DRUCKEN
Mann umarmt seinen Sohn

Depression und die Folgen für Partnerschaft und Familie

Eine Depression eines Familienmitglieds wirkt sich auf die ganze Familie und auf die Partnerschaft aus. Sie bedeutet eine Belastung für alle Beteiligte. Das Wissen um das Wesen der Erkrankung und eine gute Kommunikation tragen dazu bei, diese schwierige Zeit besser zu überstehen. 

Depression führt zu sozialem Rückzug. Man meidet öffentliche Anlässe und zieht sich immer mehr in den privaten Bereich zurück, in schweren Fällen kann man das Bett nicht mehr verlassen. Die völlige Antriebslosigkeit wirkt sich auch auf die Partnerschaft und das Familienleben aus. Gemeinsame Aktivitäten fallen immer schwerer und bleiben schließlich ganz aus. Doch dieser Zustand muss kein dauerhafter sein, denn Depressionen sind kein Schicksal, sie lassen sich gut behandeln. 

up

Stimmung spürbar 

Wenn aus dem gesunden Mann oder der gesunden Frau plötzlich ein kranker Mensch wird, der sein Verhalten verändert und nicht mehr mit Partner und Familie verkehrt wie gewohnt, bedeutet das für alle eine Veränderung. Damit das Miteinander positiv gestaltet werden kann und nicht durch die Erkrankung und ihre Auswirkungen (Rückzug, keine Anteilnahme am Leben der Anderen) zerrüttet wird, ist es wichtig, über die Krankheit Bescheid zu wissen. 

up

Nicht tabuisieren 

Erkrankt der Vater oder die Mutter, so sollte man das in der Familie offen kommunizieren und den Kindern erklären. Man sollte dem Alter entsprechend aufklären und die Erkrankung nicht tabuisieren. „Kinder können meist gut damit umgehen, wenn sie verstehen, dass das eine Erkrankung ist. Und sie sollten wissen, dass sich ein Arzt darum kümmert und Mama oder Papa dabei hilft, wieder gesund zu werden. Wird mit den Kindern nicht gesprochen, kann es passieren, dass sie die Schuld bei sich selbst suchen, dass es Papa oder Mama schlecht geht“, sagt Oberärztin Dr. Petra Puster vom Institut für Psychotherapie am Kepler Universitätsklinikum Neuromed Campus Linz. 

up

Wissen und Kommunikation 

Wissenslücken bei Angehörigen und Mängel in der Kommunikation führen zu Unverständnis und Fehlinterpretationen. Folgende Punkte sollen helfen, besser mit dem Erkrankten umzugehen:

Verständnis: Wichtig ist es, Verständnis zu haben und zu zeigen. Man sollte einen Erkrankten niemals auffordern, sich „zusammenzureißen“. Denn eine Depression ist eine psychiatrische Erkrankung und kein Charaktermangel, den man mit Willenskraft überwinden könnte. „Eine derartige Aufforderung kann jener Tropfen sein, der das mentale Fass eines Betroffenen zum Überlaufen bringt. Sie birgt die Gefahr einer Verschlechterung in sich“, warnt Puster.

Nicht zu viel Mitleid: Ebenso wenig bringt es, den Erkrankten ständig zu bemitleiden. Besser ist es, ihn als Erkrankten wahrzunehmen und ihm beizustehen.

Ernstnehmen: Man sollte den Erkrankten ernst nehmen und Verständnis für seine Lage zeigen. Kontraproduktiv sind Aussagen, die die Erkrankung verharmlosen („ist ja nicht so schlimm“ etc.). Auch sollte man dem Depressiven seine negativen Gedanken nicht auszureden versuchen, denn dieser missversteht das häufig und fühlt sich nicht verstanden. Generell gilt: Angehörige sind keine Psychologen und können diese nicht ersetzen.

Sprachlosigkeit: Oft zeigt sich Sprachlosigkeit. Man weiß nicht, wie man mit dem Betroffenen umgehen soll, was und wie man etwas sagen soll und sagt daher gar nichts. Die Konsequenz daraus: Der Erkrankte fühlt sich nicht gesehen, nicht gehört, ignoriert und alleingelassen mit seinem Problem. Ein möglicher Ausweg: Häufig ist es sehr positiv, wenn der Partner mit Einverständnis des Betroffenen mit in die Psychotherapie kommt. „Oft kann man sich hier erstmals wirklich offen und ehrlich aussprechen und das entlastet beide“, sagt Puster.

