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Alte Frau im Rollstuhl

Auf möglichen Pflegefall vorbereiten

Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind pflegebedürftig. Dennoch wird dieses Thema weitgehend tabuisiert. Nur in wenigen Familien wird zeitgerecht darüber gesprochen, was im Falle eines Pflegefalls zu tun ist. Man kann und sollte sich aber möglichst frühzeitig mit diesem Thema auseinandersetzen, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. 

Das Szenario eines möglichen Pflegefalls wird in den meisten Familien verdrängt. Da kaum über das Thema Pflege gesprochen wird, werden auch keine Vorbereitungen getroffen. Wenn das Unerwartete dennoch eintritt und beispielsweise ein Elternteil einen Schlaganfall erleidet und nach der Akutversorgung aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen wird, muss man trotz der Betroffenheit und des Schocks in der Familie nun in kürzester Zeit auf die neue Situation reagieren. Das überfordert viele.

Man sollte daher möglichst frühzeitig im Familienverband besprechen, was im Erkrankungsfall, oder bei steigendem Betreuungs- und Pflegebedarf eines Familienmitglieds getan werden soll; ob man Pflege und Unterstützung zu Hause organisieren kann und will. Zumindest diesen Punkt sollte man unbedingt klar ansprechen und Vereinbarungen treffen. Eine solche Vereinbarung setzt voraus, dass man sich bewusst macht, ob man selbst zur Pflege bereit und in der Lage ist und in welchem Ausmaß. 

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Wissen hilft und schafft Sicherheit 

Angehörige, die daheim betreuen oder pflegen haben in der Regel keine Kenntnisse, wie man z.B. körperschonend pflegt und wie man mit den verschiedenen Erkrankungen umgeht. In der Regel lernt man diese Tätigkeiten nicht, sondern erwirbt bestimmte Fähigkeiten, indem man sie tut. „Spezifische Veranstaltungen und Kurse, etwa zum Thema körperschonende Pflege können hier unterstützen. Wir in der Caritas-Servicestelle Pflegende Angehörige bieten auch eine Kursreihe zum Thema Demenz für pflegende Angehörige an. Neben Hintergrundinformationen zur Krankheit werden auch Kommunikationsmöglichkeiten mit Erkrankten aufgezeigt. In Kursen wird nicht nur Wissen vermittelt, sie geben auch die nötige Sicherheit. Bestimmte Dinge muss man einfach wissen, etwa, dass eine vermeintliche Boshaftigkeit des Betroffenen Teil der Erkrankung sein kann und nicht persönlich genommen werden sollte“, sagt Stefanie Weigerstorfer, BA, von der Servicestelle Pflegende Angehörige der Caritas für Betreuung und Pflege in Linz. 

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Externe Hilfe bei Pflege zu Hause 

Wird die Pflege daheim durchgeführt und nicht in einem Alten- und Pflegeheim, kann man sich von professionellen Diensten unterstützen lassen. Es bestehen verschiedene Möglichkeiten externer Hilfe, wie zum Beispiel die stundenweise Betreuung durch mobile Pflegedienste, Mahlzeitendienste, ein Besuch in einem Tageszentrum oder etwa die Inanspruchnahme eines Kurzzeitpflegeplatzes, um ein paar Tage Auszeit nehmen zu können. 

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Den Überblick behalten 

Gerade in der ersten Zeit, in der Pflege und Betreuung organisiert werden muss, ist mitunter viel Geduld nötig. Kompetenzen – und damit Geld und Hilfe – sind auf verschiedene Behörden und Organisationen aufgeteilt. Es ist eine Herausforderung, hier den Durchblick zu bekommen. Manche Betroffene sehen sich dem nicht gewachsen, Sie sind in dieser schwierigen Zeit emotionell, zeitlich und kräftemäßig überfordert und geben auf, sich um Hilfe und Förderungen zu bemühen. Weigerstorfer: „Das muss aber nicht sein, jedermann kann und sollte sich Hilfe holen. Unterstützung bieten hier die Sozialberatungsstellen, die es in ganz Oberösterreich gibt. Dort wird man umfassend informiert: Über finanzielle Unterstützungen, Pflegekarenz, Pflegeteilzeit und vieles mehr. Und es wird einem auch beim Ausfüllen der Formulare geholfen. Die Adressen der Sozialberatungsstellen, sowie eine Übersicht von Angeboten rund um das Thema Betreuung und Pflege findet man auch auf der Plattform www.pflegeinfo-ooe.at. Auf dieser Plattform sind Informationen einfach und verständlich aufbereitet. Zudem gibt es auch einen Kostenrechner für die mobilen Pflegedienste, sowie einen Rechner zur Einschätzung, ob eine Pflegegeldbeantragung Sinn macht.“ 

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Pflegegeld rasch beantragen 

Wichtig! Das Pflegegeld soll die Mehrkosten abdecken, die mit Eintritt eines Pflegebedarfes entstehen (z.B. Hilfsmittel) und ist eine sehr zentrale Leistung. Denn viele weitere mögliche Förderungen hängen von der Bewilligung des Pflegegeldes ab. Pflegegeld muss beim zuständigen Sozialversicherungsträger der pflegebedürftigen Person gestellt werden werden und wird an die pflegebedürftige Person ausbezahlt. Den Antrag auf Pflegegeld bekommt man beim Sozialversicherungsträger, bei jeder Sozialberatungsstelle und in den Gemeindeämtern. Verschlechtert sich der Zustand der Pflegeperson, kann man jederzeit eine Änderung der Einstufung beantragen. 

