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Junger Mann und Frau essen Gemüse und Salat

Neue Welt des Essens

Das Essen nach Regeln wird immer beliebter. Doch nicht jeder angeblich gesunde Esstrend tut dem Körper gut. Manche Modeerscheinungen sind sogar gefährlich. 

Sie versprechen Gesundheit, Schönheit und Schlankheit: Ernährungstrends sind verlockend und wirken oft überaus schlüssig. Viele sind Modeerscheinungen, die bald vom nächsten Trend abgelöst werden. Andere wie etwa die vegane Ernährung erobern sich einen festen Platz in den Ernährungsgewohnheiten der Österreicher. 

„Bei vielen dieser Trends vermischen sich sinnvolle Ratschläge mit Pseudowissenschaft und gefährlichem Unsinn. Die perfekte, gesunde Ernährung ist und bleibt dabei eine Fiktion. Wer ihr dennoch von Trend zu Trend hinterherjagt, riskiert seine Gesundheit, erklärt die Expertin Maria Anna Benedikt“, die die Ernährungsmedizinische Beratung im Landeskrankenhaus-Uniklinikum Salzburg leitet. 

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Vegan braucht Kontrolle

Die größte Gefahr, die sich in vielen Esstrends verbirgt, lauert nach den Erfahrungen der Expertin in Mangelzuständen. Das zeigt sich eindrucksvoll am Beispiel der veganen Ernährung, die momentan der große „Star“ unter den alternativen Ernährungsformen ist. Etwa ein Prozent der Österreicher verzichtet gänzlich auf tierische Produkte, lebt also vegan – Tendenz steigend. Manche setzen dabei auf eine veggane Variante, einer Wortschöpfung aus vegan und egg, der englischen Bezeichnung für Ei: Als Ovo-Vegetarier möchten sie auf die Nährstoffe der eigentlich immer noch so „verpönten“ Eier nicht verzichten. Dass diese auch dringend gebraucht werden, verdeutlicht eine Warnung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Eine strikte vegane Ernährung kann demnach mit einem Mangel an Nährstoffen und „erheblichen negativen Folgen für die Gesundheit“ einhergehen. Die Versorgung mit kritischen Nährstoffen und hier vor allem mit Vitamin B12 sollte daher regelmäßig ärztlich überprüft werden. 

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„Frei von …“

Der Verzicht auf Milch oder Weizen hat bei einer nachgewiesenen Allergie oder Unverträglichkeit seine Berechtigung. Ein klassisches Krankheitsbild ist zum Beispiel die Zöliakie, bei der glutenhaltige Produkte wie Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste und Hafer die Darmzotten schädigen. Wer davon betroffen ist, muss sich ein Leben lang konsequent ohne Gluten (Klebereiweiß) ernähren. Bei einer oft vermuteten Sensitivität auf Weizen und/oder Gluten ist die Sachlage aber nicht so einfach. Diese „Intoleranzen“ seien meist nicht ärztlich bestätigt und würden auch nicht als eigenständige Erkrankung gelten, erklärt Maria Anna Benedikt. Sie empfiehlt daher vor der strengen Vermeidung von glutenhaltigen Getreideprodukten eine medizinische Abklärung. 

Gesunde Menschen, die aus Angst vor Gluten auf Getreideprodukte in der Ernährung verzichten, schaden sich mehr, als sie sich Gutes tun. Das gilt auch für den Verzicht auf Laktose, der meist nur den Umsätzen der Lebensmittelindustrie Positives beschert. Selbst wer tatsächlich unter einer Laktoseunverträglichkeit leidet, kann laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) problemlos Einzeldosen von acht bis zwölf Gramm Laktose, das entspricht cirka einem Becher Joghurt, verdauen. Mit anderen Lebensmitteln vermischt, dürfte der Wert sogar höher liegen. Daher sind viele der als laktosefrei deklarierten Produkte völlig überflüssig. Der gänzliche Verzicht kann sogar dazu führen, dass der Körper verlernt mit der Laktose, die durch das Enzym Laktase gespalten wird, umzugehen. Die Folge ist eine echte, lebenslange Laktoseintoleranz. 

