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Zwei Buben einer hat Geschenke und der andere ist neidisch

Ganz gelb

Neidisch? Ich doch nicht! Wer gibt schon gerne zu, dass er dieses Gefühl nur allzu gut kennt? Doch der Neid gehört zu unserem Leben dazu. Er muss aber nicht immer negativ sein. Im Gegenteil: „Positiver Neid“ spornt uns an und hilft, mehr zu erreichen. 

Der Neid ist hässlich, gelb und grün wie Gallensaft, und er erscheint wie eine Fratze. „Ich bin gelb vor Neid“, sagen wir – natürlich nur scherzhaft, denn echten, bösen, bitteren Neid gibt keiner so gerne zu. Den haben immer nur die anderen. Die böse Königin im Märchen will Schneewittchen umbringen lassen, weil sie es nicht erträgt, dass das Mädchen schöner ist als sie selbst. 

Der Neid zählt zu den sieben Todsünden und hat dort noch eine Sonderstellung. Gier, Wollust oder Trägheit mögen auch nichts Nettes sein, aber man hat wenigstens was davon. Der Neid aber nagt bloß an einem wie eine hungrige Ratte, er löst ein grausliches Gefühl aus. Und wir können ihn dennoch nicht einfach abschütteln. „Neid gehört zum Leben, er ist in allen Kulturen zu finden und zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt Dr. Ulf Lukan, Psychologe, Psychotherapeut und Neidforscher aus Graz, der sich seit langem mit diesem Gefühl beschäftigt. 

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In den Genen

Kain, so steht es in der Bibel, hat Abel erschlagen, weil er neidisch darauf war, dass Gott dessen Opfergabe besser gefiel. Antonio Cabrales vom britischen University College in London sagt, dass Neid in den Genen des Menschen liege. Er sieht ihn als „Ergebnis des Wettstreits um begrenzte Ressourcen“. Früher kam nur durch, wer genug – und oft eben mehr als andere – zu essen hatte. Und wer am meisten hatte, genoss hohen Sozialstatus. 

Ums Überleben geht es in unserem Kulturkreis nicht mehr, der Neid aber ist geblieben. „Er hat immer etwas mit Konkurrenzdenken zu tun“, sagt Lukan. Hat der Nachbar ein größeres Auto? Einen schöneren Garten? Kann er sich mehr Urlaub leisten? Besonders anfällig sind Menschen, die in ihrer Kindheit an Mängeln litten, wobei es dabei weniger um das Materielle geht. Zurücksetzungen und Verletzungen in frühen Jahren schleppen wir ein Leben lang mit als eine Art unbeglichene Rechnung, nach dem Motto: Das Schicksal schuldet mir noch was. „Neid meint ein vermeintliches Glücksgefühl, das die anderen haben“, erklärt Lukan. Es geht gar nicht um das tolle Auto an sich, das in der Garage des Nachbarn steht, sondern darum, dass dieser es sich leisten kann und dann womöglich auch noch hochzufrieden ist. Neid speist sich auch aus der Angst, unterlegen zu sein. 

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Grässliches Gefühl

Das ist auch der Grund, warum die wenigsten Menschen auf Superstars neidisch sind. Natürlich ist es bequemer, im Privatjet zu reisen als im Mittelklasseauto oder mit der Bahn. Aber die Stars sind dem normalen Leben so entrückt, dass wir sie nicht zum Vergleich heranziehen. Neidisch sind wir dann, wenn wir etwas vor der Nase haben, das wir eigentlich auch erreichen könnten – im Freundeskreis, der Familie, der Nachbarschaft, unter den Kollegen. 

Da der Neid ein so grässliches Gefühl ist, geht er oft mit Entwertung einher. Die Arbeitskollegin hat jeden Monat ein schickes neues Kostüm: Die hat das wohl nötig. Das Auto des Nachbarn: Der braucht das offensichtlich, um seine Minderwertigkeitskomplexe zu bekämpfen. Gegenüber bekommen sie einen kleinen Pool in den Garten: Na, was da die Erhaltung kostet! So viel Chemie! Und ich gehe sowieso lieber im See schwimmen. Erfreulich klingt das alles nicht, zumal Experten auch einen Zusammenhang zwischen Neid und Depressionen sehen. Wer immer nur daran denkt, was er alles nicht hat, tut sich nichts Gutes. 

