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Mann mit nacktem Oberkörper hat bei der Leber Schmerzen

Kraftwerk im Bauch

Die Leber ist Verdauungszentrale, Nährstoffdepot, Eiweißfabrik und Entgiftungsstation, und sie ist beteiligt an Produktion, Steuerung und Verwertung verschiedenster Hormone, Vitamine und Enzyme. 

Die gesamte Blutmenge des Körpers wird täglich bis zu 500-mal durch die Leber gepumpt – das sind rund 2.000 Liter am Tag, eineinhalb Liter pro Minute. Die keilförmige Organzentrale des gesamten Stoffwechsels besteht aus zwei ungleich großen Lappen und wiegt beim Erwachsenen bis zu zwei Kilogramm. Sie liegt direkt über dem Magen, unter dem Zwerchfell, vorwiegend im rechten Oberbauch. Nur der linke, kleinere Lappen nimmt auch Raum im linken Oberbauch ein. Umhüllt ist die Leber von Bindegewebe. Über bänderartig geformte Teile des Bauchfells ist sie am Zwerchfell, Magen und anderen Flächen der Bauchhöhle verschiebbar fixiert. An der Unterseite der Leber, wo in der Leberpforte die Leberarterie und die Pfortader münden, führt auch der Gallengang heraus. Die Leberarterie bringt sauerstoffreiches Blut vom Herzen zu den Leberzellen. Die Pfortader ist eine Vene und führt sauerstoffärmeres Blut in die Leber, das aber angereichert ist mit Nährstoffen aus Magen und Darm, mit Abbauprodukten der Milz und mit Hormonen der Bauchspeicheldrüse. Die Leber ist in acht voneinander weitgehend eigenständig arbeitende Segmente unterteilt. Oberärztin Dr. Stephanie Hametner von der internen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen erklärt: „Diese anatomische Unterteilung ermöglicht die Entnahme eines oder sogar mehrerer Segmente – etwa zur Entfernung eines Tumors oder im Zuge einer Organspende –, ohne die Funktion des verbleibenden Gewebes zu stören.“ 

Jedes Segment wird von unzähligen, ein bis zwei Millimeter kleinen, strangförmig angeordneten Leberläppchen gebildet. Sie bestehen zu 80 Prozent aus Leberzellen, den Hepatozyten. In jedem Leberläppchen verläuft ein zentraler Kanal, der Sinusoid, in den Blut aus Pfortader und Leberarterie gemeinsam einströmt und in die anliegenden Leberzellen gefiltert wird. Hier sind auch spezielle Zellen des Immunsystems, die sogenannten Kupffer-Zellen, angesiedelt. Diese können Schadstoffe, schadhafte Blutzellen und – im besten Fall – auch Krankheitserreger unschädlich machen. Im Raum zwischen den Außenwänden des Sinusoids und den Leberzellen findet der eigentliche Blutaustausch statt. Nach getaner Arbeit fließt das Mischblut aus Pfortader und Leberarterie über die Zentralvene weiter in den Körperblutkreislauf und Richtung Herz. 

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Energiespeicher

Die über die Blutbahn herangeführten Stoffe werden von den Leberzellen je nach Bedarf ab- oder umgebaut, verwertet oder als Energie- oder Vitaminvorrat gespeichert. Eiweißstoffe – sogenannte Proteine – werden in kleinere Bausteine (Aminosäuren) zerlegt und neue, lebenswichtige Eiweißmoleküle daraus hergestellt. Unter anderem entstehen Gerinnungsfaktoren, welche die Blutgerinnung steuern, und Albumin, ein Protein, das unter anderem für den Transport von Hormonen, Spurenelementen, Vitaminen und Arzneiwirkstoffen gebraucht wird. Hormone, die ihren Zweck erfüllt haben, werden von der Leber aus dem Verkehr gezogen. Wasserlösliche Schadstoffe werden über den Blutstrom zu den Nieren geschwemmt und ausgeschieden, wasserunlösliche entsorgt die Leber über die Galle direkt in den Darm. 

Von einem Überangebot an Zucker legt die Leber zur Regulierung des Blutzuckerspiegels bis zu einem Masseanteil von etwa zehn Prozent Energiereserven an. Solche Glykogendepots befinden sich zwar auch in den Muskelzellen, werden von dort aber nur als Muskeltreibstoff abgerufen. Erst bei sinkendem Blutzucker spaltet die Leber ihre Glykogenpakete wieder in den vom Körper leicht verwertbaren Einfachzucker Glukose auf. Sehr zum Leidwesen von „Naschkatzen“ legt die Leber den Zuckerüberschuss aber auch in Fett an und baut Eiweiß in Zucker um. Sie kann sogar aus Fett Zucker produzieren und Alkohol teilweise zu Fett verarbeiten. Ein Zuviel des Guten schlägt sich also unweigerlich in Fettpolstern nieder. Unentbehrlich für die Fettverdauung ist die Gallenflüssigkeit. Die Leber nimmt dazu unter anderem Eigenbau-Cholesterin und den Gallenstoff Bilirubin aus den Abfällen des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin. In den Leberzellen wird pro Tag etwa ein Liter Gallenflüssigkeit produziert und zunächst in kleineren Kanälchen und dann in immer größeren Gallengängen gesammelt. Diese formen den Gallenhauptgang, der über die Leberpforte zum Zwölffingerdarm führt. 

