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Zwe junge Frauen reiten in der Natur auf einem Pferd

Das Glück der Erde

Nicht nur Kinder und Jugendliche sind hellauf begeistert, wenn es um Pferde und den Reitsport geht. Auch viele Erwachsene verbringen ihre Freizeit am liebsten mit und auf dem Rücken der magischen Vierbeiner. Und das oft, ohne zu wissen, dass sie sich selbst damit Gutes tun. 

Reiten verbessert die Fitness, stärkt den Rücken und schont die Bandscheiben. Dazu kommt psychische Gesundheitsförderung durch Geselligkeit, Aktivität an der frischen Luft und eine meist erfüllende Mensch-Tier-Beziehung. Vorausgesetzt, der Mensch macht es richtig! „Reiten ist für alle erlaubt, die nicht gerade eine schwere Wirbelsäulenoperation hinter sich haben oder an massiven Koordinationsstörungen, schwerer Osteoporose und unkontrollierbarem Bewusstseinsverlust durch epileptische Anfälle leiden“, sagt der Wiener Orthopäde und Sportmediziner Dr. Johann Jagenbrein. „Prinzipiell ist das Reiten gesund für die Psyche und den Körper“, weiß der begeisterte Reiter und Pferdeexperte. Wer sich auf den Rücken eines Pferdes begibt, auf dem bekanntlich das Glück der Erde liegt, trainiert den Gleichgewichtssinn, verbessert die Koordinationsfähigkeit, erhöht die Ausdauer und kräftigt durch die regelmäßige An- und Entspannung alle Muskeln. 

Besonders positiv wirkt sich Reiten auf den Rücken aus, denn dieser wird durch die Bewegung am Pferd gestärkt und trainiert. Das beugt Haltungsschäden und Bandscheibenvorfällen vor und kann im Idealfall sogar bereits eingetretene Schäden an der Haltung zum Verschwinden bringen. Und nicht zuletzt profitiert die Beckenbodenmuskulatur von der Bewegung auf dem Pferd, weil diese durch das häufige Kippen der Hüfte gekräftigt wird. Das kann vor allem bei Inkontinenzproblemen eine Hilfe sein. „Abgesehen vom körperlichen Training ist es aber vor allem die Seele des Menschen, die von der Begegnung und Arbeit mit den Pferden profitiert. „Das Pferd ist wie ein Spiegel, es leitet uns an, Vertrauen zu entwickeln, Ängste abzubauen, ruhig zu werden, abzuschalten und Stress zu verabschieden“, erzählt Johann Jagenbrein. Nicht zuletzt aufgrund der beruhigenden und stärkenden Wirkung von Pferden auf uns Menschen werden die Vierbeiner auch in vielen Bereichen der therapeutischen Arbeit eingesetzt, beispielsweise in der Hippotherapie, im heilpädagogischen Begleiten und Voltigieren, in der Ergotherapie mit Pferden und vielen anderen Bereichen. 

Dr. Jagenbrein appelliert an Reitlehrer und Reiter, den Reitsport zu überdenken und den Fokus nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Pferd zu richten. Denn auch wenn Reiten sehr einfach ausschaut, ist es das nicht. Vor allem nicht für die Pferde, die alles ausgleichen müssen, was der Mensch wissentlich oder unwissentlich falsch macht. Es ist deshalb wichtig, dass Reitanfänger, bevor es an den tatsächlichen Unterricht am Pferd geht, Wissen über Pferde bekommen. „Bodenarbeit ist dafür der beste Zugang. Wie reagiert ein Pferd, warum ist es wichtig, den Rücken des Pferdes durch Sitz und Haltung zu stärken, auf welche Muskeln wirken wir beim Reiten ein und vieles mehr. Nur so kann neben der menschlichen Gesundheit auch die Gesundheit der Pferde gewährleistet werden“, sagt Jagenbrein. 

