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Mann gießt Wasser von einer Wasserkanne in ein Glas

Mythos Trinken

Trinken, trinken, trinken – gerade bei jungen Leuten gehört die Wasserflasche zur Grundaustattung wie das Handy. Das mag auch damit zusammenhängen, dass viel trinken für gesund gehalten wird. Der wissenschaftliche Hintergrund dafür fehlt allerdings. 

Wir sind Wasserwesen. Der menschliche Körper besteht zu einem guten Teil aus Wasser. Ein erwachsener Mann mit normaler Figur ungefähr zu 55 bis 60 Prozent, Frauen etwas weniger, Kinder etwas mehr. Wasser ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der Körperzellen, sondern hat auch viele andere wichtige Funktionen – unter anderem transportiert es Nährstoffe sowie Abbauprodukte und reguliert die Körpertemperatur. Während Menschen ohne feste Nahrung länger als einen Monat überleben können, liegt die Grenze bei der Flüssigkeitsaufnahme je nach Begleitumständen bei maximal zwei bis vier Tagen. 

Über die Ausscheidungen, beim Schwitzen, aber auch durch die Atmung geht ständig Wasser verloren, das aufgefüllt werden muss. In welchem Ausmaß das geschehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zu mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag rät, gehen manch andere Empfehlungen bis zu einer Trinkmenge von drei Litern – wenig verwunderlich etwa die der deutschen Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke. 

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Keine Grundlage

Die Wasser-Kur wird mit vielen Argumenten gestützt: Viel trinken sei gut für die Haut und damit für die Schönheit. Die inneren Organe würden gespült, Giftstoffe ausgeschwemmt. Wasserkonsum sei ein Mittel gegen Kopfschmerzen und könne beim Abnehmen helfen. Die Wasser-Mythen haben eines gemeinsam: Es gibt für sie keine wissenschaftlich haltbare Grundlage. Die beiden amerikanischen Mediziner Dan Negoianu und Stanley Goldfarb von der Universität von Pennsylvania haben den Zusammenhang zwischen Flüssigkeitskonsum und Gesundheit untersucht und sind 2008 zu sehr ernüchternden Ergebnissen gekommen. Sie fanden keine Hinweise darauf, dass viel trinken der Haut nützt oder vor Kopfschmerz schützt, und auch für eine entgiftende Wirkung des Wasserschwalls fanden sie nicht den geringsten Hinweis. Mehr noch: Wie die Wissenschaftler im „Clinical Journal of the American Society of Nephrology“ anmerkten, gebe es keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass „der Mensch zwei Liter Wasser pro Tag trinken muss“ – damals die gängige Empfehlung in den USA. Umgekehrt gebe es allerdings auch keinen Hinweis dafür, dass diese Trinkmenge schädlich sei. 

Dass sich Menschen dazu zwingen, eine bestimmte Menge Wasser zu trinken, ist in erster Linie gut für die Abfüller von Mineralwasser. Der deutsche Nierenspezialist Professor Jan Galle aus Lüdenscheid bringt es auf den Punkt: „Es ist völlig ausreichend, den Durst zu stillen. Wer gesund ist und nach einem Liter keinen Durst mehr hat, muss sich nicht zu mehr zwingen.“ Es gilt also auch beim Trinken: Höre auf deinen Körper. 

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Durstgefühl

Wahrscheinlich ist die tatsächlich notwendige Flüssigkeitsmenge sogar geringer. Der deutsche Nephrologe Professor Rolf A. K. Stahl vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat ausgerechnet, dass für einen durchschnittlichen Erwachsenen etwa 570 Milliliter pro Tag reichen, um den Flüssigkeitshaushalt im Gleichgewicht zu halten. Denn neben den Getränken wird der Körper auch über die Nahrung mit Flüssigkeit versorgt. Gurken beispielsweise bestehen aus mehr als 95 Prozent Wasser. Melonen, Tomaten, Zitrusfrüchte, aber auch Milchprodukte wie Joghurt haben einen hohen Wasseranteil, der mitzählt. Die Mehrzahl der Experten ist der Meinung, dass das Durstgefühl als Richtschnur im Normalfall völlig ausreicht. Durst entsteht im Hypothalamus, einem Teil des Zwischenhirns. Hier wird sofort darauf reagiert, wenn beispielsweise die Konzentration von Natrium-Ionen im Blut steigt. Mit der Ausschüttung bestimmter Neurohormone werden im Körper Vorgänge angeregt, die zum Durstgefühl führen. So wird etwa Wasser in den Nieren zurückgehalten. Erst durch Trinken kommt das Gesamtsystem wieder in Balance. Dieses Gleichgewicht wird in Extremsituationen ziemlich arg herausgefordert. Etwa bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten und hohen Temperaturen, wenn es gilt, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, der durch massives Schwitzen entstehen kann. Auch bei starkem Fieber und Durchfall müssen mitunter große Flüssigkeitsmengen – aber auch der Verlust von Mineralsalzen – ersetzt werden. 

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Wasservergiftung

Ältere Menschen trinken häufig zu wenig, weil bei ihnen das Durstgefühl nicht mehr so gut funktioniert. Es ist daher ein wesentlicher Teil der Pflege, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Das Gleiche gilt auch für Babys und Kleinkinder. Ihre Nieren arbeiten noch nicht perfekt und sie brauchen daher im Verhältnis deutlich mehr Flüssigkeit als Erwachsene. Auch Extremsportler sind ein Sonderfall. Sie müssen ihren Flüssigkeitsverlust kompensieren, damit ihre Leistungsfähigkeit nicht nachlässt. Das kann man allerdings auch übertreiben, wie eine Untersuchung an mehr als 700 Teilnehmern des Boston-Marathons gezeigt hat. Bei vielen Läuferinnen und Läufern zeigten sich Anzeichen einer sogenannten Hyponatriämie. Dabei gerät wegen zu großer Flüssigkeitszufuhr in zu kurzer Zeit der Elektrolythaushalt aus dem Lot.  

Der Wasserüberschuss führt zu einer Blutverdünnung und gleichzeitig zu einem Natriummangel – man kann durchaus von einer Wasservergiftung sprechen. Die Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwellungen an Händen und Füßen sowie Krampfanfälle. Im Extremfall kann es zu einer lebensgefährlichen Hirnschwellung kommen. In den USA starb vor einigen Jahren ein 17-jähriger Footballspieler, der während des Trainings 16 Liter Wasser getrunken hatte.

 

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Symptome eines Wassermangels

Wasserverlust

(in % des Körpergewichts)

Symptome und Folgen
1 %
  • leichter Durst
2 %
  • Verminderung der Ausdauerleistung
  • Neigung zu Muskelkrämpfen
3 - 5 %
  • trockene Haut und Schleimhäute
  • verminderte Speichel- und Harnfluss
  • Verminderung der Kraftleistung
  • Hautröte
5 - 10 %
  • erhöhter Puls
  • Schwindelgefühl
  • Kopfschmerzen
  • vermindertes Blutvolumen
10 - ca. 15 %
  • Verwirrtheit
  • geschwollene Zunge
  • runzelige, empfindungslose Haut
  • Krämpfe
ca. 15 %
  • Tod


Heinz Macher

April 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 08. April 2019