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Mutter füttert Baby mit Fläschchen

Psychische Widerstandsfähigkeit ist nicht angeboren

Spricht man von der gesunden Entwicklung eines Kindes, denkt man meist an die körperlichen und geistigen Fortschritte. Zum Wohlbefinden gehört aber auch, dass das Kind psychisch gesund heranreift, dass es die Herausforderungen, die das Heranwachsen mit sich bringt, gut bewältigen kann und Resilienz, die psychische Widerstandkraft gegenüber Krisen, entwickelt. 

Die Fähigkeit als Erwachsener mit Rückschlägen, Misserfolg und Enttäuschungen umzugehen oder Belastungen in Familie, Beruf, Partnerschaft zu meistern, ist einem nicht in die Wiege gelegt, sondern ein komplexer Entwicklungsprozess. Jedes Kind bringt seine eigenen Voraussetzungen mit. Es braucht aber vom ersten Tag auf dieser Welt, Rückhalt, Unterstützung und Förderung durch Eltern und Umgebung, um sich mit und in der Welt zurechtzufinden. Psychische Gesundheit bedeutet, dass wir mit den täglichen Herausforderungen des Lebens – positiv oder negativ – gut zurechtkommen. 

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Emotionale, sichere Bindung als Basis 

Die emotional sichere Bindung und positive Beziehung zum Säugling ist von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung. „Die ersten drei Jahre sind die wichtigsten. Die Zeit danach, bis zum Alter von sechs, sieben Jahren, ist für das Kind ebenso prägend, denn darin entdeckt es die Welt und lernt wie sie funktioniert. In diesen Jahren verinnerlicht das Kind Muster und Glaubenssätze, die ihren Ursprung in den Erfahrungen haben, die es mit den Eltern und seiner Umgebung macht. Das Kind braucht Nestwärme und eine sichere Bindung. Seine Bedürfnisse müssen wahrgenommen, erkannt und angemessen erfüllt werden. Auch die Elternbeziehung ist bedeutend für die psychische Entwicklung“, sagt Prim. Dr. Michael Merl, Vorstand der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters im Kepler Universitätsklinikum Linz. 

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Individuelle Entwicklung 

Jedes Kind ist anders und entwickelt sich auf seine einzigartige Weise. Das eine ist von Beginn an eher zurückhaltend und vorsichtig, während das andere impulsiv und lebhaft „auf die Welt zugeht“. So wie sich das Lern- und Lebensumfeld Familie zeigt und gestaltet wird, hat es Einfluss darauf, wie sich ein Kind in der Welt sieht und fühlt sowie es die Umgebung wahrnimmt. Die für das psychische Gleichgewicht notwendigen Fertigkeiten und Eigenschaften entwickelt das Kind von Beginn an mit Unterstützung. Hier einige wichtigen Aspekte, was Eltern zur gesunden Entwicklung beitragen können:

  • Schutzfaktoren: Bedingungslose Liebe, Zuwendung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Zuverlässigkeit, Fürsorge und Schutz. „Ich sehe immer wieder Mütter, die beim Stillen ins Handy schauen und deren Aufmerksamkeit und Zuwendung nicht beim Säugling ist. Das Baby braucht aber immer wieder den Blickkontakt beim Stillen oder der Fütterung mit dem Fläschchen. Der Dialog in dieser Situation besteht im liebevollen Zureden und der Bestätigung, dass es gut ist. Wenn das fehlt, gehen dem Säugling wichtige emotionale Informationen verloren. Und daraus können Glaubenssätze wie ‚Ich bin nicht wichtig‘ entstehen“, sagt Merl.
  • Unterstützung, Förderung: Hilfe bei der Entwicklung seiner Fähigkeiten, Förderung der Eigenaktivität. Dem Kind eine anregende Umwelt bieten, in der es spielen und mit seiner Neugier und Experimentierfreudigkeit Erfahrungen machen kann. Das Spiel ist auch Probehandeln für das wirkliche Leben.
  • Sinnvolle Regeln und nachvollziehbare Grenzen: Sie geben dem Kind Halt, Sicherheit und Orientierung. „Nur in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber lernt das Kind Emotionen zu lesen, sich auszudrücken und mitzuteilen beziehungsweise sieht es, was das eigene Verhalten beim Gegenüber auslöst. Wenn ein Kind die Welt vornehmlich via Bildschirm kennen lernt und erklärt bekommt, wird es sie nicht richtig verstehen können, weil ein Bildschirm keine Reaktionen zeigt. Kleinkinder können noch nicht unterscheiden, was real und was virtuell ist“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater.
  • Regelmäßigkeit, Struktur und Rituale: So gibt zum Beispiel ein Zu-Bett-Geh-Ritual Halt und Geborgenheit.
  • Zutrauen und Vertrauen
  • Befähigt, sein Leben zu meistern
  • Resilienz kann man lernen und üben. Folgende Fähigkeiten soll ein Kind erlernen und entwickeln, um später schwierige Lebenssituationen ohne seelische Störung meistern zu können:
  • Selbstwirksamkeit: Es ist ein angeborenes Bedürfnis durch das eigene Tun, etwas bewirken zu können. Wenn das Baby lächelt, dann lächelt die achtsame Mutter zurück, wenn es schreit, wird es getröstet und das zugrunde liegende Bedürfnis gestillt.
  • Selbstwertgefühl: Das kann ein Kind nur entwickeln, wenn es sich mit seinen Stärken und Schwächen geliebt fühlt, wenn es Aufmerksamkeit erhält und sich die Eltern für das Kind interessieren.
  • Selbstvertrauen: Zuversicht, mit Problemen fertig zu werden und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lernt der Nachwuchs durch Lob und Ermutigung. Auf Basis des Selbstvertrauens, wird das Kind mutig die „Welt erobern“ und auch Vertrauen zu anderen entwickeln, Enttäuschungen aushalten und Misserfolge verkraften.
  • Selbständigkeit: Das ist oft eine Gratwanderung für die Eltern: „Was traue ich dem Kind zu, wo braucht es meinen Schutz?“ Dem Kind Gelegenheiten geben, sein Können anzuwenden und zu nutzen, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. „Ich bin (noch) da!“, ist eine wichtige Botschaft an das Kind.
  • Durchhaltevermögen: Kinder können beharrlich sein, wenn sie ein Ziel verfolgen. Sie probieren „ewig“ herum, bis sie etwa die Jacke selbst zuknöpfen können. Dazu soll man den Kleinen Raum und Zeit geben und es für seine Ausdauer loben.
  • Konflikte aushalten und lösen: Ob und wie ein Kind mit Konflikten umgeht, lernt es in der Umgebung, in der es aufwächst. Konflikte in der Familie nicht verstecken oder verdrängen, sondern wertschätzend und respektvoll im Umgang „zulassen“ und lösen. Auch verschiedene Meinungen dürfen sein. So lernt ein Kind Kompromissfähigkeit beziehungsweise lösungsorientiert zu denken und handeln. Manchmal braucht es dazu auch Zeit und Geduld.
  • Mitgefühl und Empathie: Beides sind Voraussetzungen, um gerecht und fair zu agieren, sich in andere hineinversetzen zu können, Rücksicht und Fürsorge walten zu lassen, Absichten und Gefühle anderer wahrzunehmen und zu verstehen. Diese Fähigkeiten hängen mit der Selbstempfinden und der Ich- sowie der sozialen Entwicklung des Kindes zusammen. Nähe und Zuwendung, und dass seine Bedürfnisse achtsam behandelt werden, sind notwendige Erfahrungen für die Entwicklung von Empathie. So entsteht im Kind auch ein inneres Bild von Wertehaltungen, die wichtig sind im Umgang miteinander.
  • Gute Betreuungsangebote, Schule, Freizeitmöglichkeiten, Freunde etc. helfen dem Kind, sich gesund zu entwickeln. Ein Trauma gefährdet das seelische Wohl: Neben Erfahrungen von Krieg, Flucht, eigener körperliche Erkrankung oder dem Verlust von Bezugspersonen sind vor allem psychosoziale Risikofaktoren wie die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds, schlechte Wohnverhältnisse, finanzielle Not, Gewalt und fehlender Zusammenhalt in der Familie zu nennen. Der daraus entstehende Stress hemmt Kinder in ihrer Entwicklung. 
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Auffälligkeiten ernst nehmen

  • Bei Jugendlichen können durch Hormonschübe Schwankungen von Stimmung und Antrieb, Reizbarkeit und unangepasstes Verhalten oder verstärkte Selbstzweifel schon hin und wieder vorkommen. Das ist alterstypisch und geht meist vorüber. Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zeigen aber psychische Auffälligkeiten oder Störungen, die allerdings nicht alle behandlungswürdig sind. Merl rät bei folgenden Anzeichen zum Besuch beim Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderpsychologen oder einer Familienberatungsstelle:
    • Sozialer Rückzug und soziale Ängste
    • Körperliche Symptome wie immer wiederkehrende Kopfschmerzen oder Bauchweh
    • Suchtartiges Verhalten: Substanzen, neue Medien, Magersucht, Bulimie etc.
    • Selbstverletzendes Verhalten wie Ritzen
    • Suizidäußerungen und Lebensüberdruss-Gedanken
    • Wenn man als Eltern das Gefühl hat, das Kind „nicht mehr zu erreichen“, keinen Kontakt mehr zu ihm findet
    • Wahrnehmungsänderung: paranoide, psychotische Äußerungen
    • Unerklärlicher Abfall der Schulleistungen
    • Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, Aggressivität, Apathie, völliges Desinteresse etc.
    • Abnahme des Körpergewichts oder Heißhungeranfälle sowie Veränderung im Essverhalten oder Essensverweigerung

  • Eltern sollen auch in Krisen versuchen, in Kontakt mit dem Kind zu bleiben und ihm zu vermitteln: „Ich bin da, offen für ein Gespräch. Ich begleite und unterstütze dich. Du bist nicht allein!“
  • Keiner braucht sich zu schämen, wenn sein Kind depressiv ist, eine Angst- oder Essstörung etc. entwickelt. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um frühestmögliche professionelle Hilfe. Damit kann vielleicht die Manifestation einer psychischen Erkrankung verhindert werden.


Mag. Christine Radmayr

Mai 2019


Bild: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 15. Mai 2019