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Ja, aber

Auch beim dritten Megatrend, dem sogenannten Superfood zum Beispiel Chia-Samen, Goji- oder Acai-Beeren, sind die Erwartungen oft viel zu hoch gesteckt. „Mit Lebensmitteln kann Gesundheit gut mitverkauft werden. Superfood ist derzeit ein Hype“, so Maria Anna Benedikt. Tatsächlich enthalten Superfood-Produkte viele gesunde, sekundäre Pflanzenstoffe und einen hohen Anteil an Antioxidantien, die den besten Zellschutz für unseren Körper darstellen. „Um in ihren Genuss zu kommen, kann man aber genauso gut zu heimischen Alternativen greifen“, empfiehlt die Expertin: „zu Aronia statt Goji-Beere, zu Leinsamen statt Chia-Samen oder zu Heidelbeeren, Holler und Himbeeren.“ 

Mann mit  einer Pfanne mit gebratenem Fleisch

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Steinzeit

Bei der paläolithischen Ernährung, auch Steinzeitdiät oder Paleo-Diät genannt, wird nur das gegessen, was (angeblich) schon in der Steinzeit auf den Tisch beziehungsweise Rost kam. Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse, Kräuter und Obst gelten als gut, Getreideprodukte, Zucker, Milchprodukte und verarbeitete Nahrungsmittel hingegen als schlecht und als Auslöser von Zivilisationskrankheiten. Die Anhänger der Steinzeitdiät argumentieren, dass sich der Mensch seit der Einführung des Ackerbaus vor 10.000 Jahren genetisch nicht an die neuen Ernährungsweisen angepasst habe. Ernährungswissenschaftler stehen dieser Ernährungsform jedoch skeptisch gegenüber. Gerade die Fleischberge, die die Paleo-Diät empfiehlt, sind in Zeiten des Bewegungsmangels problematisch, schließlich muss sich der heutige Mensch nicht mehr stundenlang auf die Jagd begeben. Auch die mangelhafte Versorgung mit Ballaststoffen und wichtigen Nährstoffen wie Kalzium kann gesundheitliche Probleme schaffen. 

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Für Risikofreudige

Rohkosternährung ist ein breites Feld mit vielfältigen Varianten. Meist setzen die Fans dieser Ernährungsform auf vegane beziehungsweise vegetarische Ernährung, auf unverarbeitete, unbehandelte und unzerkleinerte Lebensmittel. Allen Varianten ist gemein, dass nur unerhitzte Lebensmittel verwendet werden. Das hat Nachteile, da es einige Lebensmittel gibt, die roh Giftstoffe enthalten. Manche Gemüsesorten geben wichtige Nährstoffe nur erhitzt frei. „Als Dauerkost ist diese Ernährung und hier vor allem die vegane Variante nicht geeignet“, fasst die Diätologin zusammen. Das gelte insbesondere für Risikogruppen wie ältere Personen, Kinder und Schwangere. 

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Low Carb und No Carb

Kohlenhydrate gelten als Feinde: Wer Low Carb isst, reduziert Zucker sowie Stärke und verspeist stattdessen lieber eiweiß- und fettreiche Lebensmittel. Doch die Fülle an Fleisch- und Milchprodukten birgt gesundheitliche Risiken und kann die Leber und die Nieren übermäßig belasten. Das gilt insbesondere für die No-Carb-Steigerung, die ketogene Ernährungsweise, die Muskelaufbau und gleichzeitigen Gewichtsverlust verspricht. Laut Ernährungsexpertin Benedikt hat diese einseitige Ernährungsweise nur eine Berechtigung: als medizinisch begleitete Diätform bei angeborenen seltenen Stoffwechselerkrankungen sowie bei Epilepsie. 

