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Arzt mit Medikamenten

Opioide – Kein leichtfertiger Einsatz in der Schmerzmedizin

Schlagzeilen in den Medien über die sogenannte „Opioid-Krise“ in den USA verunsichern auch hierzulande viele Schmerzpatienten. Die Frage: Sind solche Mittel gefährlich? Soll man sie absetzen? 

Die Schlagzeilen beziehen sich darauf, dass in den USA allein im Jahr 2017 rund 48.000 Menschen an den Folgen ihrer Opioid-Sucht starben. Die Opioid-Epidemie ist mittlerweile die häufigste Todesursache bei Amerikanern unter 50 Jahren und wird als Hauptgrund für eine gesunkene Lebenserwartung vermutet. 

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Keine leichtfertigen Verschreibungen 

In den USA wurden Opioide in den vergangenen Jahren von vielen Ärzten sehr leichtfertig und sogar in Bereichen verschrieben, in denen sie erfahrungsgemäß nicht wirken. Viele amerikanische Patienten haben sich an die ständige Einnahme dieser schnellen Schmerzlinderer gewöhnt und nehmen die Medikamente nach einiger Zeit auch wegen deren beruhigender Wirkung. „In Österreich ist die Situation eine andere. Opioide werden nicht leichtfertig verordnet. Hier wird in jedem Einzelfall genau geprüft, ob der Einsatz auch wirklich sinnvoll ist. Zuerst muss eine klare Diagnose vorliegen, erst dann können diese Medikamente verordnet werden. Die Rezepte müssen sehr genau ausgefüllt werden und erhalten eine sogenannte Vignette, ohne die eine Apotheke das Rezept nicht einlösen darf. Die Verschreibung ist also gut nachzuverfolgen“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Burkhard Gustorff, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin am Wilhelminenspital Wien. 

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Missbrauch von Gebrauch unterscheiden 

Man muss den Opioid-Gebrauch als Schmerzmittel strikt von der Möglichkeit des Missbrauchs als Suchtmittel unterscheiden. In der öffentlichen Debatte anlässlich der Krise in den USA geschieht genau dies nicht. Gustorff: „Der Missbrauch als Suchtmittel und der medizinische Einsatz dieser potenten Medikamente werden vermischt und oft gleichgesetzt. Das führt zu Missverständnissen und Verunsicherungen bei den Patienten. Man muss auch eine klare Abgrenzung ziehen: Ein Schmerzmittel ist bei richtiger Anwendung kein Suchtmittel und man kann danach nicht süchtig im psychiatrischen Sinn werden.“ 

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Körperliche Abhängigkeit 

Gegen Schmerzen eingenommene Opioide führen bei mittelfristiger Einnahme (ab zwei bis drei Wochen) jedoch zu einer körperlichen Gewöhnung. Das bedeutet, dass der Körper auf ein abruptes Absetzen des Medikaments mit Entzugssymptomen reagiert. Daher sollte man Opioide nach mehrwöchiger Einnahme nur in kleinen Schritten absetzen („ausschleichen“). „Wer etwa Tramal wegen eines Hexenschusses zwei bis drei Wochen einnimmt, sollte die Dosis zum Absetzen nach und nach reduzieren und nicht einfach aufhören, sonst sind leichte Entzugserscheinungen wie Schwitzen und Unruhe möglich“, sagt der Mediziner. Nimmt man die Medikamente nur einige Tage ein, ist ein Ausschleichen nicht nötig.

Opioide lösen in diesem Sinne also eine Gewöhnung aus, man könnte auch von körperlicher Abhängigkeit sprechen, die man jedoch durch schrittweises Absetzen beenden kann. Gustorff: „Eine Gewöhnung ist jedoch keine Sucht. Eine Sucht löst gravierende Probleme aus. Süchtige brauchen ihre Substanz unbedingt, ihr ganzes Denken dreht sich um ihre Beschaffung. All das ist bei bestimmungsgemäßem Gebrauch von Opioiden als Schmerzmittel nicht zu befürchten. In den USA werden diese Medikamente aber oft von Drogenabhängigen missbraucht. Sie werden durch die Opioide zwar nicht high, aber sie verhindern durch ihre Einnahme die schlimmen Entzugserscheinungen, die sie erleiden, wenn sie sich keine Drogen wie etwa Heroin zuführen können. Diese Art von Missbrauch gibt es natürlich auch in Österreich, jedoch in wesentlich kleinerem Ausmaß. Ich möchte betonen, dass dieser Missbrauch nicht durch Schmerzpatienten erfolgt, sondern von Süchtigen als Drogenersatz.“ Opioide eignen sich als Drogenersatz, weil sie auch beruhigend und dämpfend auf das Nervensystem wirken.

