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Mann hat eine Therapie am Laufband

Wirksamere Therapien bei Multiple Sklerose

Für Multiple Sklerose-Patienten stehen immer mehr wirksame Therapien zur Verfügung. Eine effektive Behandlung in den ersten Phasen der Krankheit kann sie stoppen und Patienten viele Beschwerden und vor allem auch Invalidität ersparen. 

Rund 12.500 Menschen in Österreich sind an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Es handelt sich um eine chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, von der vier Mal mehr Frauen als Männer betroffen sind. Bei den meisten Patienten tritt diese neurologische Krankheit in Schüben auf. Nur bei zirka jedem Zehnten zeigen sich keine Schübe und von Anfang an zunehmende Beschwerden. Wird die Krankheit nicht therapiert, droht allen Betroffenen das Risiko fortschreitender und ständiger Beschwerden, die letztendlich zu Behinderung und Invalidität führen können. 

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Falsches Bild in der Öffentlichkeit 

Das Bild vom MS-Patienten, der früher oder später zwangsläufig auf den Rollstuhl angewiesen ist, ist nicht mehr zeitgemäß und mittlerweile einfach falsch. „Erhält ein Patient die Diagnose, denkt er sofort an den Rollstuhl. Mit dieser Sichtweise sollte Schluss gemacht werden. MS bedeutet nicht zwangsläufig Behinderung und es verkürzt auch nicht das Leben. Nichts desto trotz wird MS immer noch stigmatisiert und mit falschen Vorstellungen verknüpft“, sagt Univ. Prof. Dr. Thomas Berger, Vorstand der Univ. Klinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Multiple Sklerose Beauftragter der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. 

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Bessere Prognosen 

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Prognose der Erkrankung für die Betroffenen laufend verbessert. Die Therapien wurden effektiver und die Betreuung engmaschiger. Nach der Diagnose wird möglichst rasch behandelt und Reha-Maßnahmen werden frühzeitig eingeleitet. Berger: „All das hat dazu geführt, dass schwere Krankheitsverläufe inklusive Invalidität stark zurückgegangen und zur Ausnahme geworden sind.“

Ziel einer Therapie ist, die Krankheitsaktivitäten nicht nur einzubremsen, sondern völlig zu stoppen und auch keine weiteren Schübe auftreten. „Das Ziel eines völligen Stopps von Krankheitsschüben ist heute keine Utopie mehr und wird immer häufiger erreicht. Immer mehr Menschen bleiben immer länger, oft auch bis ans Lebensende ohne weitere Beschwerden“, sagt Berger. 

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Frühe Diagnosen 

Die Diagnose wird heute meist frühzeitig nach dem Auftreten erster Symptome gestellt. „Alle Ärzte sind heute sehr gut darauf geschult und erkennen die Anzeichen. Mussten Patienten früher oft jahrelang warten, bis ihre Beschwerden als mögliche MS-Symptome erkannt wurden, so besteht diese Gefahr heute kaum noch“, so Berger. 

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Neue Medikamente 

Lange gab es nur ein einziges Medikament, heute stehen sechzehn verschiedene Präparate zur Verfügung. „Man kann dadurch immer besser auf den Patienten individuell eingehen und ein Medikament wechseln, wenn es die Krankheit nicht stoppen kann. Ein Wechsel ist oft auch nötig, da nicht jeder Patient auf jedes Medikament gleich gut anspricht und es mitunter schwierig sein kann, die beste Therapie rasch zu finden“, sagt Berger.

Konsultiert ein Patient wegen seiner Beschwerden erst spät einen Arzt, kann es in der Zwischenzeit bereits zu Schädigungen an den Nerven gekommen sein, die oft nicht mehr zu beheben sind. „Das Rad der Zeit zurückzudrehen ist schwierig. Daher ist es wichtig, MS frühzeitig und effektiv zu behandeln, um irreversible Schäden zu vermeiden. Wer sich dagegen früh behandeln lässt, hat kaum dauerhafte Beschwerden zu befürchten“, so der Neurologe. 

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Drei Säulen der Therapie 

Eine MS-Therapie ruht auf drei Säulen:

  • Akute Schubtherapie: Akute Krankheitsschübe werden mit Kortison behandelt. „Das ist Standard und sollte auch in jedem Fall durchgeführt werden“, erklärt Berger.
  • Verlaufstherapie: die hier eingesetzten Medikamente dienen dazu, Schüben möglichst vorzubeugen und ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.
  • Symptomatische Therapie: Medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapien (Physiotherapie und Ergotherapie) dienen dazu, mögliche Symptome wie Spastik, Schmerzen, Bewegungskoordinationsstörungen, Zittern, Fatigue (Erschöpfung), Blasenstörungen, sexuelle Dysfunktion, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, eine reduzierte Informationsverarbeitungsfähigkeit sowie Gedächtnisstörungen zu behandeln und das Gehvermögen zu erhalten. Weil die Symptome der MS individuell sehr verschieden sind, muss auch die Therapie auf die Beschwerden des Patienten zugeschnitten werden.

Wie lange eine Therapie nötig ist, lässt sich nicht generell sagen. Berger: „Es ist immer eine individuelle Entscheidung, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um zu versuchen, ob ein Patient auch ohne Medikamente auskommt. Im Allgemeinen dauert die Therapie einige Jahre, eine lebenslange Therapie halte ich nicht für notwendig. Die Prognose ist umso besser, je früher die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen wurde.“ 

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Biomarker gesucht 

Ein Blick in die nahe Zukunft lässt noch auf weitere und vielleicht noch wirksamere Medikamente hoffen. „Der nächste wirklich entscheidende Schritt wird sein, Biomarker zu finden, die uns sagen, welche Medikamente beim jeweiligen Patienten am besten wirken“, sagt Berger.

Dass man auch die Entstehung der Erkrankung medizinisch verhindern könnte, ist nicht in Sicht. „MS ist eine Autoimmunerkrankung. Solange man nicht weiß, warum dieser und jener Patient eine Autoimmunerkrankung bekommt, liegt der medizinische Fokus darauf, eine bereits eingetretene Erkrankung zu stoppen“, hält der Neurologe fest. 

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Patienten wirken mit 

Die Therapie von MS hängt – wie jede Therapie einer chronischen Erkrankung – entscheidend von der Mitwirkung der Betroffenen ab. Während manche an der Erkrankung verzweifeln, kommen andere damit gut zurecht. Berger: „Patienten erzählen immer wieder, dass es für sie entscheidend ist, dass sie sich wohl fühlen können. Um das zu erreichen, machen sie nicht nur die vereinbarte Therapie, sondern versuchen auch selbst durch ihren Lebensstil sich Gutes zu tun, indem sie gesund essen, sich viel bewegen und generell so leben, wie es ihnen entspricht. Fast jeder Patient macht von sich aus auch eine komplementäre Therapie, von der er überzeugt ist, dass sie ihm guttut. Das Angebot ist riesig. Solange ihm dadurch nicht das Geld aus der Tasche gezogen wird, sollte man das als Arzt auch unterstützen, wenn sich der Patient damit wohlfühlt. Wichtig für die Patienten ist es, die Erkrankung zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Manche sind darin echte Meister geworden. Sie berichten, dass sie erst durch die Erkrankung zu einem positiven und erfüllten Leben gefunden haben, indem sie dieses geändert und die Krise als Chance genutzt haben. Mit dieser Einstellung machen sie auch die Therapie sehr gut mit, was wiederum ihrer Gesundheit nützt.“

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 18. Januar 2019