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Basische Ernährung

Ebenso einseitig, wenn auch auf andere Weise, ist der immer beliebtere Verzicht auf angeblich säureüberschüssige Lebensmittel wie Getreide und Milchprodukte. Dahinter steht die Philosophie, dass unser Körper ständig mit einer durch Nahrungsmittel hervorgerufenen Übersäuerung kämpft. Das ist Humbug, da eine wirklich gesundheitsschädliche Übersäuerung nur dann entsteht, wenn die Atemwege und die Nieren nicht richtig funktionieren. Beim gesunden Menschen schafft es der Körper mit seinem Puffersystem hingegen meist sehr gut, einen konstanten pH-Wert zu halten. Es spielt schlicht keine Rolle, ob er zusätzliche Säuren bewältigen muss, die wir über die Nahrung aufnehmen. Diese Ernährungsweise gilt unter Experten daher nicht nur als nutzlos, sondern sogar als problematisch. Wer permanent auf Getreide, Milchprodukte und andere angeblich säurehaltige Lebensmittel verzichtet, riskiert einen Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen. 

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„Gut“ und „böse“

Nur wenige Menschen brauchen eine ganz bestimmte Ernährungstherapie wirklich. Auch einzelne, argwöhnisch beäugte Nahrungsmittel, wie etwa Fette sind nicht so „böse“, wie sie oft dargestellt wurden. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass natürlich vorkommendes Fett oder eine moderate Zufuhr von gesättigten Fettsäuren den Menschen krank machen. Sogar die oft verteufelte Butter, eines der am wenigsten verarbeiteten Lebensmittel, wurde mittlerweile als grundsätzlich gesund rehabilitiert. Hier, wie bei vielen anderen Lebensmitteln, sind nicht die Inhaltsstoffe, sondern die aufgenommene Menge das Problem. Eine ausgewogene Ernährung darf ganz viele Elemente enthalten – aber eben immer in Maßen, wenn es um die „Einzeldosis“ geht.  

Werden Ernährungstrends wissenschaftlich unter die Lupe genommen, zeigt sich ganz klar: Es gibt keine bestimmte Ernährungsform und auch kein bestimmtes Lebensmittel, das uns nachweislich gesünder und schlanker macht. Denn auch bei als ungesund geächteten Nahrungsmitteln gilt: Die Dosis macht das Gift und nicht alles was gesund klingt, ist es auch. Wer einseitigen, extremen Ernährungstrends huldigt, riskiert eine mangelhafte Versorgung mit unentbehrlichen Nährstoffen und Ballaststoffen. 

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Vom Essen besessen

Wie erklärt sich eigentlich die Beliebtheit der vielen Regeln und ständig neuen Trends, die immer wieder mit großem Sendungsbewusstsein und Überzeugungskraft verkündet werden? Sie fußt zum einen in der Tatsache, dass Nahrungsmittel ideale Sündenböcke sind, wenn man sich nicht gut fühlt, ohne einen bestimmten Grund dafür benennen zu können. Das Resultat: Immer mehr Menschen glauben, dass ihre Essgewohnheiten sie krank machen. Unverträglichkeiten werden zur Modeerscheinung und der natürliche Umgang mit Nahrungsmitteln geht immer stärker verloren. 

Auch der Wunsch nach Kontrolle spielt oft mit. Schließlich ist Ernährung etwas, das man kontrollieren kann, im Gegensatz zur furchterregenden Tatsache, dass Krankheit und Leiden oft ganz zufällige Ereignisse sind. Die menschliche Natur will, dass es für alles einen Grund gibt und verabscheut scheinbar grund- und sinnloses Leid. Daraus resultiert auch beim Essen die Anziehungskraft einfacher Erklärungen und Wege. 

