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Mann und Frau beim Essen

Eingeschnappt

Nicht nur die Leberwurst kann beleidigt sein. Auch Menschen neigen dazu – manche ständig, manche fast nie, Männer aus anderen Gründen als Frauen, unsichere Personen schneller als selbstbewusste. Aber: Man kann lernen, sich gegen Kränkungen zu wappnen. 

Seit Tagen spricht Josef nur noch das Allernötigste mit Gabi, der Frau an seiner Seite. Mehr als ein ja, nein, weiß nicht ist nicht aus ihm rauszukriegen. Auch sein Gesichtsausdruck hat sich seiner Laune angepasst: Mieselsüchtig schaut er drein und grantig. Ihre flehende Frage „Was ist denn nur los mit dir?“ beantwortet er mit einem herausgepressten „Eh nix“. Was natürlich nicht stimmt, denn – alle Anzeichen deuten darauf hin – Josef schmollt. Welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist, wissen wir nicht. 

Aber wir wissen, dass „derjenige gekränkt ist, der sich in seinen Gefühlen, Werten, seiner Ehre oder Selbstachtung verletzt fühlt. Die Kränkung bildet das Fundament für die Beleidigung“, wie Mag. Ulrike Mayerhofer, Gesundheitspsychologin am Kepler Universitätsklinikum Linz erklärt. „In dem Wort Beleidigung steckt ja das Leid schon drin. Man fügt dem anderen damit bewusst Leid zu.“ 

Eine Kränkung ist natürlich subjektiv. Ulrike Mayerhofer: „Selbstbewusste Menschen sind nicht so schnell eingeschnappt. Menschen, die immer perfekt sein wollen, unsicher sind oder es gern harmonisch haben, schon.“ Angenommen, man war gerade beim Friseur, fühlt sich rundherum schön und kommt beschwingt ins Büro. Doch statt Komplimente zu machen, fragt die Kollegin, ob man für den neuen Haarschnitt womöglich was bezahlt habe. Bei einer selbstbewussten Persönlichkeit wird diese Aussage vermutlich an der Föhnwelle abprallen. Eine unsichere Person hingegen würde wahrscheinlich am liebsten im Boden versinken oder wütend werden.  

Doch ob man schnell angerührt ist oder nicht, hängt nicht nur von der Ausprägung des Selbstwertgefühls ab. Es spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel die aktuelle Stimmungslage. „An manchen Tagen ist man verletzlicher als an anderen. Dann können auch konstruktive Kritik, die sinnvoll ist und etwas positiv bewegen soll, oder gute Vorschläge als Beleidigung aufgefasst werden“, sagt Mag. Mayerhofer. Nehmen wir an, die Laune von Gabi ist eh schon im Keller. Wenn jetzt noch Josef mit der guten Idee daher kommt: „Wir könnten gesünder essen“, reicht das, um die sonst so taffe Gabi in eine schmallippige Mimose zu verwandeln: „Aha, ich bin dir zu dick!“ In Wirklichkeit liebt Josef seine Gabi so, wie sie ist, und wollte nur etwas weniger Schweinsbraten auf dem Speiseplan haben. 

„Viele tappen immer wieder in Kommunikationsfallen und es kommt zu Missverständnissen, zum Beispiel, wenn man nicht gut zuhört und einem deshalb ein Kompliment entgeht.“ Auch der Ton macht die Musik. „Wenn jemand leise und abwesend anstatt laut und deutlich grüßt, kann das als Abweisung verstanden werden. In Wirklichkeit hat der andere aber gerade Zahnweh oder schlechte Laune.“ Auslöser für Kränkungen und Beleidigungen gibt es viele: enttäuschte Erwartungen, bewusste Zurückweisungen („Ich mag dich nicht“) oder gezielte Angriffe auf das Selbstwertgefühl („Du bist hässlich“). Auch Ignoranz kann verletzend sein. Mag. Mayerhofer: „So wie man sich über Komplimente freut, kränkt man sich, wenn vor allem von Personen, von denen man sich eine positive Reaktion erhofft hat, nichts kommt.“ Menschen, die nie gekränkt sind, gibt es nicht. „Bestimmte Reizthemen wirken auch auf extrem Selbstbewusste beleidigend“, so die Expertin. Wobei sich Männer und Frauen unterscheiden. „Frauen reagieren dünnhäutiger, wenn es um Figur oder Sexualität geht. Männer fühlen sich auf den Schlips getreten, wenn sie als inkompetent hingestellt werden oder Ehre und berufliche Kompetenzen im Spiel sind. Wenn die Familie Ziel von Beleidigungen ist, verstehen beide Geschlechter keinen Spaß.“ 

