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Ältere Frau und Mann mit Hunden bleiben beim Schaufenster stehen

Schaufensterkrankheit: Zum Stehenbleiben gezwungen

Die Schaufensterkrankheit hat leider nichts mit einem lustvollen Schaufensterbummel zu tun. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass man nach einer kurzen Gehstrecke durch Schmerzen im Bein immer wieder zum Stehenbleiben gezwungen wird. Im Fachjargon heißt die Krankheit periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), eine Durchblutungsstörung in den Beinarterien. Sie erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. 

Die durch Arteriosklerose (Verkalkung) verursachte Verengung der Beinarterien kann als Volkskrankheit in höherem Alter angesehen werden. Männer sind häufiger betroffen, Frauen bekommen die Erkrankung einige Jahre später. Bei den über 65-Jährigen sind rund 20 Prozent der Bevölkerung betroffen, bei den über 80-Jährigen bereits jeder Dritte. „Besonders gefährdet sind Menschen mit Diabetes, Raucher und solche mit erhöhten Blutfettwerten und Bluthochdruck. Übergewicht per se ist kein Risiko, es geht aber sehr häufig mit erhöhten Zucker und Cholesterinwerten einher“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Andreas Zierer, Vorstand der Klinik für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie im Kepler Universitätsklinikum Linz sowie Leiter der Abteilung für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum Wels-Grieskirchen. 

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Gift für die Gefäße 

Rauchen ist der größte Risikofaktor. Die Rauchinhaltsstoffe sind Gift für die Arterien und Raucher bekommen eine pAVK bis zu zehn Jahre früher als Nichtraucher. Bei einem Rauchstopp sinkt die Gefahr der Arteriosklerose in den Beinen langsam wieder.

Auch Diabetiker haben ein drei- bis fünfmal höheres Risiko für die pAVK. Daher ist die optimale Blutzuckereinstellung bedeutend. Erhöhter und nicht behandelter Bluthochdruck belastet ebenso die Gefäße. Wer sich mit mediterraner Kost mit viel Gemüse, Obst, hochwertigen Fetten und Ölen, Fisch und wenig Fleisch abwechslungsreich und ausgewogen ernährt, kann erhöhten Cholesterinwerten, die ebenfalls Ablagerungen an den Gefäßwänden (Plaque) forcieren, meist vorbeugen. Ausgenommen sind Menschen mit einer Veranlagung für die Fettstoffwechselstörung. Auf jeden Fall sollten zu viele tierische Fette gemieden werden. 

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Schleichender Prozess 

„Das Tückische ist, dass die pAVK ein schleichender Prozess ist und anfangs keine Schmerzen verursacht. Wenn die Krankheit diagnostiziert wird, muss man ein Screening der Gefäße im gesamten Körper durchführen, denn in vielen Fällen findet man auch Verengungen etwa in den Herzkranzgefäßen, in der Halsschlagader oder im Gehirn“, erklärt der Herz- und Gefäßchirurg Zierer. Die Gefahr einen Schlaganfall zu erleiden ist für pAVK-Patienten doppelt so hoch. Sind die Herzkranzgefäße verengt, steigt das Risiko für einen Infarkt. Daher muss die pAVK als Zeichen einer Systemerkrankung ernst genommen, gut untersucht und behandelt werden. 

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Vier Stadien 

1. Stadium: keine Schmerzen

2. Stadium: Schmerzen treten belastungsabhängig, nach einer Gehstrecke von 200 Metern auf. Später können die krampfartigen Schmerzen – je nach Lokalisation der Verengung – in Wade, Fuß, Gesäß oder Oberschenkel auch schon früher zu spüren sein. Beim Treppensteigen, Bergaufgehen oder höherem Gehtempo kommt es ebenfalls zu Beschwerden. Diese zwingen den Betroffenen stehenzubleiben, bis die Schmerzen abklingen. Von diesem erzwungenen Stehenbleiben rührt auch der Name „Schaufensterkrankheit“ (Claudicatio intermittens).

3. Stadium: Wenn sich die Durchblutung verschlechtert, treten die Schmerzen auch in Ruhe auf.

4. Stadium: Offene Beine (Raucherbein): Bei sehr schlechter Durchblutung heilen auch kleinste Wunden nur mehr schlecht, es kann zu Infektionen und somit offenen Beinen kommen. Gewebe geht dabei zugrunde. Ist es nicht möglich, einen ausreichenden Blutfluss wiederherzustellen, droht eine Amputation. 