Bei jedem fünften Erwachsenen ist eine Fettleber bereits zu erkennen, noch mehr Übergewichtige steuern darauf zu. „Hauptgrund für die Fettleber ist die Überernährung“, stellt Expertin Stephanie Hametner fest. Die Diagnose wird zunächst oft nicht ernst genommen – in Unkenntnis der Gefahr. Eine Untersuchung der Blut- beziehungsweise Leberwerte ist wichtig, um Entzündungsvorgänge in der Fettleber zu erkennen. Chronische Leberentzündungen können in einer Leberzirrhose enden. Dabei schrumpft das Lebergewebe, wird gleichzeitig faserig und narbig und kann seine komplexen Aufgaben nicht mehr erfüllen. Wie schnell eine Leberzirrhose voranschreitet, hängt von der Entstehungsursache ab. Neben der chronischen nichtalkoholischen Fettleberentzündung ist die alkoholische Fettleberentzündung häufig – eine Folge langfristigen Alkoholmissbrauchs. Autoimmunerkrankungen wie bestimmte Formen der Gallenwegentzündung sowie Autoimmunhepatitis und genetisch bedingte Eisen- oder Kupferspeicherkrankheiten (Hämochromatose, Morbus Wilson) sind seltenere Wegbereiter für die Zirrhose. 

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Leberentzündung

Hepatitis A, B, C, D und E sind Infektionen mit unterschiedlichen Übertragungswegen. Das Hepatitis-A-Virus wird durch Fäkalien über ungewaschene Hände, verschmutzte Handtücher, unsauberes Wasser und verunreinigte Nahrung wie beispielsweise rohe Schalentiere übertragen. Eine Hepatitis-B-Infektion passiert hauptsächlich über kontaminierte Blut- oder Sexualkontakte mit Infizierten. Hepatitis C wird nur über Kontakt mit infizierten Blutprodukten übertragen. In Drogenkreisen kann die gemeinsame Verwendung unsauberer Instrumente maßgeblich zur Übertragung und Ansteckung mit dem Hepatitis-C-Virus führen. Hepatitis D ist nicht allein ansteckend, sondern immer nur im Zusammenhang mit einer bestehenden Hepatitis B, birgt allerdings als Satelliteninfektion ein hohes Komplikationsrisiko. 

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Stumme Hepatitis

Hepatitis A kann stumm und unbemerkt bleiben, aber auch eine „Gelbsucht“ verursachen. In über 98 Prozent der Fälle klingt sie folgenlos spontan ab und wird nie chronisch. Hepatitis B wird – sofern sie einen Erwachsenen erwischt – fast nie chronisch. Eine Hepatitis B im Kindesalter hingegen wird der Organismus wegen des zum Infektionszeitpunkt noch unreifen Immunsystems meist lebenslang nicht mehr los. Die Hepatitis C verläuft bei den meisten Patienten chronisch. Hepatitis E ist eine meist akute, üblicherweise leichte Virusinfektion, die aber vor allem bei Schwangeren oder immunsupprimierten Patienten chronisch und mitunter kompliziert verläuft. 

Eine chronische Virushepatitis und Leberzirrhose zählen zu den größten Leberkrebs-Risikofaktoren, der sechsthäufigsten Tumorerkrankung, die mehr Männer als Frauen betrifft. In Entwicklungsländern sind Schimmelpilze in der Nahrung oft eine zusätzliche Ursache. 

„Gegen Hepatitis A und B kann man schutzimpfen, und das wird auch ganz klar empfohlen“, betont Stephanie Hametner. Eine Impfung gegen Hepatitis B bewahrt auch vor dem Hepatitis-D-Virus. Gegen Hepatitis E und Hepatitis C ist bisher noch kein Impfstoff verfügbar. Die in den letzten Jahren entwickelten Therapiemöglichkeiten bei Hepatitis C versprechen aber Heilungsaussichten bis zu 100 Prozent und sind deutlich kürzer und kostengünstiger als die einstige Kombinationstherapie aus Interferon und Virushemmer, die nur bei der Hälfte der Patienten erfolgreich war. 