 

Hier eine kurze Beschreibung, was Opioide eigentlich sind, wie sie wirken und wo sie sinnvollerweise eigesetzt werden: 

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Opioide als Medikamente 

Opioide sind starke Schmerzmedikamente. Zu dieser Medikamentengruppe zählen sowohl natürliche, aus dem Opium gewonnene Medikamente (auch Opiate oder Morphine genannt), als auch synthetisch herstellte Arzneimittel. Ihre Eigenschaften sind schmerzlindernd, dämpfendend, beruhigend und auch psychotrop (die Psyche beeinflussend). Opioide sind als Tabletten, Tropfen, Injektion und auch als Pflaster erhältlich.  

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Anwendungsgebiete 

Opioide sind besonders bei starken und sehr starken akuten Schmerzen sinnvoll, wie etwa nach Verletzungen (z.B. bei Knochenbrüchen), bei und nach Operationen, bei Entzündungsschmerzen und Tumorschmerzen. Vor allem in der Onkologie und der Palliativmedizin kommen starke Opioide zum Einsatz. Nicht geeignet ist ihr Einsatz bei Kopfschmerzen, Nackenschmerzen inklusive Halswirbelsäulen-Syndrom.

Bei chronischen Schmerzen werden sie vor allem bei starken Tumorschmerzen und sehr starken Gelenkschmerzen eingesetzt. Gustorff: „Gelegentlich kommen sie auch bei sehr starken Kreuzschmerzen zum Einsatz, jedoch sollten sie hier maximal drei Monate verabreicht werden und nur, wenn sie wirklich gut wirken. Kreuzschmerzen sollten stets multimodal behandelt werden, also möglichst vielseitig, zum Beispiel mit Physiotherapie, Bewegungstraining, Gymnastik und Schmerzbewältigungstherapie.“ 

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Nebenwirkungen, Überdosierung 

Opioide wirken in den genannten Anwendungsgebieten meist stark und gut, aber sie wirken nicht bei jedem Menschen gleichermaßen. Helfen sie einem nicht, sollte man sie absetzen beziehungsweise bei schon länger als zweiwöchiger Einnahme schrittweise reduzieren.

Unerwünschte mögliche Nebenwirkungen sind vor allem Verstopfung, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel. Das Risiko von Nebenwirkungen ist im Vergleich mit herkömmlichen Schmerzmitteln (wie NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika) und sogar rezeptfreien Medikamenten geringer. „Was wirklich deutlich für den Einsatz von Opioiden spricht, ist die Tatsache, dass sie im Gegensatz zu NSAR Organe wie Magen, Leber und Nieren nicht schädigen. Opiate lösen auch keine Magenblutungen aus“, sagt Gustorff.

Achtung vor Überdosierung! Eine Überdosis ist lebensgefährlich, da sie zu Atemlähmung führen kann. „Aber es ist wichtig zu wissen, dass kein Patient vor einem Opioid Angst haben muss, wenn er sich an die festgelegte Dosierung hält und auch mit seinem Arzt gleich über eventuelle Nebenwirkungen spricht“, sagt der Schmerzspezialist. 

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Langzeiteinnahme 

Medikamente sollen generell so kurz wie möglich und nötig eingesetzt werden – das gilt auch für Opioide. „Von jahrelangem Einsatz starker Opioide bei einer großen Zahl an Patienten mit Nichttumor-Schmerzen wird abgeraten. Im Bedarfsfall ist deren Einsatz im Einzelfall aber auch über Jahre hinweg möglich. Ist ein Patient gut mit einem Medikament eingestellt und hat er damit keine Probleme, dann spricht nichts dagegen, dass er es auch lange Zeit nimmt und dadurch eine gute Lebensqualität erhält. Natürlich sind Nebenwirkungen nie auszuschließen, so kann es etwa im Hormonhaushalt zu Veränderungen kommen, manche nehmen dadurch an Gewicht zu“, sagt der Schmerzmediziner.

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 01. Juli 2019