Doch Neidforscher sind sich einig, dass Neid nicht nur ein zerstörerisches Gefühl ist. Denn es gibt auch so etwas wie „positiven Neid“ – dann nämlich, wenn er Ansporn ist und uns dazu bringt, unsere eigene Situation zu verbessern. Der Bürokollege macht eine Zusatzausbildung und fühlt sich damit wohl, verdient später womöglich auch noch mehr Geld. Das will ich auch. So gesehen ist Neid die Triebfeder, die für Fortschritt sorgt. Und auch sonst kann man selbst gegensteuern. „Man sollte begreifen, dass es kein perfektes Leben gibt, irgendetwas wird immer nicht ganz so passen“, sagt Lukan. 

Mit dem Neid beschäftigen sich übrigens nicht nur die Psychologen, sondern auch die Theologen. Schließlich steht dieses Gefühl nicht unbedingt im Einklang mit der Nächstenliebe. Aber es ist nun mal da. „Der Philosoph und Kirchenlehrer Thomas von Aquin definierte den Neid als Trauer über die Güter der anderen“ erklärt Prof. Dr. Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik am Institut für Katholische Theologie der Universität Hildesheim. Für Christen ist der Neid – vielleicht mehr als für andere – eine Herausforderung. Da er so einen schlechten Ruf hat und zu bösen Gedanken führt, will man ihn natürlich vermeiden. Theologe Merkl: „Neid zu vermeiden gelingt denen nicht gut, die sehr auf Materielles fixiert sind.“ Die Lösung läge hier natürlich auf der Hand: „Wir sollten nicht dauernd danach fragen, was wir alles nicht haben, sondern uns über das freuen, was wir haben.“ 

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Obergrenze für Glück 

Macht Geld glücklich? Diese Frage gehört zu den ältesten der Menschheit. Nein, sagen die einen, denn die wesentlichen Dinge im Leben, wie Liebe, Freundschaft, Familie und natürlich Gesundheit, kann man sich ohnehin nicht kaufen. Oh doch, erwidern die anderen. Wer unglücklich ist, aber über genug finanzielle Mittel verfügt, der muss sich wenigstens keine materiellen Sorgen machen. 

Auch Forscher haben sich damit beschäftigt und sind auf die Frage, ob Geld glücklich macht, auf folgende Antwort gekommen: „Ja, aber ...“ Die beiden US-Ökonomen und Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Angus Deaton fanden in einer großangelegten Studie an der Universität Princeton heraus, dass es doch so etwas wie eine Obergrenze für Glück gibt, die mit der persönlichen Einkommenssituation zusammenhängt. Zunächst gilt: Wer mehr Geld hat, ist auch zufriedener, weil er sich mehr leisten kann. Ja sogar: Jedes Plus sorgt für etwas mehr Wohlbefinden. Doch dies lässt sich nicht unendlich fortführen. Bei einer Grenze von – umgerechnet – rund 60.000 Euro Jahreseinkommen ist Schluss. Danach gibt es keinen weiteren Fortschritt, schreiben die Forscher. Weder empfänden die Menschen mehr Glück noch weniger Stress. Fazit der Ökonomen: Vielleicht sei diese Grenze „eine Schwelle, über der es den Menschen nicht mehr möglich ist, das zu tun, was für das emotionale Wohlbefinden am meisten zählt: Zeit mit der Familie zu verbringen, Krankheit und Schmerz zu vermeiden oder die freie Zeit zu genießen“. 

 

Birgit Baumann 

Februar 2019

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Kommentar 

Ganz gelb Kommentarbild Dr. Ulf Lukan „Neid gehört zu unserem Leben, er lässt sich nicht vermeiden. Er kann uns aber auch antreiben, um Verbesserungen im Leben zu erzielen.“

Dr. Ulf Lukan

Psychologe und Psychotherapeut in Graz


Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 06. Februar 2019