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Leber – nicht immer still

Gewichtsverlust, Gelbfärbung der Augäpfel, Druckgefühl im Oberbauch, Müdigkeit, Appetitverlust, Durchfall, Nasenbluten – diese unspezifischen Symptome könnten auf ein schwelendes Leberproblem hinweisen. Signale einer bereits erheblichen Leberschädigung, etwa durch eine Zirrhose, sind Bauchwasser, Krampfadern in Magen und Speiseröhre, eventuell mit Blutungen, und die sogenannten Leberhautzeichen. Das sind charakteristische Hautveränderungen wie zum Beispiel gerötete Handflächen und Fußsohlen, dunkle, glänzende Zunge und Lippen („Lackzunge“) oder sternförmige Gefäßerweiterungen unter der Haut. 

Gefährlich ist der Pfortaderthrombus, ein Gefäßverschluss in der Pfortader, der im Zuge einer Leberzirrhose und auch unabhängig davon auftreten kann. Ein sich plötzlich bildender Thrombus kann heftige Beschwerden auslösen - von Schmerzen bis zur Bauchwasserentstehung. Ein langsam sich bildender Thrombus hingegen kann unbemerkt bleiben, wenn an der Verschlussstelle ein Ersatzkreislauf entsteht. Recht häufig, aber immer gutartig sind Leberzysten. Die flüssigkeitsgefüllten, wenige Millimeter bis zu mehrere Zentimeter großen Hohlräume sind harmlos, solange sie nicht zu zahlreich die Leber durchsetzen und ihre Funktion stören.  

Obwohl eine Leberzirrhose nicht heilbar ist – wenn ein Organversagen droht, bleibt als Hoffnung noch die Lebertransplantation. Erstaunlich ist die Regenerationsfähigkeit des Organs. Bei der chirurgischen Entfernung von Lebersegmenten, etwa auch bei einer Tumoroperation, müssen mindestens 20 Prozent gesundes Lebergewebe im Körper verbleiben. Aus diesem Rest entwickelt die Leber aber innerhalb weniger Monate neues, narbenfreies, funktionsfähiges Leberzellgewebe. Bestimmte Lebererkrankungen können schon im Kindesalter eine Lebertransplantation erfordern. Nach Möglichkeit werden dazu Lebendspender aus dem Familienkreis herangezogen. Auch dem Spender wächst die Restleber rasch wieder zu normaler Größe heran. 

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Gift für die Leber

Rauchen, Alkohol, Kaloriendauersünden, Bewegungsmangel – wer sich davon löst, muss nicht so tun, als sei ihm eine Laus über die Leber gelaufen. Im Gegenteil – ausgewogene Lebensmittelwahl aus der Fülle der Natur, Bewegung und frische Luft, das tut auch der Leber gut. Und vielleicht seltener etwas runterschlucken, sondern frei von der Leber weg sich äußern – das soll schon Hildegard von Bingen geraten haben, die in der Leber den Sitz aller Gefühle vermutet hat. 

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Leberwerte 

GOT (Glutamat-Oxalacetat-Transaminase), GPT/ALT, Gamma-GT/y-GT, AP: Das sind chemische Verbindungen – bestimmte Enzyme nämlich –, die durch Schädigung von Leberzellen vermehrt ins Blut abgegeben werden und somit eine Einschätzung des Leberschadens zulassen.  

Je höher die Leberwerte im Blut, umso größer ein möglicher Leberschaden? Nicht unbedingt, denn GOT und AP kommen auch im Herzmuskel und in der Skelettmuskulatur beziehungsweise im Knochen vor – gesteigert im Blut etwa nach Muskelkater und Herzinfarkt oder in der Schwangerschaft. Viele Medikamente verfälschen die Leberwerte vorübergehend. 

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Grenzwerte

FrauenMänner
GOT und GPT< 35< 50
Gamma--GT< 40< 60

alkalische Phosphatase/AP

35 - 105
40 - 130

Alkohol

Pro Stunde baut die Leber pro zehn Kilo Körpergewicht etwa ein Gramm Alkohol ab, indem sie Alkohol zunächst in eine Zwischenform, danach zu Essigsäure umbaut. Frauen besitzen etwas weniger der dazu notwendigen Enzyme als Männer, durchschnittlich weniger Körperwasser und weniger Masse, weshalb sie weniger Alkohol vertragen. Eine Halbe Bier oder ein Vierterl Wein pro Tag für Männer, für Frauen jeweils nur die Hälfte – das sind die empfohlenen Höchstmengen. 

 

Klaus Stecher 

Jänner 2019

 

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Kommentar

  Kraftwerk im Bauch Kommentarbild Dr. Stephanie Hamentner „Jeder Mensch sollte seine Leberwerte regelmäßig überprüfen lassen. Erhöhte Werte sollten jedenfalls Anlass für eine sorgfältige Ursachenforschung sein.“

Dr. Stephanie Hametner

4. Interne Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Ordensklinikum Elisabethinen, Linz

 

Bilder: shutterstock; privat


Zuletzt aktualisiert am 30. Januar 2019