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Clean Eating

Das zeigt sich beim beliebten Konzept des „Clean Eating“, das Lebensmittel in „reine“ und quasi „schmutzige“ Varianten unterteilt. So kann man auf relativ einfache Weise zum besseren Menschen werden – indem man auf unnatürliche Zusatzstoffe verzichtet und nur isst, was gentechnikfrei ist sowie bio und ethisch vertretbar. Doch was einem ein gutes Gefühl geben soll, kann bei Menschen mit psychologischen Problemen immer restriktivere Ernährungsweisen rechtfertigen. Mitunter führt das bis zur Zwangsstörung Orthorexia nervosa, der zwanghaften Besessenheit von gesunder Ernährung. Angefeuert und geschickt genutzt, werden diese menschlichen Bedürfnisse von wirtschaftlichen Interessen. Mit angeblich gesunden Food-Trends erwirtschaftet eine stetig wachsende Zahl von Unternehmen jährlich Milliardenumsätze. 

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Und wo bleibt der Genuss?

Wer köstliche Lebensmittel verbannt, verzichtet auf schöne Genussmomente. Dieser Verlust sollte nicht unterschätzt werden, denn gerade einfache Freuden bereichern unser Leben und verbessern unser Wohlergehen. Wirklich gesund ernährt sich nur, wer Essen mit Genuss und nicht mit Verleugnung und Ablehnung verbindet. Wer Nahrungsmittel in „gut“ und „schlecht“ einteilt, zerstört sein Verhältnis zu dem, was er isst. Die Gesundheits- und Wellness-Lobby mit ihren selbsternannten Experten trägt dazu viel bei. Doch im Gegensatz zu Diätologen und Ernährungsmedizinern sind sie nicht wirklich kompetent, wenn es um Essen als menschliches Grundbedürfnis geht. 

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Was ist wirklich gesund? 

Mehr oder weniger kurzlebige Ernährungstrends sollte man am besten ignorieren. Das heißt aber nicht, dass es egal ist, was man isst. Die diplomierte Diätologin und Gastrosophin Maria Anna Benedikt erklärt, was gesunde Ernährung wirklich ausmacht: „Sie sollte abwechslungsreich sein, aus einem hohen Anteil an naturbelassenen Lebensmitteln bestehen und nur zu einem geringen Teil aus Fertigprodukten und verarbeiteten Lebensmitteln. Das versorgt den Körper ausreichend mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen.“ So deckt etwa eine Auswahl von verschiedenen Obst- oder Gemüsesorten unseren Vitamin- und Mineralstoffhaushalt am besten. Kräuter und so manche Beerenfrüchte, auch in gekochter Form, versorgen uns sehr gut mit sekundären Pflanzenstoffen. Tierische Produkte sind nicht nur wichtige Eiweißlieferanten, sondern liefern uns je nach Auswahl zusätzliche wichtige Nährstoffe. Fleisch versorgt uns zum Beispiel mit Eisen, Vitamin B12 und Zink. Milchprodukte enthalten sehr viel Calcium. Ideal ist eine vollwertige, genussvolle und bekömmliche Ernährung, bei der folgende Lebensmittel bevorzugt werden sollten:  Gemüse und Obst

1. Pflanzliche Lebensmittel

2. Gering verarbeitete Lebensmittel

3. Ökologisch erzeugte Lebensmittel

4. Regionale und saisonale Erzeugnisse

5. Umweltverträglich verpackte Produkte

6. Fair gehandelte Lebensmittel

 

Dr. Regina Sailer

September 2019

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Kommentar 

Neue Welt des Essens_Kommentarbild_Maria Anna Benedikt, MSc „Mit einer abwechslungsreichen, vollwertigen Ernährung sind Sie auf dem richtigen Weg. Verzichten Sie auf bestimmte Nahrungsmittel nur dann, wenn eine nachgewiesene körperliche Störung das erfordert. “

Maria Anna Benedikt, MSc

Leiterin der Ernährungsmedizinischen Beratung im Landeskrankenhaus – Uniklinikum Salzburg


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 09. September 2019