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Frau sitzt im Klosterpark

Auszeit im Kloster

Fast jeder stöhnt unter den Belastungen des Alltags und sehnt sich nach Ruhe und Erholung. Da aber auch Urlaub im klassischen Sinn anstrengend sein kann, finden Klöster als Ort der Einkehr immer mehr Zulauf. Doch findet man hier immer die erhoffte Entspannung? 

Marie öffnet die Tür zu ihrem Zimmer. Bett, Tisch, Sessel, Kasten, Nachttisch. Spartanisch eingerichtet, würde man sagen. „Klösterlich“ heißt es im Prospekt. Dieses Zimmer wird für eine Woche Maries Zuhause. Sie freut sich auf die Tage der Stille und Einsamkeit. Keine Arbeit, keine Familie, kein Alltag. Die zweifache berufstätige Mutter gönnt sich einmal im Jahr eine Auszeit im Kloster. „Kneippen und Meditieren“ hat sie diesmal gebucht. Sie nimmt sich bewusst diese Zeit der Einfachheit, des Alleinseins, um sich wieder zu spüren, um Kraft zu tanken. Nebenan ist Jasmin eingezogen. Sie ist Anfängerin, was das Einsiedlerdasein anlangt und unsicher. Was erwartet sie hier? Was bringt ihr das? Ihre Freundin hat sie überredet, statt eine Woche Urlaub auf Ibiza eine Woche „Fasten im Kloster“ zu buchen. Sie, die erfolgreiche Unternehmerin, könne nicht ständig auf Touren sein und nie zur Ruhe kommen. Da steht sie nun und weiß nicht, ob sie nicht wieder abreisen soll. Ein wenig Fasten schadet sicher nicht, aber das mit dem Glauben ist nicht so Jasmins Sache. Naja, da muss man ja nicht mitmachen, hat es geheißen. Also mal schauen, nicht gleich aufgeben, das kennt sie ja aus dem Berufsleben. 

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Stress im Alltag

Computer, Tablet, Handy

„Das hältst du nie durch“, haben Freunde von Robert gesagt. Gemeint haben sie: „Das hältst du nie durch, eine Woche auf deinen Computer und dein Handy zu verzichten.“ Für den 70-Stunden-Manager, der gerne Neues ausprobiert, Ansporn genug, im Kloster einzuchecken. Man liest ja auch immer wieder von „Digital Detox“ – ein neuer Trend, den es auszuprobieren gilt. Dass er vielleicht auch Seiten an sich selber kennenlernt, die er mit Arbeit erfolgreich überdeckt hat, kommt Robert noch nicht in den Sinn. Im Moment sieht er das „Abenteuer Kloster“ und die unausgeprochene Wette mit seinen Freunden. Drei unterschiedliche Menschen, drei unterschiedliche Herangehensweisen, drei unterschiedliche Erwartungen und eine Gemeinsamkeit: Alle sind im Alltag gestresst mit all den körperlichen und psychischen Begleiterscheinungen. Druck und Stress werden offenbar immer mehr. „Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass bis 2030 Depressionen und Ängste die Volkskrankheit Nummer 1 werden. Viele spüren bereits jetzt, dass ihr Lebensstil so nicht mehr lange ertragbar ist, dass sie Raubbau an Körper und Seele betreiben“, wundert sich Gesundheitspsychologin Dr. Claudia Hockl aus Enns nicht, dass bei vielen die Sehnsucht nach Einfachheit, Erholung und Ruhe aufkommt. Und wo stillt man diese am besten? Richtig, im Kloster. Egal ob gläubig oder nicht. Die einen fahren aus einem Bedürfnis heraus dorthin, die anderen, weil sie aus Abenteuerlust in ein völlig anderes Leben eintauchen.“ 