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Kampf ums Pflegegeld 

Der Pflegebedarf wird in sieben Pflegestufen festgelegt. Je höher die Einstufung, desto höher das Pflegegeld. Die Einstufung erfolgt durch Begutachtung durch einen Arzt oder eine diplomierte Pflegekraft. Die Sozialversicherungsträger beauftragen diese, um in der eigenen Ordination oder im Zuhause des Pflegebedürftigen ein Gutachten zu erstellen. Dieses Gutachten ist die Grundlage für die Pflegegeldeinstufung.

Der/die pflegende Angehörige hat die Möglichkeit für ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Gutachter. „Oft braucht es dieses Vier-Augen-Gespräch auch, um offen sprechen und um die alltägliche Situation schildern zu können. Denn mitunter bietet sich dem Gutachter ein falsches Bild, vor allem wenn die pflegebedürftige Person versucht, sich als fit und gesund darzustellen. Mitunter sind die Patienten bei diesen Besuchen wie ausgewechselt. Ist die pflegebedürftige Person im Raum, kann man dem Gutachter schwer die wahre Situation schildern, ohne deren Würde zu verletzen“, weiß Weigerstorfer.

Die tatsächlich verrichteten Pflegeleistungen werden bei der Berechnung des Pflegegeldes berücksichtigt. Zur Beweisführung dieser Leistungen sollte man diese dokumentieren. Mobile Dienste tun dies sehr genau, dies hilft bei der Einstufung. Aber auch jeder pflegende Angehörige sollte in einem Pflegetagebuch festhalten, wobei unterstützt wurde, um einen Nachweis zu haben. Man sollte beispielsweise folgende Tätigkeiten, deren Häufigkeit und Dauer dokumentieren:

  • Tägliche Körperpflege
  • Zubereitung und Einnehmen der Mahlzeiten
  • das An- und Auskleiden
  • das Waschen
  • Spaziergänge (Mobilitätshilfe)
  • Verrichtung der Notdurft
  • Reinigung bei Inkontinenz
  • Verabreichung von Medikamenten.

 

Viele Menschen sind mit der Einstufung unzufrieden und/oder fühlen sich vom Gutachter missverstanden. Ist man mit der Pflegestufe nicht einverstanden, kann man sich zum Beispiel bei der Arbeiterkammer beraten lassen. „Wir möchten hier Menschen ermutigen, die Pflegestufe erneut überprüfen zu lassen, wenn sie die Entscheidung nicht nachvollziehen können“, so Weigerstorfer. Während viele um eine angemessene Einstufung kämpfen, gibt es auch Menschen, die auf das zustehende Pflegegeld verzichten. 

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Alten- und Pflegeheim oder zu Hause bleiben 

Anträge für einen Platz in einem Alten- und Pflegeheim müssen beim zuständigen Magistrat oder der Bezirkshauptmannschaft eingebracht werden. Nicht jeder, der für einen Platz angemeldet wird, bekommt diesen auch sofort. Mit Wartezeiten ist vor allem dann zu rechnen, wenn nach Begutachtung der Pflegesituation diese nicht als „dringlich“ eingestuft wird. Es gibt keine Wartelisten, die nach dem Zeitpunkt der Anmeldung abgearbeitet werden, sondern die Plätze werden nach Dringlichkeit vergeben.

Achtung! Ein Platz in einem Alten- und Pflegeheim ist grundsätzlich erst ab der Pflegestufe 4 möglich. Die Kosten trägt der Pflegling von seiner Pension und seinem Pflegegeld. Jedem Heimbewohner bleiben allerdings 20 Prozent seiner Pension sowie die gesamten Sonderzahlungen und ein monatliches Taschengeld von derzeit 44,30 Euro (10 Prozent der Pflegegeldstufe 3). Die darüberhinausgehenden Kosten trägt der zuständige Magistrat oder das Bundesland.

Pflegebedürftige haben mitunter Angst vor einer Übersiedelung ins Heim, denn das bedeutet eine gravierende Änderung des Lebensumfeldes. „Oft ist aber die stationäre Pflege im Heim sicher die bessere Lösung, vor allem wenn die Erkrankung schwer und die Pflege daheim kaum mehr möglich ist. Wer die Betreuung in einem Alten- und Pflegeheim erwägt, kann auch eine Art Schnupperbesuch in Form einer Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen, in der man vorrübergehend bis maximal drei Monate in einem Alten- und Pflegeheim wohnen kann. Nach so einem Aufenthalt erkennen viele, dass sie Vorurteile hatten und es ihnen in der Realität gut gefällt“, sagt Weigerstorfer. Der Aufenthalt ist allerdings zur Gänze selbst zu bezahlen. 

Weitere Informationen rund um das Thema Betreuung und Pflege, sowie Unterstützungsleistungen, eine Übersicht zu finanziellen Förderungen und eine Vorlage für ein Pflegetagebuch findet man unter www.pflegeinfo-ooe.at

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2019


Bild: shutterstock


Die Situation pflegender Angehöriger - Teil 1

Zuletzt aktualisiert am 13. Juni 2019