DRUCKEN
Baby liegt im Bett und schläft mit offenen Armen

HWS-Syndrom: Trotzdem gut schlafen

Bei ständigen Schmerzen im Nacken sollte man überprüfen, ob man die Schlafposition und das Bett optimieren kann. Die gröbsten Fehler – Bauchschlaf, großer instabiler Kopfpolster und eine nicht punktelastische Matratze – können dadurch vermieden werden. 

Der Mensch verbringt rund ein Drittel seines Lebens im Bett, die meiste Zeit davon im Schlaf. Ausreichender und regelmäßiger Schlaf ist keine Vergeudung von Lebenszeit, sondern Voraussetzung für die Regeneration des gesamten Organismus, also auch der Bandscheiben und der Muskulatur. Die Bandscheiben – elastische Druckpolster, die der Beweglichkeit der Wirbelsäule dienen – erholen sich in liegender Position von den Belastungen des Tages und nehmen in dieser Regenerationszeit verstärkt Flüssigkeit auf. 

up

Rettungsanker Schlaf 

Besonders für Schmerzpatienten ist ein erholsamer Schlaf ein Rettungsanker und Zufluchtsort von den Leiden des Tages. Eine besondere Herausforderung ist die Schlafenszeit für Patienten mit HWS-Syndrom (darunter versteht man viele verschiedene Probleme im Bereich der Halswirbelsäule, die zu Schmerzen führen), da bei ihnen auch das Liegen oft schmerzhafte Probleme im Nacken- und Schulterbereich bereitet. Denn eine schlechte Liegeposition, die falsche Matratze oder das falsche Kopfkissen führen auch zu Verspannungen, die wiederum zu Schmerzen führen. Falls man derart geplagt überhaupt schlafen kann, ist das Erwachen am Morgen wiederum schmerzvoll und erschwert den Start in den Tag. 

up

Schlafposition 

Während des Schlafs verändern wir unsere Position ständig. Diese Lageveränderungen sind einerseits wichtig, weil der Körper sonst im Schlaf einseitig belastet würde, andererseits erschweren sie die Auswahl eines passenden Kopfkissens und der Matratze.

Auf dem Rücken liegend sollte die Wirbelsäule dieselbe Form einnehmen, wie sie es im aufrechten Stand tut, nämlich ein Doppel-S. In Seitenlage sollte die Wirbelsäule möglichst gerade liegen. „Am schlechtesten für die HWS ist die Bauchlage, denn dabei muss sie sich zwangsweise in unnatürlicher Weise verdrehen. Zudem liegt man dabei oft am Unterarm, wodurch sich die Nackenmuskeln schmerzhaft verspannen. Auch die Schultern nehmen dabei auf Dauer Schaden“, erklärt Dr. Marcus Hinz, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Linz. 

up

Kopfpolster 

Ein Kopfkissen beeinflusst die Befindlichkeit im Nacken- und Schulterbereich erheblich. Die Auswahl eines geeigneten Kopfpolsters kann helfen, Schmerzen im HWS-Bereich dauerhaft zu reduzieren, ein ungeeignetes Kissen hingegen verschlimmert die Probleme. Eine Fachberatung beim Kauf ist wichtig.

Festigkeit und Höhe: sollten individuell auf den Schläfer abgestimmt werden. Da man sich im Schlaf ständig dreht, machen geschwungene Polster für Rückenschläfer und auch sogenannte Seitenschläferkissen nicht viel Sinn. Am besten nimmt man daher eine normale, flache Form. Polster sollten aber nicht zu flach sein, sonst liegt man schnell auf der Schulter auf. Die Polsterhöhe sollte mit der Schulterbreite abgestimmt sein. Je breiter die Schultern, desto höher sollte der Polster sein.

Maße: Das häufige zu findende Maß von 80 mal 80 Zentimeter ist für HWS-Patienten nicht förderlich, weil man bei solch großflächigen Kissen auch mit den Schultern auf dem Kissen liegt. Hinz: „Bei jeder Matratze gibt es eine Schulterzone, auf welcher die Schultern direkt zu liegen kommen sollen. Liegen sie stattdessen auf dem Kissen, kann diese Zone ihre Wirkung nicht richtig entfalten. Besser wäre daher ein kleinerer Kopfpolster, zum Beispiel mit den Maßen 40 mal 80 Zentimeter.“

