig einzusetzen: „Damit müssen die Daumen keine großen Entfernungen auf dem Display zurücklegen, werden also nicht überdehnt. Und generell sollte die Spielerei am Handy im Rahmen bleiben. Dann tut auch der Daumen nicht weh.“ Der Daumen ist allerdings nicht der einzige Körperteil, der in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Auch die Wirbelsäule leidet, wenn der Kopf ständig gesenkt ist, weil man aufs mobile Endgerät starrt. Rund vier bis sechs Kilogramm wiegt der Kopf eines Erwachsenen in aufrechter Haltung. 

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Große Belastung

Wer Nachrichten auf seinem Smartphone checkt, beugt meist den Kopf nach unten, und das ist auf Dauer eine große Belastung für den Nacken. Kenneth Hansraj vom New Yorker Klinikum für Wirbelsäulenchirurgie und Rehabilitation hat berechnet, dass bei einer Neigung von cirka 15 Grad bereits zwölf Kilogramm auf der Halswirbelsäule lasten. Je stärker der Kopf nach vorne fällt, umso höher ist die Belastung – bei 60 Grad wirken bereits 27 Kilogramm auf Nacken und Rücken. „Handy-Nacken“ nannte er das Problem. Gegensteuern kann man, in dem man mal nicht Kopf und Augen zum Smartphone hin senkt, sondern dieses auf Augenhöhe hochhält. Auf Dauer ist das allerdings zu anstrengend, es empfiehlt sich daher, die Nackenmuskulatur regelmäßig zu lockern, indem man den Kopf hebt und auch mal bewusst in den Nacken legt. 

Und auch die Augen können in Mitleidenschaft gezogen werden. Eigentlich beherrschen sie von Grund auf beides: In der Ferne und in der Nähe scharf zu sehen. Konzentriert man sich nur noch auf das Handy und geht kaum noch raus, dann steigt das Risiko, kurzsichtig zu werden. Wer am Abend zu lange auf das Handy starrt, riskiert eine Beeinträchtigung des Schlafes. Denn LED-Bildschirme haben einen hohen Tages- oder Blaulichtanteil, und dieser macht das Gehirn wieder wach. 

 

Birgit Baumann

Oktober 2019

 

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Kommentar

Handicap durchs Handy „Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die häufige Handynutzung ein Problem werden kann. Betroffene werden immer jünger.“

Prim. Dr. Kurosch Yazdi

Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 18. Oktober 2019