Missverständnisse: Depressionen führen oft zu Missverständnissen. Besteht zum Beispiel kaum Kommunikation, versteht der Erkrankte die Sprachlosigkeit des Partners als mangelnde Anteilnahme an seiner Situation bzw. der Partner glaubt, dass der Erkrankte einfach nichts mehr mit ihm und der Familie zu tun haben will. So passiert es, dass sich beide Seiten persönlich angegriffen fühlen.

Ermuntern, nicht bevormunden: Der Erkrankte sollte (sanft, aber beharrlich) ermuntert werden, eine geregelte Tagesstruktur (Körperpflege, Essen, Spaziergang etc.) einzuhalten. Man darf ihm aber nicht seine Autonomie nehmen, ihn engmaschig kontrollieren und ihn bevormunden.

Keinen Druck erzeugen: Erkrankten Druck zu machen, endlich wieder gesund zu werden, ist kontraproduktiv. Druck verschlechtert das Befinden. Man sollte den Erkrankten zwar einladen, mit der Familie bei gewissen Aktivitäten mitzumachen, ohne ihn jedoch zu drängen. Gibt er dem Drängen nach und überfordert ihn die anschließende Unternehmung, wird ihn dies von künftigen Aktivitäten erst recht abhalten und die Erkrankung damit verschlimmern. Zu hohe Erwartungen lassen sich nicht erfüllen und der Erkrankte erlebt sich als unfähig, seine Rollen im Familienverband auszufüllen. 

up

Kein Krankheitsgewinn 

Menschen mit Depressionen versuchen aus ihrer Erkrankung keinen Gewinn zu ziehen. „Wenn man einem depressiv Erkrankten unterstellen würde, dass er in Wirklichkeit einfach nicht will, dann würde man ihm Unrecht tun. Er hat nicht die Absicht, Vorteile für sich herauszuschlagen. Er würde ja gern vieles tun können, aber er kann eben nicht. Das ist Teil der Erkrankung“, sagt Puster. Man sollte daher keinesfalls unterstellen, dass der Betroffene simuliert oder sich über seine Erkrankung gar lustig machen. 

up

Gesunder Haushalt 

Ein Erkrankter im Haushalt kann zwar die Stimmung trüben, doch ist es wichtig, dass man sich klar macht: Der Betroffene ist zwar erkrankt, der Rest der Familie ist aber gesund und soll sich in seiner Lebensfreude nicht einschränken. Natürlich gilt es Rücksicht zu nehmen, jedoch sollte man sich als Angehöriger nicht so verhalten, als wäre man selbst krank. Es gilt einen gesunden Haushalt zu bewahren, in dem die Freude am Leben nicht allgemeiner Trübseligkeit oder Trauer weicht.

Der Umgang mit einer depressiven Person kann sehr mühsam und belastend sein. Damit der Partner gesund bleibt, sollte er gut auf sich achten. Auszeiten vom Alltag können helfen, Kraft zu tanken, ebenso Gespräche mit Freunden und das Ausüben von Hobbies. Im Bedarfsfall sollte man sich professionelle Hilfe holen oder sich in Selbsthilfegruppen für Angehörige austauschen. „Oft merken Angehörige ihre eigene Belastung und Überforderung erst, wenn der Partner wieder gesundet“, sagt Puster. 

up

Trennen oder gemeinsam durchstehen 

Bei langanhaltenden, unbehandelten Depressionen besteht die Gefahr, dass sich Paare trennen und Familien getrennte Wege gehen. „Das kann passieren, vor allem wenn die Partnerschaft ohnehin nicht mehr funktioniert hat. Eine Trennung ist aber keinesfalls eine zwangsläufige Folge einer Depression. Wenn sich der Partner mit der Erkrankung auseinandersetzt und den Erkrankten auch weiterhin als den Menschen sieht, den er immer kannte und ihn nicht vernachlässigt, kann es durchaus gelingen, die Partnerschaft aufrecht zu erhalten“, erklärt Puster. Für viele lohnt sich die Mühe: Paare, die eine Erkrankung eines der Partner gemeinsam durchstehen und meistern, gehen in ihrer Partnerschaft oft gestärkt aus der Krise hervor.

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2019


Bild: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 05. Juni 2019