Füllung: Federkissen sind für HWS-Patienten nicht geeignet, denn sie geben zu sehr nach. Federn als Füllung kommen höchstens dann in Betracht, wenn der Polster in mehrere Kammern aufgeteilt ist. Hinz: „Am besten besteht ein Polster aus viscoelastischem Material (Kaltschaum), er passt sich dem Schläfer gut an.“ 

up

Matratzen 

Eine Matratze soll die Wirbelsäule einerseits unterstützen (im Lenden- und HWS-Bereich), andererseits ihr nachgeben (im Becken- und Schulterbereich). Die optimale Beschaffenheit richtet sich nach Gewicht, Größe, Statur (Schultern, Rücken, Becken) und persönlichem Empfinden des Schläfers. „Allgemeine Aussagen lassen sich kaum treffen. Hat der Patient zum Beispiel einen Flachrücken, braucht er eine durchgehend gleichmäßige Unterstützung der Wirbelsäule. Bei einem Rundrücken soll die Matratze dagegen mehr nachgeben, um die S-Form zu gewährleisten“, sagt Hinz.

Material: Normale Federkernmatratzen sind für Menschen mit HWS-Problemen nicht geeignet, da hier die nötige Punktelastizität nicht gegeben ist. Bei diesen Matratzen gibt die Matratze dem Körpergewicht großflächig nach und nicht exakt dort, wo es für die Wirbelsäule vorteilhaft wäre. Besser geeignet, weil punktelastischer, sind sogenannte Taschen-Federkernmatratzen, hier funktioniert die Schulterabsenkung besser.

„Am besten geeignet sind Matratzen aus Latex oder Kaltschaum oder viskoelastischem Schaumstoff. Latexmatratzen sind meist teuer und schwer, aber gut in Zonen eingeteilt. Kaltschaum beziehungsweise Schaumstoffmatratzen sind ein guter Kompromiss, sie sind preislich günstiger und berücksichtigen ebenfalls die Körperzonen“, sagt der Orthopäde.

Hart oder weich: Bei der Wahl der Härte sollte auch das Gewicht des Schläfers berücksichtigt werden. Je schwerer der Schläfer, desto härter sollte die Matratze sein. Bei einem hohen Körpergewicht ist es besonders wichtig, dass man bei Seitenlage im Schulterbereich tief in die Matratze einsinken kann, um die HWS zu schonen.

Dick oder dünn: Der Trend geht zu immer dickeren Matratzen. „Je dicker die Matratze, desto besser kann die Schulter einsinken“, sagt Hinz. Momentan werden vielerorts Boxspringbetten angeboten. Hinz: „Bei ihnen wird ein Lattenrost durch eine Federkernmatratze ersetzt. Ob so ein solches Schlafsystem für HWS-Patienten einen Vorteil bringt, ist umstritten. Ich empfehle sie jedenfalls meinen Patienten nicht.“

Auflagen: Matratzenauflagen dienen meist als Hygienefilter. Diese Auflagen schützen die Matratze vor Verunreinigung und man kann sie waschen. Mittlerweile kann man zwar auch fast alle Matratzenbezüge abnehmen und waschen. Doch dies ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden.

Probeliegen: Vor dem Kauf sollte man auf der Matratze einige Wochen Probeliegen. Erst dann weiß man, ob einem die Matratze guttut. Wacht man am Morgen stets mit Schmerzen auf, dann weiß man, dass die Matratze und/oder der Polster nicht passt.

Lattenrost: Der Lattenrost sollte zur Matratze passen. Ideal für HWS-Patienten ist eine Latexmatratze oder eine Kaltschaummatratze in Kombination mit einem individuell einstellbaren Lattenrost. „Dagegen bringt ein superteurer Lattenrost kombiniert mit einer ganz normalen Federkernmatratze nichts, das macht keinen Sinn“, sagt Hinz. 

up

Neukauf kann sich lohnen 

Spätestens nach zehn Jahren sollte man sich eine neue Matratze kaufen. Die Anschaffung eines guten Schlafsystems bestehend aus Kopfkissen, Matratze und Lattenrost kann zwar mühsam sein, sie ist für Patienten mit HWS-Problemen aber sinnvoll und kann zur Besserung von Beschwerden führen. Schläft man besser, regeneriert sich der Körper und auch das Schmerzsystem profitiert davon. „Bereits nach wenigen Wochen zeigt sich in der Regel ein positiver Effekt“, sagt Hinz.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 11. März 2019