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Zwei Frauen lernen

Lernen – ein Leben lang

Lernen sorgt für Zufriedenheit und das lohnende Gefühl, etwas geschafft zu haben. 
Das funktioniert in jeder Lebensphase, bis ins hohe Alter. 

Wer erfolgreich lernt, muss einige Mühen auf sich nehmen: Die Schaffung von neuen Synapsen und Verbindungen im Gehirn erfordert viel Energie. Doch die Anstrengung lohnt sich. Zwar macht ein Studienabschluss nicht automatisch glücklicher als ein Hauptschulabschluss, doch die grundsätzliche Bereitschaft, immer wieder etwas zu lernen, bringt sehr wohl Punkte auf der Zufriedenheitsskala. 

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Keine Festplatte

Am Beginn des Lernens steht die Aufnahme der Informationen über die Sinnesorgane. Diese werden anschließend im Gehirn verarbeitet und gespeichert – und zwar je nach Qualität im Ultrakurz-, Kurz- oder im Langzeitgedächtnis. Das Ultrakurzgedächtnis, auch sensorisches Gedächtnis genannt, speichert Informationen für Millisekunden bis Sekunden. Das Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis) hält Wissen länger, aber ebenfalls nur begrenzte Zeit fest. Dieser „Arbeitsspeicher“ hat lediglich eine bestimmte Aufnahmefähigkeit. Daher verblassen die hier gelagerten Informationen mit der Zeit, wenn sie den Übergang ins Langzeitgedächtnis nicht schaffen. Das Langzeitgedächtnis hingegen verfügt von Natur aus über unbegrenzte Speicherkapazitäten. Es wird also – egal wie viel wir lernen – nie „voll“ wie die Festplatte eines Computers. 

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Lernmythen

Damit eine Information gut im Langzeitgedächtnis verankert ist, müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden. Wenn wir etwas lernen, das mit positiven Erfahrungen und Glücksgefühlen verbunden ist, gehen die Inhalte direkt und ohne große Anstrengungen ins Langzeitgedächtnis. Das heißt aber nicht, dass Lernen grundsätzlich Spaß machen muss, um zu funktionieren, erklärt die Bildungsexpertin Univ-Prof. Mag. Dr. Ilse Schrittesser von der Universität Wien: „Dass Lernen Spaß machen muss, ist ein falscher Lernmythos. Lernen kann Freude machen und wird trotzdem immer wieder auch mühsam sein, Durchhaltevermögen verlangen und auch Frustration erzeugen.“ Dennoch sei es lohnend, in diesen Momenten nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen, was meist den erwünschten Erfolg bringe. Krisenhafte Momente, durch die man durch muss, gehören zu jedem Lernprozess einfach dazu. Daher ist es unrealistisch, von Lehrenden zu erwarten, dass sie einem von dieser Mühe entbinden. Das Verstehen von Zusammenhängen, die Übung von Fähigkeiten und die Schulung des Gedächtnisses können nicht nur spielerisch passieren, sondern sind tatsächlich Lernarbeit. 

Ein weiterer Irrglaube rund um den Wissenserwerb ist, dass manche Menschen unglaublich leicht zu lernen scheinen, während es anderen sehr schwer fällt. Das stimmt nicht, weiß Dr. Schrittesser: „Wenn wir rasch und scheinbar leicht etwas lernen, haben wir ausreichend Vorwissen und Vorerfahrungen mit einer Sache und können an diese Vorerfahrungen gut anknüpfen. Fehlen Vorwissen und Vorerfahrung, dann wird der Einstieg mühevoller – das heißt aber nicht, dass die einen mehr und die anderen weniger gut lernen.“ Daher sollte man in ein gänzlich neues Lerngebiet immer schrittweise sowie mit Geduld einsteigen und auch nachsichtig mit sich sein, wenn es mit dem Lernen nicht so schnell oder gut klappt wie erwartet. 