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Regeln und Verzicht

Klöster galten seit jeher als Ort der Gastfreundschaft. „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus (...)“, heißt es etwa in den Benediktusregeln. So öffneten Klöster immer öfter ihre Pforten und entdeckten – auch aus dem Zwang, ihre Einrichtungen zu erhalten – einen neuen Wirtschaftszweig. Im Verein „Klösterreich“ etwa haben sich 26 Klöster in Österreich und den benachbarten Ländern zusammengetan: Fasten, Meditieren, Pilgern, Glauben erleben bis hin zu Exerzitien sind nur einige Angebote. Das oft karge Leben, der Verzicht – das Ordensleben ist für viele nicht vorstellbar, wird aber ob seiner Exotik bewundert. Dr. Hockl sieht mehrere Gründe, warum auch ungläubige oder nichtpraktizierende Menschen „Urlaub“ im Kloster machen. „Klöster sind authentisch. Es gibt strenge Regeln und Disziplin, das brauchen manche Menschen, um abschalten zu können. Man könnte auch in ein Wellnesshotel fahren und auf Computer und Handy verzichten, aber da braucht es sehr viel Selbstdisziplin. Im Kloster richtet man sich nach den Regeln.  

Und dann gibt es noch die Spiritualität und die Sehnsucht nach einem Glauben, die zwar hinterfragt werden, aber sehr wohl vorhanden sind.“ Auszeit – das klingt eigentlich nach Erholung, nach Ausatmen, nach Loslassen, nach Kraft tanken. Es kann aber auch ganz anders kommen. Dr. Hockl: „Die Frage ist, ob ich nach einer Woche befreit, erholt und voller Kraft nach Hause fahre oder ob etwas aufbricht, mich Sorgen und Ängste plagen. Wie effektiv die Zeit ist, hängt vom Grad der Erschöpfung ab.“ Gesunde Menschen können sich der Einfachheit der Dinge erfreuen, schweigend durch den Wald gehen, Achtsamkeit entdecken, „manche sind aber so überfordert, dass Entspannung Ängste auslöst oder Gefühle hervorruft, vor denen man davonlaufen möchte.“ Es tauchen dann Fragen auf wie „Bin ich am richtigen Weg?“ oder „Kann ich noch durchhalten?“. Fragen, die man sich im Alltag nicht stellt, aber stellen sollte. Wer es selbst am Wochenende nicht schafft, loszulassen oder sich was zu gönnen, für den bringt eine Woche Kloster nicht mehr den gewünschten Erholungseffekt. Da braucht es schon mehr. Deshalb appelliert die Psychologin, die Erwartungen an eine Auszeit im Kloster nicht allzu hoch zu stecken. „Lieber ohne Ziel hinfahren, lieber nur die Erfahrung machen, was so eine stille Zeit mit mir macht und dieses Erlebnis annehmen. Wenn ich 51 Wochen Raubbau an Körper und Seele betreibe, kann mich eine Woche auch nicht retten, aber: Es kann der Beginn einer Änderung im Alltag sein.“ Bei manchen bricht etwas auf, manche kommen verletzlicher nach Hause als erwartet und brauchen danach professionelle Hilfe, um nicht wieder in alte krankmachende Verhaltensmuster zu verfallen. Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist für Hockl ein zu hoher Anspruch als Ziel für eine Woche Auszeit. Die Fragen sollten kleiner sein: Was möchte ich mitnehmen aus dieser Woche? Was möchte ich im Alltag integrieren und wie schaffe ich das? 

Übrigens: Marie ist gestärkt und voller Tatendrang in ihren Alltag zurückgekehrt. Jasmin hat viel über sich nachgedacht, überraschend viele Gespräche mit einer Klosterschwester geführt und den Vorsatz mitgenommen, mehr auf sich selbst zu schauen. Robert hat sich so gar nicht zurechtgefunden. Die anfängliche Abenteuerlust ist einer einsamen, sorgenvollen Unruhe gewichen. Er wird sich entscheiden müssen, ob er sich dieser stellt und sich befreit oder sie weiter unter Kraftanstrengung unter Verschluss hält. 

 

Mag. Lisa Ahammer

September 2019 

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Kommentar 

Auszeit im Kloster_Kommentarbild_Dr. Claudia Hockl Gesundheitspsychologin „Klöster sind ein idealer Ort, sich aufs Wesentliche zu reduzieren. Das wird oft als Gegenpol zum hektischen Alltag als befreiend und erholsam empfunden.“

Dr. Claudia Hockl

Klinische- und Gesundheitspsychologin


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 02. September 2019