DRUCKEN
Bohneneintopf

Die Protein - Königin

Die Chancen stehen gut, dass wir alle unsere Existenz den Bohnen verdanken – denn ohne sie wären unsere Vorfahren höchstwahrscheinlich verhungert oder gar nicht erst geboren.

Nach dem Untergang des Römischen Reiches und den sogenannten dunklen Jahrhunderten war es um Europa schlecht bestellt: Gerade noch 14 Millionen Einwohner soll der Kontinent im siebenten Jahrhundert gehabt haben Tendenz fallend, und die wenigen, die da waren, waren von chronischer Unterernährung und Krankheiten geschwächt.

Dann aber ging es plötzlich steil bergauf: In den folgenden drei Jahrhunderten versechsfachte sich die Bevölkerungszahl plötzlich, die Menschen wurden nicht nur mehr, sondern auch stärker, gesünder, intelligenter, größer und leistungsfähiger – und das alles, meinen manche Historiker, verdanken wir zu einem guten Teil der Ausbreitung der Bohne.

Die Bohne und andere Hülsenfrüchte wie Linsen oder Erbsen sind ganz erstaunliche Pflanzen: Ihre Samen enthalten bis zu 25 Prozent Protein – weit mehr als die allermeisten tierischen Produkte oder des Menschen wichtigste Nahrungsquelle, das Getreide. Wer sich kein Fleisch leisten kann und konnte (die allermeisten Menschen den allergrößten Teil unserer Geschichte), für den ist sie daher eine unschätzbar wertvolle, weil günstige Eiweißquelle. Und gleichzeitig ist sie nicht nur selbst nahrhaft, sondern stellt auch sicher, dass andere Feldfrüchte viel besser gedeihen.

Hülsenfrüchte leben in Symbiose mit bestimmten Bakterienkulturen, die Stickstoff aus der Luft im Boden anreichern können – und der ist ein essenzieller Nährstoff für alle Pflanzen, die im Boden gedeihen. Wer keinen Kunstdünger hat oder darauf verzichten will, dem leisten Bohnen äußerst wertvolle Dienste. Die Bohne habe „die Zivilisation gerettet“, als sie sich im frühen Mittelalter als Nahrungsmittel verbreitete und vermehrt in Fruchtfolge mit anderen Pflanzen auf den Feldern angebaut wurde, schreibt daher der Wissenschaftler und Bestsellerautor Umberto Eco in einem Aufsatz für die New York Times.

Bekannt war die Bohne freilich schon viel früher: Ihre Cousine, die Linse, gehört zusammen mit dem Einkorn zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt und wurde bereits vor 10.000 Jahren in Mesopotamien angebaut. Der Ahne der Fava-Bohne, die autochthone europäische Bohnenart, stammt wahrscheinlich aus dem Mittelmeerraum. Bohnen finden sich bereits in ägyptischen Gräbern und im Alten Testament, und wie wichtig Bohnen etwa für die alten Römer waren, zeigt sich daran, dass vier der bedeutendsten römischen Familien nach Hülsenfrüchten benannt sind: Fabius (nach der Fava-Bohne), Lentulus (nach der Linse), Piso (nach der Erbse) und Cicero (nach der Kichererbse). Wie so vieles schwanden aber auch die Verbreitung und das Wissen um die Wichtigkeit der Hülsenfrucht mit dem Untergang des Römischen Reiches für einige Jahrhunderte.

So wertvoll und wichtig die Bohne ist und war, das Verhältnis der Menschen zu ihr war immer schon ein zwiespältiges: Sie war verrufen als Essen der Armen und wurde beschuldigt, Wahnsinn, Alpträume und starke Blähungen hervorzurufen. Der griechische Philosoph Pythagoras verbat seinen Anhängern strikt, Bohnen zu essen, und spätestens seit dem 13. Jahrhundert gibt es die Redewendung „nicht die Bohne wert sein“. Zumindest der Blähvorwurf ist berechtigt: Bohnen enthalten bestimmte Zuckerketten, die Bakterien in unserem Enddarm zerlegen und in Gase verwandeln. Die gute Nachricht: Langes Kochen bricht die Zuckerketten auf, wer seine Bohnen lange schmort, hat also nichts zu befürchten. Auch einmaliges Aufkochen und Wegschütten des ersten Kochwassers hilft – leider gehen dabei auch andere, gute Inhaltsstoffe der Bohne verloren. 

Verschiedene Bohnen

up

Sämig und gesund

Die Bohne hat jede Menge guter Inhaltsstoffe: Neben Eiweiß und Fett sind vor allem die roten Bohnen reich an diversen Antioxidantien. Und was noch wichtiger ist: Sie schmecken ganz hervorragend. Sie machen Saucen und Suppen unvergleichlich sämig, schmecken selbst dezent nach einer Mischung aus Pilz und Nuss und lassen sich ganz wunderbar aromatisieren. An einem kalten Spätwintertag gibt es wenig Heimeligeres als duftend-dampfenden Bohneneintopf. Wer den Bohnen also ein bisschen Liebe und Zeit widmet, der wird reichlich belohnt. Und zwar mit eine duftenden Küche und einem herrlichen Aberndessen.


Tobias Müller

Februar 2019

 

Bilder: Werner Harrer; shutterstock

 

Zuletzt aktualisiert am 20. Februar 2019