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Blumenwiese mit Schmetterling

Sie sterben leise

Sie haben keine lauten Fürsprecher, werden vielfach nicht geliebt und verschwinden nach und nach von der Erde. Die Rede ist von Insekten, die rund 80 Prozent der Nutzpflanzen bestäuben und damit auch für den Menschen von großer Bedeutung sind. 

Schmetterlinge sterben leise“, sagt Dr. Christian Wieser, stellvertretender Direktor des Kärntner Landesmuseums und als Zoologe und Botaniker Kärntens Insektenexperte. Mit den Schmetterlingen verschwinden viele andere Insektenarten. Das Ausmaß dieses Sterbens sei schwer zu quantifizieren, denn exakte Aufzeichnungen über Anzahl und Art der einzelnen Insekten gibt es in Kärnten erst seit 15 Jahren”, sagt Dr. Wieser. Vorher hat sich die Forschung mit den vielen kleinen Krabblern nicht in dem Ausmaß auseinandergesetzt, wie es heute geschieht. Internationale Studien und Schätzungen gehen von einem Rückgang von 80 Prozent in den vergangenen 30 Jahren aus.. 

Die Ursachen für das Insektensterben sind vielfältig, und doch auf einen Nenner zu bringen: Der Mensch mit der Intensivierung in alle Richtungen. Er nimmt den Insekten durch Verbauungen – sonnseitig ist sowohl für Mensch als auch Insekt die beliebteste Lage – ebenso die Lebensräume wie durch intensive Landwirtschaft mit Düngern, Pestiziden und Herbiziden. In Hausgärten sorgen mittlerweile kleine Roboter für einen gleichmäßig kurzen Rasen und lassen damit den Insekten kaum Lebensraum. 

Tote Biene

Die Öffentlichkeit hat die Biene und ihren Wert als Bestäuberin und damit für das Weiterleben des Menschen entdeckt. „Aber die Honigbiene ist nur ein kleiner Teil des Heeres an Bestäubern“, erklärt der Experte. Es sei natürlich erfreulich, dass nun wenigstens diese Tiere mit den Imkern eine Lobby haben, die sich für sie einsetze, und im Zuge dessen vielleicht auch andere Insekten bessere Überlebenschancen bekommen. 

Honigbienen seien für Obstkulturen, die größer als 20 Quadratkilometer sind, enorm wichtig. Der Mensch brauche das Honigbienenheer heute zur Bewirtschaftung seiner Monokulturen. Doch ohne intensivierte Flächen fände die Natur auch mit weniger berühmten Arten das Auslangen, meint der Experte. Denn zahlreiche Insekten, wie Wildbienen, Käfer, Fliegen oder Schmetterlinge, sind ebenso fleißige und verlässliche Bestäuber und für den Weiterbestand vieler Pflanzen genauso wichtig wie die berühmte Kollegin. Rund 80 Prozent der Nutzpflanzen werden von den unterschiedlichsten Insekten bestäubt und liefern damit die Nahrung für Mensch und Tier. Insekten sind auch ein wichtiger Teil der Nahrungskette für andere Tierarten, die dadurch ebenfalls Probleme mit dem Überleben bekommen. Dazu zählen heimische Vogelarten ebenso wie Fledermäuse oder Reptilien. 

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Keine blühenden Wiesen

Klassische Insektizide wirken unter anderem als Häutungshemmer, erwischen viele Tiere im Larvenstadium und führen so unweigerlich zu ihrem Tod. Großflächiges Spritzen von Ackerflächen oder Obstplantagen hat durch Wind und Thermik Auswirkungen auf die nähere und weitere Umgebung. So werden – je nach Wetterlage – aufgesprühte Mittel, wie Blattdünger oder Insektizide, in naturbelassene Lagen verfrachtet und töten großflächig Insekten. 

„Das Schlimmste für viele Insekten, vor allem Schmetterlinge, ist die Stickstoffdüngung“, sagt Dr. Wieser. Mit einer Fuhre Gülle oder künstlichem Stickstoffdünger bringt man fast alle Raupen von Tagfaltern auf einer Wiese um. 

