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Cochrane-Review: Ampel-Kennzeichnung für Softdrinks

Softdrinks spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Adipositas, erhöhen das Diabetes-Risiko, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für Karies. Und: Offenbar könnte die Kennzeichnung in Ampelfarben – flankiert von anderen Maßnahmen – den Softdrink-Konsum deutlich senken. Das ist das Fazit eines aktuell publizierten Cochrane Reviews, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com

Für die Übersichtsarbeit, an der auch das Institut für Medizinische Informationsverarbeitung Biometrie und Epidemiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) beteiligt war, sichteten die Autoren mehr als 10.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Eingeschlossen wurden schließlich 58 Studien mit insgesamt 1.180.096 Teilnehmern. 

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Verhältnisprävention 

Die Studien betrachteten Kinder, Jugendliche und Erwachsene in verschiedenen Umgebungen (Schulen, Einrichtungen des Einzelhandels und der Gastronomie). Untersucht wurde die Wirkung von Verhältnisprävention (ohne Berücksichtigung von Steuern) auf den Konsum von Süßgetränken.

Die Studienautoren fanden dabei wissenschaftliche Evidenz, dass folgende Ansätze den Konsum von Softdrinks reduzieren:

  • Einfache und verständliche Lebensmittelkennzeichnungen, z.B. über eine Farbcodierung nach dem Ampel-Prinzip
  • Preiserhöhungen auf Softdrinks in Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen
  • Verringerung des Angebots von Softdrinks in Schulen
  • Kindermenüs in Restaurantketten, die standardmäßig statt eines Softdrinks ein gesünderes Getränk enthalten
  • Die bessere Platzierung und Vermarktung von gesünderen Getränken in Supermärkten
  • Lokale Gesundheitskampagnen, die sich auf Softdrinks konzentrieren

 

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Politik gefragt 

„Der Review stellt die wesentlichen Bausteine einer umfassenden Strategie heraus, mit der sich der Süßgetränke-Konsum in der Bevölkerung senken ließe“, fasst Studienautorin Prof. Dr. Eva Rehfuess, die den Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE) der LMU München leitet, zusammen.

„Die Ergebnisse unserer Übersichtsarbeit sind relevant für die Politik in Deutschland“, sagt Erstautor Dr. Peter von Philipsborn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IBE. Er erwartet, dass die Politik jetzt reagiert: „Die von uns untersuchten Maßnahmen können nur Wirkung entfalten, wenn sie auch tatsächlich umgesetzt werden – und da ist die Politik gefragt. Insbesondere bei den Punkten Nährwertkennzeichnung, Preisgestaltung und Softdrink-Angebot in Schulen besteht in Deutschland großer Nachhol- und Handlungsbedarf“, hält von Philipsborn fest. 

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Ampel beeinflusst 

Die Studien, die der Cochrane-Review ausgewertet hatte, zeigten, dass ein Label in Ampelfarben direkt das Verbraucherverhalten beeinflusse: Der Absatz von Softdrinks, die mit „rot“ gekennzeichnet waren, ging um bis zu 56 Prozent zurück. „Süßgetränke sind ein wesentlicher Faktor hinter dem weltweiten Anstieg in der Häufigkeit von Adipositas und Diabetes mellitus“, ergänzt auch Prof. Dr. Hans Hauner, Inhaber des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. „Um diesen besorgniserregenden Trend umzukehren, braucht es eine Kombination verschiedener Maßnahmen – von einer einfach verständlichen Nährwert-Kennzeichnung nach dem Ampelprinzip, über eine Verringerung des Süßgetränke-Angebots in Schulen bis hin zu einer höheren Besteuerung von Süßgetränken“, so Hauner. 