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Schnell angerührt

Ein bisschen hat man ja das Gefühl, dass der Mensch heute schneller angerührt ist als früher. „Das täuscht nicht“, bestätigt die Psychologin. „Früher hat man gestritten, es sind auch schon mal die Fäuste geflogen. Aber dann war Schluss und man hat sich wieder vertragen. Heute will jeder perfekt sein, man fühlt sich deshalb wegen nix gleich angegriffen und findet schneller Gründe, warum man gekränkt sein kann. Und man reicht relativ schnell Klage ein. Es ist, als hätte man ein Recht auf Beleidigtsein.“ Allerdings ist auch das Austeilen leichter geworden. „Auf Social Media kann teilweise anonym kommuniziert werden. Es gibt kein persönliches Gegenüber. Dadurch wird die Hemmschwelle extrem niedrig.“ 

Wie aber kann man sich vor Kränkungen und Beleidigungen schützen? Psychologin Mayerhofer: „Man sollte nicht den Fehler bei sich suchen, sondern sich die eigenen Stärken und guten Eigenschaften verdeutlichen. Ein souveränes Auftreten mit fester, ruhiger Stimme zeigt, dass Beleidigungen keine Wirkung haben und man kein leichtes Opfer ist.“ Dieses Verhalten kann man vor dem Spiegel üben. Zudem sollte man auf Gegenangriffe verzichten, durchatmen, sich nicht zurückziehen, sondern sachlich sagen, was einem nicht passt. Und auch akzeptieren, dass Geschmäcker verschieden sind. 

Übrigens: Auch Nachtragendsein ist eine Form von Beleidigtsein. „Der andere soll meinen Unmut spüren. Allerdings geht der Schuss oft nach hinten los. Denn der vermeintliche Beleidiger weiß wahrscheinlich gar nichts mehr davon. Ihm gehts gut, mir gehts schlecht, weil ich oft jahrelang was mit mir herumtrage und nicht verzeihen kann. Nachtragend sein bringt also gar nix“, so die Expertin. Und wie geht man mit Menschen um, bei denen man höllisch aufpassen muss, was man sagt? „Wenn man sich grundsätzlich gut versteht, sollte man nachfragen, was los ist, und dem anderen gegebenenfalls Zeit zum Beruhigen geben. Vielleicht kommt er ja durch den Abstand drauf, dass ständiges Schmollen nichts bringt“, rät die Psychologin. „Natürlich kann man auch Zurückhaltung üben. Man muss nicht gleich alles sagen, sondern sollte überlegen, was die Folge meiner Worte sein könnte.“ 

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Die sensible Mimose

Mit einer Mimose wird ein empfindlicher Mensch deshalb verglichen, weil ihre Blätter bei der geringsten Berührung zusammenklappen. 

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Die beleidigte Leberwurst

Angeblich hat ein Fleischhauer Würste gekocht und alle, die nicht so lang kochen müssen, vor der Leberwurst aus dem Topf genommen. Weil sie allein drinbleiben musste, war sie beleidigt und platzte vor Wut. 

 

Cornelia Schobesberger

April 2019 


Kommentar

Eingeschnappt Kommentarbild Mag. Ulrike Mayerhofer „Wer sich gekränkt fühlt, sollte nicht still leiden oder wütend auf Angriff gehen. Damit tut man sich selbst nichts Gutes. Besser ist es, die Sache anzusprechen und auszuräumen.“

Mag. Ulrike Mayerhofer

Klinische und Gesundheitspsychologin am Kepler Universitätsklinikum in Linz


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 05. April 2019