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Vom Pulstasten bis zur Angiografie 

Für die beschriebene Symptome können auch orthopädische Erkrankungen wie etwa Abnützungserscheinungen in Knie oder Hüfte, Fehlhaltungen oder Wirbelsäulenprobleme sowie neurologische Erkrankungen in Frage kommen. Die muss man diagnostisch ausschließen.

Wenn jemand Schmerzen beim Gehen hat, prüft der Arzt nach dem Anamnesegespräch zuerst Hautfarbe und Temperatur der Beine und ob eventuell abgestorbene Gewebebereiche vorhanden sind. Er tastet die Pulse an Beinen, Füßen und Armen. Ist der Puls nicht tastbar, deutet das auf eine Verengung hin. Mit dem Stethoskop können Strömungsgeräusche festgestellt werden. Bei der Dopplerdruckmessung wird mittels Blutdruckmanschette und Ultraschallstiftsonde der Blutdruck in den Arterien der Beine gemessen. Diesen vergleicht man mit dem Blutdruck in den Armen und ermittelt einen Knöchel-Arm-Index, der Aufschluss über das Vorliegen einer pAVK gibt.

Ein Gehtest auf dem Laufband zeigt die Strecke an, die jemand schmerzfrei bewältigt und gibt somit das Stadium der Erkrankung an.

Zur bildgebenden Diagnostik gehört die Duplexsonografie. Diese spezielle Ultraschalltechnik zeigt den Blutfluss in den Gefäßen in Farbbildern an. Therapie und Diagnose zugleich bedeutet eine Gefäßangiografie. Bei dieser Röntgenuntersuchung wird mittels Katheter ein Kontrastmittel in die Gefäße injiziert. Damit werden mögliche Verengungen sichtbar. Bei diesem Eingriff können in manchen Fällen die Stenosen mit einem Ballonkatheter sofort wieder geweitet werden. Wenn eine Bypass-Operation notwendig ist, kann noch eine CT-Untersuchung zur präzisen Planung herangezogen werden. 

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Therapie je nach Stadium 

„Wenn bei einer Gehtrecke unter 200 Metern schon deutliche Schmerzen auftreten, wird meist mit einer Revaskularisierung durch Stents oder mittels Baypass therapiert“, sagt Zierer und meint, dass vor allem die Aufzweigung der Gefäße etwa im Becken oder Leistenbereich Schwachstellen im System darstellen. Stents (Metallgitter) sind heute zum Teil medikamentenbeschichtet und sollen die durch Kathetereingriff geweiteten Gefäße offen halten. Interventionelle Radiologen und Gefäßchirurgen arbeiten bei Kathetereingriffen oftmals zusammen.

Je nach Lokalisierung und Länge der Engstelle kann auch eine sogenannte Patchplastik (aus synthetischem oder biologischem Material) eingesetzt oder eine Bypass-Operation zur Umgehung des verengten Gefäßes unternommen werden. „Manchmal führen wir einen Hybrid-Eingriff durch, bei dem ein Stent gesetzt und gleichzeitig eine Umleitung der Engstelle, sprich ein Bypass, gelegt wird. Nach einer Bypass-Operation muss der Patient rund zehn Tage im Spital bleiben, nach einer Stentsetzung kann der Betroffene im Schnitt am nächsten Tag das Spital verlassen. In Zukunft wird man viele Katheterinterventionen auch tagesklinisch durchführen können“, sagt der Gefäßspezialist.

Nach Eingriffen werden zur Therapie Blutverdünner verordnet.

Als medizinischer Notfall wird ein akuter Beinarterienverschluss, eine Atherothrombose, angesehen. Er zeigt sich durch plötzliche, extrem starke Schmerzen und Kälte/Blässe des betroffenen Beins: Sofort den Notarzt rufen, das Bein bis zum Eintreffen tief lagern und ab ins Spital. „Eine Embolektomie, bei der mit einem Ballonkatheter das Blutgerinnsel entfernt wird, muss schnellstmöglich durchgeführt werden“, sagt Zierer.

Bluthochdruck, erhöhte Blutfett- und Blutzuckerwerte müssen behandelt werden. Diabetiker sollten eine medizinische Fußpflege durchführen lassen, um Wunden zu vermeiden. Regelmäßige Bewegung, Nikotinabstinenz, ausgewogene Ernährung und Normalgewicht gelten als vorbeugende Lebensstilmaßnahmen gegen Arterienverkalkung.

 

Mag. Christine Radmayr

März 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 01. März 2019