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Frau wird gefüttert

Neurologische Erkrankungen führen oft zu Mangelernährung

Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Demenz. Viele Betroffene nehmen zu wenig Nahrung zu sich. Der dadurch eintretende Verlust an Gewicht und Muskulatur verschlechtert den Gesundheitszustand weiter. Der Ernährung wird in der Therapie zunehmend eine wichtige Rolle zugesprochen. 

Laut dem European Brain Council leiden rund 220 Millionen Menschen in Europa an mindestens einer neurologischen Erkrankung. Viele dieser Patienten können sich wegen ihrer Erkrankungen oft nicht angemessen ernähren und leiden an einer Mangelernährung. Betroffen sind vor allem Menschen mit Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson, Demenz, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumor, Hirnblutungen, Hirnhautentzündung, Epilepsie, ALS und Chorea Huntington. 

Die häufigsten Mängel betreffen Kalorien, Proteine und Flüssigkeit (Dehydration). Mängel an Vitaminen und Spurenelementen betreffen vor allem Vitamin D (oft bei Parkinson) und das Spurenelement Eisen. 

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Ursachen 

Mangelernährung bei neurologischen Erkrankungen kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Vor allem ist sie auf folgende Umstände zurückzuführen:

  • Schluckstörungen: Vor allem bei Schlaganfall-Patienten, aber auch bei Parkinson, Multipler Sklerose und Amyotropher Lateralsklerose (ALS) sind Schluckstörungen ein häufiges Problem. Fast jeder zweite Schlaganfall bringt in der Akutphase eine Schluckstörung mit sich.
  • Schlechter Appetit: Menschen mit neurologischen Erkrankungen haben oft wenig Appetit, zum Teil verursacht durch Medikamente oder durch depressive Phasen im Rahmen ihrer Grunderkrankung.
  • Kaubeschwerden: Fällt das Kauen schwer, isst man automatisch weniger. Gewichtsverlust führt bei erkrankten alten Menschen oft dazu, dass die Zahnprothese schlecht sitzt und dadurch das Kauen noch schwerer fällt.
  • Die Erkrankung an sich erschwert die Nahrungsaufnahme: Zum Beispiel Zittern bei Parkinson, wenn Demenzkranke zu essen vergessen und der Essensrhythmus verloren geht oder ein schwer Demenzerkrankter keinen Sinn mehr im Essen erkennen kann oder nicht mehr weiß, dass man den Bissen im Mund auch schlucken muss.
  • Befindet sich der Erkrankte in einem Krankenhaus oder Pflegeheim, dann steht plötzlich das gewohnte Essen nicht mehr zur Verfügung. Das Essen schmeckt nun anders als gewohnt und wird oft abgelehnt. Wichtig ist es daher, dass das Essen gut schmeckt und appetitlich aufbereitet ist.
  • Soziale Umstände: Für kranke Menschen ist es mühsam bis unmöglich, einkaufen zu gehen, zu kochen oder selbstständig zu essen. Klappt die Versorgung nicht optimal, ist die Ernährung oft einseitig oder das Essen entfällt mitunter auch ganz.
  • Patienten mit Multipler Sklerose können sowohl an Über- als auch an Untergewicht leiden. Eine Mangelernährung ist bei diesen Patienten häufig, und zwar auch bei den Übergewichtigen (bei falscher Ernährung mit zu wenig Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen oder bei sehr raschem Gewichtsverlust in kurzer Zeit).
  • Patienten mit Chorea Huntington haben einen erhöhten Kalorienbedarf, sie benötigen bis zu 4000 Kalorien pro Tag.

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Vielfältige Auswirkungen 

Die möglichen Auswirkungen von Mängeln sind breit gestreut:

  • Unterernährung, wobei das Gewicht unter jenen Korridor fällt, der als gesund („Normalgewicht“) gilt
  • Verlust an Muskelkraft, Selbstständigkeit und Mobilität
  • Risiken für Komplikationen im Krankheitsverlauf steigen. Patienten liegen länger im Krankenhaus
  • schlechtere Lebensqualität
  • erhöhte Müdigkeit, erhöhte Kälteempfindlichkeit
  • geschwächtes Immunsystem
  • Sterberisiko steigt 
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Auch Kinder und Jugendliche betroffen 

Kinder und Jugendliche mit neurologischen Erkrankungen sind häufig von Mangelernährung betroffen. Bei vielen liegt vor allem ein Mangel an zugeführter Energie vor, sie nehmen also zu wenig Kalorien zu sich. Das kann zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen führen. „Oft liegt auch eine Unterversorgung mit Kalzium und Vitamin D vor. Das kann die Bildung einer ausreichenden Knochendichte stören und in späteren Jahren Osteoporose begünstigen. Bei stark untergewichtigen Mädchen kommt es häufig zu einem Ausfall der Regelblutung“, sagt Martina Leitenmüller. Diätologin am Kepler Universitätsklinikum Neuromed Campus in Linz. 