Ein Thema für Reitanfänger, das durch Bodenarbeit ebenfalls reduziert wird, ist Angst. Angst vor den großen Tieren, Angst vor Kontrollverlust, aber auch Angst vorm Herunterfallen und vor Verletzungen. „Nur wer sich von Beginn an mit dem Pferd als Lebewesen auseinandersetzt, seine Verhaltensweisen kennt und Bescheid weiß, wie man als Mensch und Reiter agieren und reagieren kann, entwickelt Sicherheit und nachhaltige Freude am Reitsport und kann alle gesundheitlichen Vorteile dieses Sports bis ins hohe Alter genießen.  

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Training nicht vergessen

„Dafür, dass Reiten ein Breitensport geworden ist, ist er sportmedizinisch leider noch immer sehr schlecht betreut. Erst dann, wenn Reiter nach Verletzungen behandelt werden, kommt das Thema hoch“, bedauert der Sportmediziner. Reiten ist für ihn ein Sport wie jeder andere, der regelmäßiges Training erfordert. „Um sich selbst vor Unfällen und Verletzungen zu schützen, gilt für Sportreiter und Hobbyreiter gleichermaßen: Aufwärmen, Kraft trainieren und Muskeln stärken, bevor es aufs Pferd geht“, so Jagenbrein. Denn Pferde sind hochsensibel und reagieren auf den Menschen. Wer verkrampft oder mit steifen Muskeln aufsteigt, riskiert viel häufiger Unfälle und Verletzungen, als aufgewärmte und gelenkige Reiter, die ihre Kraft und ihre Muskeln kontrolliert und koordiniert einsetzen und dem Pferd klare Anweisungen geben. 

Neben Aufwärm- und Fitnesstraining ist es auch wichtig, Eigenheiten der Pferde nicht zu ignorieren, die mitunter zu gefährlichen Situationen führen können. Manchmal wird in der Euphorie vergessen, dass Pferde Fluchttiere sind und erschrecken können. Ein flatterndes Band, ein Regenschirm oder ein Reh, das plötzlich aus dem Wald kommt, können Grund genug sein, dass das Pferd zur Seite springt oder gar durchgeht. Wenn man dann nicht weiß, wie man auf dem Pferd reagiert und die Kontrolle behält, kann es brenzlig werden. Viele Unfälle ereignen sich auch im Stall, weil manche Menschen Pferde grundsätzlich als Schmusetier sehen und sich nicht darüber informieren, wie man mit Pferden Kontakt aufnimmt. 

Für Kinder im Vorschulalter empfehlen Experten geführtes Ponyreiten oder Voltigierunterricht. Dabei werden Übungen auf dem Pferd gemacht, die Koordination, Sitz und Beweglichkeit fördern. In der Regel kann der Umgang mit einem Pony unter ständiger Aufsicht ab vier Jahren mit Begleitung der Eltern stattfinden. Dabei stehen Tätigkeiten rund um das kleine Pferd, wie die Mithilfe beim Putzen, Füttern und Führen im Vordergrund. Im Volksschulalter ist dann der Einstieg in den Reitsport möglich, weil die Knochenentwicklung bei den Kindern so weit abgeschlossen ist, dass es zu keinen Deformierungen und Schäden mehr kommen kann. Das beste motorische Lernalter ist zwischen 10 und 13 Jahren. 

Wer sich als Erwachsener seinen Traum vom Reiten im freien Gelände erfüllen will, muss zunächst eine Grundausbildung absolvieren – also an der Longe, dann Schritt, Trab und Galopp. Anschließend kann ein erster Ausritt gewagt werden, um die Natur aus einem neuen Blickwinkel zu erleben. Wer allerdings glaubt, dass er nach 50 Stunden am Ziel angekommen und ein guter Reiter ist, wird meist schnell eines Besseren belehrt. Reiten bedeutet, mit und am Pferd zu lernen, und das meist ein Reiterleben lang.

 

Mag. Conny Wernitznig

September 2019


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Kommentar 

Das Glück der Erde_Kommentarbild_Dr. Johann Jagenbrein „Es ist nicht entscheidend, wo oder wann Menschen zu reiten beginnen, sondern wie. Bodenarbeit und Wissen über Pferde reduzieren Stress und Angst und sind wichtige Eckpfeiler in der Unfallprävention.“

Dr. Johann Jagenbrein

Orthopäde, Sportmediziner, Wien


Bilder: shutterstock; privat

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am 11. September 2019