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Vorhandene Evidenz endlich zur Kenntnis nehmen 

Und Prof. Dr. Stefan K. Lhachimi, Leiter der Forschungsgruppe „Evidence-Based Public Health“ am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen, stellt fest: „Die Verringerung des Konsums von zuckerhaltigen Getränken ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, um der Adipositas-Epidemie auch in Deutschland zu begegnen. Viele Konsumenten nehmen alleine schon durch Süßgetränke mehr als die täglich empfohlene Menge an Zucker zu sich. Süßgetränke sind dabei besonders tückisch, da diese trotz hoher Kalorienmenge kein Sättigungsgefühl erzeugen.“

Folgende Erkenntnisse, so Lhachimi, sind wichtig: „Sogenannte ‚Lebensmittel-Ampeln‘ haben vergleichsweise sicher große Effekte auf den Verkauf von Süßgetränken (eine Verringerung um die Hälfte). Preiserhöhungen senken sicher den Kauf von Süßgetränken. Letztes ist für andere gesundheitsschädliche, öffentlich verfügbare Produkte – wie Zigaretten und Alkohol – schon lange bekannt und hat auch zu entsprechenden Produktsteuern geführt.“ Der Staat und die Gesellschaft müssten durch scharfe Instrumente wie verpflichtende Lebensmittel-Ampeln oder eine Preiserhöhung durch zusätzliche Besteuerung zeigen, dass diese Produkte potenziell gesundheitsschädlich sind, betont Lhachimi.

Und fügt hinzu: „Die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Klöckner kann nach Lage der Evidenz aus meiner Sicht nicht mehr lediglich auf Selbstverpflichtungen der Industrie pochen, sondern muss die vorhandene Evidenz endlich zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln.“ 

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Nationale Reduktionsstrategie setzt auf Selbstverpflichtung 

Seit Jahren drängen medizinische Fachgesellschaften und die WHO auf politische Maßnahmen. Im Mai 2018 hatte ein breites Bündnis aus Fachorganisationen und mehr als 2.000 Ärzten in einem Offenen Brief folgende Maßnahmen von der deutschen Bundesregierung gefordert:

  • Einführung einer Lebensmittelampel,
  • Beschränkung von Werbung, die sich an Kinder richtet
  • und eine Steuer auf besonders zuckerhaltige Getränke.

Der deutsche Sonderweg, eine Reduktion nur freiwillig und im Konsens mit der Industrie zu erreichen, müsse bereits jetzt als gescheitert angesehen werden. „Wir erwarten, dass hier der Schutz der Gesundheit Vorrang hat vor den wirtschaftlichen Interessen der Lebensmittelindustrie“, betont Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Kennzeichnungen an Softdrinks führen zu einem Rückgang des Konsums: „Die verfügbaren wissenschaftlichen Belege zeigen in der Tat, dass Nährwert-Kennzeichnungssysteme nach dem Ampelprinzip zu einem Rückgang im Süßgetränkekonsum beitragen können“, bestätigt von Philipsborn. „Wir sollten realistisch sein: Ein Nährwert-Kennzeichnungssystem nach dem Ampelprinzip – wie zum Beispiel der europäische Nutri-Score – kann einen wichtigen Beitrag leisten, sollte aber Teil einer umfassenderen Gesamtstrategie sein“, stellt er klar. 

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Muss es eine Ampel sein? 

Aber kann es nur eine Ampel sein? Im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) entwickelt das Max Rubner-Institut (MRI) ein Stern-Label, das versucht, ohne Farben auszukommen. „Wir haben mehrere Studien zu Nährwert-Kennzeichnungen gefunden, die mit Sternen oder Zahlen statt mit Farben arbeiten. Die verfügbare Evidenz deutet darauf hin, dass auch solche Systeme zu einem gewissen Rückgang im Süßgetränkeabsatz führen können. Die beobachteten Effekte waren aber kleiner, und die von den Studien verwendeten Methoden auch etwas weniger zuverlässig“, berichtet von Philipsborn.

Allgemein scheinen Nährwertkennzeichnungen umso effektiver zu sein, je intuitiver und einfacher sie zu verstehen sind: „Der Nutri-Score, der eine Farbcodierung nach dem Ampel-Prinzip mit einer Buchstabencodierung von A bis D kombiniert, ist in dieser Hinsicht vorteilhaft“, betont von Philipsborn.

 

Der gesamte Artikel wurde am 19. Juni 2019 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal

August 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 05. August 2019