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Diagnose 

Ob ein Patient an Mangelernährung leidet, ergibt sich oft schon aus dem Erscheinungsbild (starkes Untergewicht mit Muskelverlust mitsamt schlaffer Haut, dünne Arme und Beine, brüchige Nägel, fahle Haut, Risse an den Mundwinkeln etc.). Mit gezielten Fragen nach dem Verlauf des Gewichtsverlustes, nach der Mobilität etc. wird dem ersten Verdacht nachgegangen. Mängel an Vitaminen und Spurenelementen werden durch Laborwerte (Blutproben) festgestellt.

„Wichtig ist nicht nur der Body-Mass-Index, sondern vor allem der Gewichtsverlauf. Alarmierend ist ein Gewichtsverlust von über fünf Prozent in den letzten drei Monaten oder von über zehn Prozent in den letzten sechs Monaten. Ist das der Fall, ist das ein Alarmzeichen. Dann muss dringend gehandelt werden, es muss also die Ernährungssituation verbessert werden“, sagt Leitenmüller. 

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Therapie 

Einem guten Ernährungsstatus wird in der Therapie von neurologischen Erkrankungen zunehmend eine wichtige Rolle eingeräumt. Eine Ernährungsintervention sollte so rasch wie möglich durchgeführt werden. Ziel ist es, dass der Patient jene Energie und Nährstoffe bekommt, die er tatsächlich braucht. Folgende Maßnahmen sind möglich und werden individuell, je nach Bedarf, durchgeführt:

  • Ein Mangel an Vitaminen & Co wird durch Substitution ausgeglichen, häufig werden Vitamin B und Eisen zugeführt.
  • Speisen werden mit Öl oder Schlagobers oder hochkalorischen Nahrungssupplementen angereichert.
  • Gezielte Kalorienzufuhr, zum Beispiel durch energiereiche Trinknahrung.
  • Kalorienreiche Zwischenmahlzeiten.
  • Gezielte Zufuhr von Proteinen zur Stärkung der Muskulatur.
  • Die Konsistenz der Nahrung verändern, zum Beispiel bei Schluckstörung die Speisen pürieren oder Getränke und Suppen andicken.
  • Ess- und Trinkhilfen verwenden, geeignetes Besteck verwenden, um das Essen besser in den Mund zu bekommen.
  • Dem Patienten Essen verabreichen oder ihm beim selbstständigen Essen helfen, zum Beispiel Demenzkranke ermuntern, einen Bissen zu nehmen, zu kauen, zu schlucken.
  • Braucht ein Patient mehr Kalorien, sollte man immer achtgeben, was er gerne isst, damit steigen die Chancen, dass er die angebotenen Speisen auch tatsächlich zu sich nimmt.
  • Dementen, die Schwierigkeiten haben, mit Besteck zu essen, kann man Fingerfood anbieten.

 

Bevor eine Therapie der Grunderkrankung im Krankenhaus beendet wird, sollte man gemeinsam mit dem Patienten beziehungsweise den Angehörigen planen, wie die nachfolgende Versorgung und erforderlichenfalls auch die Pflege gewährleistet werden kann. „Es gibt verschiedene Hilfsorganisationen, die man kontaktieren kann, wie etwa Essen auf Rädern. Besteht keine Möglichkeit auf eine Pflege zuhause, so sollte man sich um einen Platz für betreutes Wohnen oder in einem Alten- oder Pflegeheim kümmern. Muss der Patient zuhause gefüttert oder mit einer Sonde ernährt werden, sollten sich die pflegenden Angehörigen schulen lassen, das erleichtert ihnen und den Patienten die Sache enorm“, sagt Leitenmüller.

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2019


Bild: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 14. Januar 2019