Die Blumenwiesen, die Bauern früher zweimal im Jahr mähten und zu Heu trocknen ließen, gibt es kaum mehr. Sie sind im Vergleich zu den heute meist produzierten Grünsilos wirtschaftlich uninteressant. Das Gras wird nun mehrmals im Jahr gemäht, gehäckselt und siliert, bevor nur eine Pflanze zum Blühen kommt. Dabei werden auch gleich die wenigen dort lebenden Insekten mitverarbeitet. Auf einem intensiv bewirtschafteten Feld leben nur noch zwei bis drei sehr robuste Arten. Im Vergleich dazu finden sich auf einer natürlich kultivierten Fläche rund 200 verschiedene Schmetterlingsarten, erzählt Dr. Wieser. 

Raupe

Monokulturen sorgen nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Wald für Artenarmut. Über standortfremde Fichtenmonokulturen freut sich in erster Linie der Borkenkäfer. Für die Insektenvielfalt wären in Tieflagen aber lockere Mischwälder von Vorteil. Vor allem Eichenwälder bieten Insekten aller Arten ideale Bedingungen. 

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Weltweites Problem

Die geänderten Lebensräume machen auch der scheinbar so robusten Ameise zu schaffen. Dr. Wieser: „Ameise ist nicht gleich Ameise.“ Es stimme schon, dass sich die „normale“ Ameise so ziemlich alle Lebensräume erobert habe. Aber spezifische Arten, die bestimmte Bedingungen brauchen, bleiben auf der Strecke. 

Ameise

Die Lichtverschmutzung in der Nacht ist ein großes Problem für nachtaktive Insekten. „80 Prozent der Schmetterlingsarten sind nachtaktiv“, erklärt Dr. Wieser. Ist es durch die starke Beleuchtung zu hell, werden sie nicht mehr aktiv und verhungern. Oder sie bleiben im Lichtkegel an künstlichen Beleuchtungskörpern „kleben“ und werden in der Früh von Vögeln gefressen. 

Marienkäfer

Auch das Insekt ist des Insekts Feind. So haben Neozoen, eingewanderte Arten, keine natürlichen Feinde und verdrängen die heimischen. Ein Beispiel dafür sind die asiatischen Marienkäfer, die zur natürlichen Schädlingsbekämpfung in Glashäusern importiert und in großen Massen verkauft wurden. Sie entkamen und breiteten sich in ganz Europa aus. Finden sie zu wenig Blattläuse, die zu ihrer Hauptnahrung zählen, fressen sie die heimischen Artgenossen. „Der Sieben-Punkt-Marienkäfer ist in vielen Gebieten schon verschwunden“, erklärt Dr. Wieser. 

Das Insektensterben ist ein weltweites Problem. Der Experte reist in alle Erdteile und beobachtet das Verschwinden von Arten. Denn der Landraub durch landwirtschaftliche Monokulturen ist nicht auf Europa beschränkt. 

Prognosen wagt er keine zu stellen. „Wir wissen ja auch nicht wie sich das Klima entwickelt, auch das hat Einfluss auf die Flora und Fauna“, meint er. Aber das generelle Sterben der Insekten sei nicht mehr umzukehren, man könne die Situation lediglich kleinräumig verbessern. 

So schafft der Umstieg auf Biolandbau in einzelnen Regionen und Bereichen gesunde Nahrung und auch Lebensraum für Insekten. Wer einen Garten besitzt, kann auf Gifte verzichten, heimische Sträucher anstelle von Thujenhecken pflanzen und wenigstens einen kleinen Bereich der Unordnung und natürlichen Entwicklung überlassen. Die Welt und auch die Artenvielfalt kann man damit nicht mehr retten, aber dem einen oder anderen Insekt einen Lebensraum bieten.

 

Monika Unegg

Mai 2019

 

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Kommentar 

Sie sterben leise Kommentarbild Dr. Christian Wieser Kärntner Landeszoologe „Im Garten bedeuten weniger Ordnung und der Verzicht auf Gifte mehr Leben.“

Dr. Christian Wieser

Kärntner Landeszoologe und stellvertretender Direktor des Kärntner Landesmuseums


Bilder: shutterstock; privat



Zuletzt aktualisiert am 08. Mai 2019