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Frau hält ihre schmerzende Hand

Gequälter Nerv

Das Karpaltunnelsyndrom entsteht durch die Einengung eines Nervs, und zwar des Mittelnervs im Handgelenk. Ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl der ersten drei Finger sind erste Anzeichen, die ernst genommen werden sollten. 

Wenn die Finger in der Nacht einschlafen oder immer wieder einmal kribbeln, könnte das auf ein Karpaltunnelsyndrom hinweisen. Die ersten Anzeichen können sich unbehandelt und mit andauernder Nerveneinengung bis zur Gefühllosigkeit in der Handinnenfläche und zu einem Muskelschwund des Daumenballens „auswachsen“. Ist der Nervus medianus erst einmal schwer geschädigt, kann das auch durch eine Operation nicht mehr rückgängig gemacht werden. 

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Überbeanspruchung

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) trifft Frauen dreimal häufiger, was wahrscheinlich auch hormonelle Gründe hat. Die meisten Erkrankungen, die familiär gehäuft vorkommen können, treten zwischen 40 und 60 Jahren auf. Bei 80 Prozent der Betroffenen zeigt sich das Syndrom beidhändig. Menschen, die manuell arbeiten und die Handgelenke stark beanspruchen, sind häufiger betroffen. Vor allem Leute, die mit vibrierenden Maschinen wie Presslufthämmern arbeiten, aber auch Polsterer und Landwirte, gehören zur gefährdeten Gruppe. „Man schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Reinigungsfrauen ein Karpaltunnelsyndrom ausbilden. Aber auch Überlastung durch schwere Gartenarbeit kann als Auslöser reichen“, sagt Dr. Georg Weber, stellvertretender Abteilungsvorstand der Orthopädie am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern in Linz. Auch Patienten mit entzündlichen rheumatischen Gelenkserkrankungen, Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktion und Übergewicht neigen zu vermehrter Wassereinlagerung in den Gelenken und einer Verdickung der Bänder, was ebenfalls das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom erhöhe. Auch bei chronischer Niereninsuffizienz, bei Handgelenksarthrose und nach einem Bruch der Speiche in Handgelenksnähe wird häufig ein Karpaltunnelsyndrom festgestellt. Die gute Nachricht für alle, die stundenlang am PC sitzen: Arbeit am Computer kann zwar zu einem sogenannten Mausarm führen, erhöht das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom aber nicht. 

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Symptome ernst nehmen

Im Karpaltunnel, dem Raum zwischen den Handwurzelknochen und dem darüber liegenden Karpalband, laufen Sehnen, Blutgefäße und Nerven. Der Mittelnerv ist für die Empfindungsfähigkeit von Daumen, Zeige-, Mittel- und Teilen des Ringfingers zuständig. Zur Diagnose wird eine Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit, eine sogenannte Elektroneurographie, durchgeführt und die Muskelaktivität mit einer Elektromyographie beurteilt. Auch eine Beklopfung des Nervus medianus am Handgelenk, bei der ein betroffener Patient einen elektrisierenden Schmerz spürt, und der Phalen-Test, bei dem der Arzt das Handgelenk etwa eine Minute lang nach vorne beugt beziehungsweise nach hinten überstreckt, helfen bei der Diagnose. Ein Röntgen kann eventuell andere Erkrankungen ausschließen. Wichtig ist, dass die Einengung des Nervs bald behoben wird. Je nach Intensität, Dauer der Beschwerden und Ursache kommen eine konservative Therapie oder eine Operation in Frage. Bei leichten Beschwerden versucht man, mit entzündungshemmenden Medikamenten und Ruhigstellung die Nervenreizung und Schwellung zu beheben. Spezielle Unterarmschienen stellen das Handgelenk vor allem nachts ruhig. „Ist eine Überlastung die Ursache, muss das Gelenk zwei, drei Wochen ruhig gestellt werden“, sagt Spezialist Weber. In seltenen Fällen injiziert man Cortison in den Karpaltunnel, um eine Abschwellung des Gewebes zu erreichen, das den Nerv einengt. „Die Cortisoninjektion soll nur ein-, zweimal durchgeführt werden, weil zu häufiger Einsatz zu Sehnenschäden führen kann.“ 

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Kurzer Schnitt

Reicht eine konservative Therapie nicht aus und sind die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen nicht verschwunden, ist eine Operation notwendig. Operiert werden kann offen, mit einem kurzen Schnitt entlang der Handinnenfläche oder endoskopisch durch zwei etwa einen Zentimeter lange Hautschnitte an der Beugeseite des Handgelenks und an der Handinnenfläche. Die Ergebnisse beider Methoden sind gleich gut. Operiert wird meist unter Lokalanästhesie in der Tagesklinik. „Das ist ein kleiner Eingriff von 10 bis 15 Minuten, bei dem das Karpalband durchtrennt wird und somit Sehnen und Nerv entlastet werden. Auch wucherndes Gewebe, das den Nerv einengt, wird entfernt“, erklärt der Orthopäde Weber. Normalerweise sind die Patienten nach der OP ihre Beschwerden weitgehend los und die Gefühlsstörungen bilden sich im Lauf mehrerer Wochen zurück. Die Hand wird mit einem Spezialverband oder einer Gipsmanschette für 10 bis 14 Tage ruhig gestellt. Danach soll sie noch einige Wochen lang geschont werden. 

Um die Beweglichkeit von Fingern und Gelenk zu erhalten, muss sofort nach der OP mit bestimmten Übungen, etwa zur Dehnung, begonnen werden. Dazu gehört es etwa, die Finger zur Faust zu beugen. Die Gefahr, dass sich neuerlich ein Karpaltunnelsyndrom ausbildet, ist nach dem Eingriff sehr gering. 

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Symptome 

Wird der Nerv eingeengt, kann das zu folgenden Symptomen führen, die rasch von einem Arzt abgeklärt werden sollten:

  • Kribbeln, Einschlafen und Schmerzen der ersten drei Finger, vor allem nachts oder bei bestimmtenTätigkeiten wie etwa dem Radfahren oder Gartenarbeiten, Putzen.
  • Ausstrahlen der Schmerzen bis in den Arm.
  • Steife Finger, die sich wie geschwollen anfühlen.
  • Elektrisierender Schmerz in den Fingern, etwa bei Greifbewegungen.
  • Einschränkung der Feinmotorik beim Greifen, Anziehen oder Nähen.
  • Im fortgeschrittenen Stadium ist eine Schwächung und Schrumpfung der Muskulatur des Daumenballens bis hin zur Lähmung vorhanden. Man kann zum Beispiel keine Flasche mehr halten oder den Daumen abspreizen. 

 

Mag. Christine Radmayr

Februar 2019 

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Kommentar

Gequälter Nerv Kommentarbild OA Dr. Georg Weber „Das Karpaltunnelsyndrom kommt sehr häufig vor. Ziel der Behandlung ist es, eine dauerhafte Nervenschädigung zu verhindern.“

Dr. Georg Weber

Stellvertretender Abteilungsvorstand der Orthopädie im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern


Bilder: shutterstock; privat

 

Zuletzt aktualisiert am 15. Februar 2019