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Lernstrategien

Geduld ist aber nicht alles, wenn es um erfolgreiches Lernen geht. „Lernen braucht Gründe – nichts anderes ist ‚Motivation‘“, betont Dr. Schrittesser. Sich über sein Motiv zu befragen, ist daher ein guter Einstieg in den Lernprozess. Auch eine angenehme Lernumgebung und ausreichend Ruhe sind wichtig, um konzentriert zu lernen. Die Vermeidung von Zeitdruck fördert das Lernen ebenso wie das Büffeln gemeinsam mit anderen. Auch lautes Denken unterstützt den Lernprozess. Die Formulierung in eigenen Worten festigt die Beziehung und erzeugt Interesse – dem Schlüssel schlechthin zu erfolgreichem und befriedigendem Lernen. Wir merken uns gut, was wir erklären oder nacherzählen können und noch besser, was wir selbst machen. Je mehr Kanäle gleichzeitig bei der Aufnahme von Informationen angesprochen werden, desto besser sind diese im Gedächtnis verhaftet. Daher wird etwas Gelerntes besonders gut im Gehirn verankert, wenn man es anwendet und nicht nur bei anderen beobachtet. Denn dabei verknüpft das Gehirn mit der Information gleich einen ganzen Geschehensablauf. 

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Regelmäßig trainieren

Lernen braucht zudem meist Übung. Das Gedächtnis ist ein neuronales Netzwerk, das sich über viele Gehirnbereiche zieht. Beim Lernen entstehen in diesem Netz neue Verbindungen (Synapsen). Die Synapsen können sich ohne regelmäßiges Training aber auch wieder lösen. Wer dauerhaft etwas in seinem Gehirn verankern will, muss also üben und wiederholen. Doch geübt werden sollte nur, solange man ganz bei der Sache ist. Mechanisches „Einpauken“ ist kein Erfolgsrezept. Auch entspannende Pausen sind wichtig: „Oft stellt sich ein Verständnis gerade zu einem Zeitpunkt ein, wo wir uns nicht mehr direkt mit der Sache beschäftigen – plötzlich kommt der fruchtbare Einfall, das Aha-Erlebnis“, weiß die Lernexpertin Dr. Ilse Schrittesser. Wer Neues lernt, sollte sich zudem bewusst auf Irritationen und Unsicherheiten einlassen. Denn Lernprozesse sind kein reibungsloses Aufhäufen von neuem Wissen und Können. Man muss dabei Gewissheiten und mitunter sogar sich selbst in Frage stellen. 

Ältere Frau sitzt vor dem Computer und hat Handy in der Hand

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In jedem Lebensalter

Die Fähigkeit zu lernen, neues Wissen und neue Fertigkeiten zu erwerben, bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Solange wir leben, werden in unserem Gehirn stetig neue Nervenzellen gebildet und zwar vor allem im Hippocampus, jenem so wichtigen Bereich für das Lernen und die Gedächtnisbildung. Und weil Ältere auf Vorwissen und Erfahrung aufbauen können, lernen sie sinnvollen Stoff oft sogar besser als Junge. Um fit zu bleiben, braucht das Gehirn diese Anregungen: „Use it or lose it“, lautet hier die Devise. Wer seinen Geist nie erlahmen lässt, lernt und Neues ausprobiert, tut seiner mentalen Verfassung in jedem Lebensalter etwas Gutes!

 

Dr. Regina Sailer

 

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Kommentar 

Lernen - ein Leben lang Kommentarbild Univ. Prof. Mag. Dr. Ilse Schrittesser „Interesse ist der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen. Oft muss auch geübt werden – aber nur, solange man bei der Sache ist. Mechanisches Trainieren bringt wenig.“

Univ.-Prof. Mag. Dr. Ilse Schrittesser

Professur für Schulforschung und LehrerInnenbildung an der Universität Wien


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 03. Mai 2019