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Frau wird von Ärztin bei der Schulter untersucht

Komplexer Schmerz

Morbus Sudeck ist eine hochschmerzhafte Nerven- und Gelenkerkrankung mit einer ungewöhnlichen Symptomvielfalt. Das ist auch der Grund dafür, dass die Erkrankung oft erst sehr spät oder nur mit großen Fragezeichen diagnostiziert werden kann. 

Im Jahr 1900 hat der Hamburger Chirurg Paul Sudeck das nach ihm benannte komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) – Morbus Sudeck – entdeckt, das Medizinern noch mehr als 100 Jahre später Rätsel aufgibt. „Morbus Sudeck tritt oft nach Knochenbrüchen auf, und Patienten kommen meist erst Monate später wegen anhaltendem, starkem Schmerz, der über die übliche Heilungszeit eines Knochenbruches weit hinausgeht, zu uns. Viele von ihnen klagen zu diesem Zeitpunkt über eine diffuse Überempfindlichkeit gegen Berührungen“, sagt OA Dr. Markus Wimmer von der Neurologischen Schmerzambulanz des Kepler Universitätsklinikum Linz. Die Alarmglocken schrillen bei ihm, wenn er bei Untersuchungen eine veränderte Hautfarbe der betroffenen Hand oder des Fußes feststellt, Schwellungen, verminderten Bewegungsumfang, weniger Kraft, Schwitzen oder eine Veränderung von Haaren und Nägeln.  

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Zwischen 40 und 60

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom betrifft etwa zwei bis 20 Menschen von 10.000, wobei die Krankheit bei Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren besonders häufig auftritt. Risikofaktoren sind aber nicht nur Knochenbrüche und damit verbundene Operationen, sondern auch rheumatologische Erkrankungen und starke Schmerzphasen nach Unfällen. „Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass das CRPS eine Art überschießende, entzündliche Antwort des Körpers auf ein Schmerz-Trauma ist. Wie bei allen chronischen Schmerzerkrankungen können aber auch psychische Faktoren beteiligt sein“, erklärt Dr. Wimmer. Die ungewöhnliche Symptomvielfalt und die begleitenden Gefühls- und Bewegungsstörungen machen es nicht einfach, eine klare Diagnose zu stellen. Dazu kommt, dass die oft über Monate anhaltenden Schmerzen von der Umwelt nicht immer ernst genommen oder sogar als eingebildet abgetan werden. „Dadurch dauert es meist mehr als drei Monate, bis die Betroffenen endlich eine Schmerzambulanz aufsuchen“, bedauert OA Dr. Markus Wimmer. 

So unterschiedlich ausgeprägt Morbus Sudeck auftritt, so individuell gestaltet sich auch die Therapie durch Fachärzte wie Chirurgen, Orthopäden, Neurologen oder Anästhesisten. Generell gilt: Je früher das komplexe regionale Schmerzsyndrom erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Patienten müssen sich aber leider oft auf sehr lange Behandlungszeiträume einstellen. Erfahrungen zeigen, dass bei 70 Prozent der Betroffenen die Beschwerden im ersten Jahr deutlich nachlassen, fünf Prozent sogar vollständig geheilt werden können. Ein Viertel der Betroffenen muss aber auch nach einem Jahr noch behandelt werden.  

In der Therapie wird vor allem die Entzündung durch Schmerzmittel oder Kortison behandelt. Weil vielfach ein Knochenabbau im betroffenen Gelenk besteht, kommen auch Medikamente gegen Osteoporose zum Einsatz. Ergänzend zur Schmerzbehandlung ist es wichtig, durch Physio- oder Ergotherapie eine Aktivierung des betroffenen Körperteils zu erreichen. Auch Antidepressiva werden in der Therapie eingesetzt, um eine Veränderung der Schmerzschwelle zu unterstützen. Am allerwichtigsten ist aber, dass die Krankheit so bald als möglich erkannt wird, denn damit erhöht sich die Chance auf Heilung deutlich.

 

Mag. Conny Wernitznig

April 2019

 

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Kommentar

Komlexer Schmerz Kommentarbild OA Dr. Markus Wimmer „Je früher begonnen wird, desto besser sind die Heilungschancen. Oft dauert es drei Monate, bis Patienten in die Schmerzambulanz kommen.“

OA Dr. Markus Wimmer

Facharzt für Neurologie, Kepler Universitätsklinikum, Linz

 

Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 10. April 2019